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Freitag, 26. August
© NDR/Vincent Television Lupe
Aus Gehlens Privatarchiv: Gehlen mit seinem amerikanischen Verbindungsoffizier Waltman (ganz rechts)
Die Geheimdienstlegende
Reinhard Gehlen und der BND
Reinhard Gehlen war der Gründer des deutschen Auslandsnachrichtendienst - dessen Vorläufer sogar seinen Namen trug: "Operation Gehlen". Doch der Generalmajor war in die Machenschaften des Hitlerregimes verstrickt und Gehlen beschäftigte auch nach dem Zweiten Weltkrieg Kriegsverbrecher und Massenmörder.
Der Mann im Dunkeln, ohne Gesicht
Zu seinen Lebzeiten war er in Westdeutschland ein angesehener Mann, erhielt das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik mit Stern und Schulterband: Reinhard Gehlen, Begründer des Bundesnahrichtendiensts (BND). Dass er im Zweiten Weltkrieg bereitwillig Hitler beim Ostfeldzug, zuletzt im Rang eines Generalmajors diente, schien niemanden zu stören. Über seine Rolle in der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1969 war nur wenig bekannt. Er war der Mann im Dunkeln, der Mann ohne Gesicht. Bis vor wenigen Jahren wurden nur wenige Fotos von ihm veröffentlicht, er gab nie Fernsehinterviews. Doch nach 60 Jahren und der Öffnung der CIA Archive gelangen pikante Einzelheiten über Gehlen ans Licht.

Reinhard Gehlen, geboren 3.4.1902 in Erfurt, wuchs in Breslau auf. Er trat nach dem Abitur in die Fußstapfen seines Vaters, der im Ersten Weltkrieg als Offizier diente. Gehlens Aufstieg gestaltete sich rasant: 1923 wurde er Leutnant, 1928 Oberleutnant. Im Jahr der Machtübernahmen Hitlers 1933 wurde er zum Generalstab nach Berlin kommandiert, wo er zum Hauptmann befördert wurde. Im Reichskriegsministerium diente er u. a. bei General von Manstein in der Organisationsabteilung. 1939 rückte er in Polen ein und übernahm 1942 als Oberst die Abteilung "Fremde Heere Ost" (FHO). Die Abteilung war im Generalstab des Heeres angesiedelt und hier liefen alle für die Kriegsführung im Osten wesentlichen Meldungen zusammen.

Da sich in dieser Zeit das Verhältnis zwischen der Abwehrabteilung des Admirals Canaris und der SS zuspitzte und Canaris mehr und mehr in seiner Arbeit behindert wurde, sah sich Gehlen genötigt, einen eigenen Nachrichtenapparat aufzuziehen. Gehlen verstand es, sich mit der damals immer bestimmender werdenden SS zu arrangieren und sich und seine Mitarbeiter als Ost-Experten unentbehrlich zu machen.


Mikrofilme in wasserdichten Fässern
© NDR/Vincent Television Lupe
Gehlens US-Armee-Ausweis mit Decknamen
Der erfahrene Geheimdienstler, dessen beherrschende politische Motivation stets ein ausgeprägter Antikommunismus war, erwies sich nach dem Krieg als gefragter Ostexperte und Spionage-Fachmann. Mit der Entnazifizierung nahmen es die Amerikaner öfters nicht so genau, wenn der Betreffende in der Auseinandersetzung mit den Sowjets, die später "Kalter Krieg" heißen sollte, dringend benötigt wurde. Brauchen konnten die Amerikaner und ihre Auslandspionage vor allem die in wasserdichten Fässern verpackten Mikrofilme, die Gehlen in Voraussicht des Zusammenbruchs des Dritten Reichs im März 1945 in den österreichischen Alpen vergraben ließ. Sie umfassten das gesamte Wissen der Abteilung "Fremde Heere Ost" über die sowjetischen Streitkräfte, ihre Politiker und Generäle.

Die Amerikaner nahmen seine Dienste dankend an. Er erhielt schon ein Jahr vor Gründung eines westdeutschen Staates den Auftrag, einen deutschen Nachrichtendienst aufzubauen. Seine Organisation siedelte aus bescheidenen Anfängen in Oberursel/Ts. nach München-Pullach über. Hier, in einer ehemaligen Wohnsiedlung für Mitarbeiter der NSDAP und dem Führerhauptquartier "Siegfried", etablierte Gehlen 1947 den Vorläufer des BND. Die "Organisation Gehlen" begann ihre Tätigkeit mit einer "umfassend angelegten Befragungsaktion unter den nach Deutschland zurückgekehrten sowjetischen Kriegsgefangenen" - so weit der Dienst über sich selbst. 1955 wurde aus der "Organisation G." der "Bundesnachrichtendienst" (BND), der direkt dem Bundeskanzler untersteht.


Verurteilte Kriegsverbrecher arbeiteten für Gehlen
Das Wissen über die Kriegszeit war Gehlens Geheimdienst von Vorteil. Belastendes Material über Führungspersönlichkeiten der DDR verhalfen zu manchen Erfolgen. Doch diese personelle und fachliche Kontinuität hatte aus heutiger Sicht viele Schattenseiten: Zu eng war der Dienst - auch geistig - noch bis in die sechziger Jahre hinein mit dem Nationalsozialismus verbunden. "Viele Kriegsverbrecher und SS-Leute hatten in ihm ihre unter den Nazis begonnene Karriere ungehindert und unbestraft fortsetzen können. Das belegen nicht zuletzt jüngst freigegebene US-Geheimdienstakten aus den Fünfziger Jahren." (Andreas Förster in der Berliner Zeitung, 18.07.2006). In den CIA-Akten gibt es Hinweise, dass Gehlen schon 1958 - zwei Jahre vor den Israelis - wusste, unter welchem Namen sich Adolf Eichmann in Argentinien versteckte. Man verriet aber nichts, denn man befürchtete, vermutlich dass Eichmann den "Kontrolleur" Gehlens, Staatssekretär im Bundeskanzleramt Hans Globke, belasten würde.

Der BND hörte auch SPD Politiker ab
© NDR/Vincent Television
Gehlen in geheimer Mission
Ein gewisser Alois Brunner, der Nachfolger Adolf Eichmanns als Leiter der "Wiener Zentralstelle für jüdische Auswanderung", sprich ein Massenmörder, arbeitete unter Gehlen. Der kanadische Historiker Timothy Naftali kommt nach der Auswertung von CIA-Akten zu dem Schluss, dass für die Organisation Gehlen mindestens 100 ehemalige SS-Mitglieder tätig gewesen seien. Viele Jahre lang war die noch junge Vergangenheit kein Thema. Hinweise, dass sich Gehlen auch in der BRD nicht an die demokratischen Spielregeln hielt, gab es durch seine Tätigkeiten im Inneren. Dem BND waren Aktionen in der BRD eigentlich verboten. Dennoch ließ Gehlen die SPD-Opposition, die nach 1966 auch Regierungsverantwortung übernahm, abhören und bespitzeln. Gehlen bestritt den Sachverhalt allerdings bis zu seinem Tod. Doch das Tauwetter der Sozialdemokratie war kein Klima für einen Kalten Krieger.

Am 1. Mai 1968 wurde Gehlen als Präsident des Bundesnachrichtendienstes von Generalleutnant Gerhard Wessel abgelöst. Nach seiner Pensionierung trat der bis dahin in völliger Tarnung lebende Gehlen verschiedentlich mit politischen Stellungnahmen an die Öffentlichkeit. Viel diskutiert und kritisiert wurden seine Memoiren, die 1971 unter dem Titel "Der Dienst - Erinnerungen 1942 - 1971" erschienen. Gehlen starb am 8. Juni 1979 im Alter von 77 Jahren in seinem Haus in Berg bei Starnberg/Obb. Er hinterließ einen Sohn und drei Töchter.


Das Leben und Agieren des Top-Spions Gehlen
Sehen Sie am Donnerstag, 1. November 2012, morgens um 5.45 Uhr einen Film von Wolfgang Klauser und Ulrich Stein über das Leben des "ersten deutschen Spions". Exklusiv für den NDR öffnete seine Familie den privaten Nachlass des "Vaters des BND": Fotos, persönliche Aufzeichnungen, Erinnerungsstücke und ein bislang noch nicht gesichteter Schatz - 8mm Filmaufnahmen, die u.a. Reinhard Gehlen im Kreise der Familie und Freunde zeigen. Die Aussagen und Erlebnisse der Familie (u.a. Gehlens Sohn Christoph und Tochter Dorothee), die Aussagen von Mitarbeitern und anderen Zeitzeugen haben neue Erkenntnisse über das Leben und Agieren des Top-Spions Gehlen gebracht. Bislang noch nie öffentlich aufgetretene Zeitzeugen berichten über die Zusammenarbeit mit Gehlen - darunter CIA-Verbindungsoffiziere, die auch zur Nazivergangenheit des BND-Chefs und seinen Mitarbeitern aussagen.

Sendedaten
Donnerstag, 1. November 2012, 5.45 Uhr
Thementag
Spielfilme und Dokumentationen aus der Welt der Geheimdienste

Donnerstag, 1. November 2012
ab 5.45 Uhr
Hintergrund
Chronologie der Spionage im Kalten Krieg