Übersicht
TV-Programm
Mittwoch, 24. Juni
© dpa Lupe
Beschäftigte der Diakonie demonstrieren für mehr Mitsprache, Tarifverhandlungen und ein Streikrecht. Diese gibt es für sie oft nicht.
Gott hat hohe Nebenkosten
Wer wirklich für die Kirche zahlt
Für die Kirche zu arbeiten sei eine erfüllende Aufgabe, denkt der Laie. Krankenpflege, Kindergarten und Schule - sinnstiftende Aufgaben im Dienst der Allgemeinheit. Doch dass für diese Arbeitnehmer besondere Regeln gelten, ist kaum bekannt. Warum darf eine geschiedene Kindergärtnerin nicht mehr arbeiten? Warum gibt es kein Streikrecht in kirchlichen Krankenhäusern?
Warum dürfen Kirchen, was anderen verboten ist?
Lupe
Die Kindergartenleiterin Bernadette K. wurde von der Kirche entlassen, weil sie sich von ihrem Mann trennte und zu einem neuen Partner zog.
Bernadette K. wurde als Leiterin eines katholischen Kindergartens entlassen, weil sie sich von ihrem Mann trennte und zu einem neuen Partner zog. Ein Verstoß gegen das sechste Gebot "Du sollst nicht die Ehe brechen." Und ein Verstoß gegen die Loyalität zur ihrem Arbeitgeber, hatte die Kirche entschieden und ihr gekündigt. Ihr wurde zwar angeboten, in einer anderen Gemeinde zu arbeiten, doch das wollte sie nicht. Wie Bernadette K. arbeiten weit über eine Million Menschen in sozialen Einrichtungen für die Kirchen - in Kindergärten, Krankenhäusern, Schulen und Altenheimen. Sie alle unterliegen einem besonderen Arbeitsrecht. Inwieweit darf die katholische Kirche einer Mitarbeiterin im Kindergarten vorschreiben, was sie in ihrem Privatleben für Entscheidungen trifft? Was anderen Arbeitgebern strikt verboten ist, soll für die Kirchen nicht gelten?

Wer konvertiert, fliegt
Die Arbeitsgerichte geben regelmäßig dem Arbeitgeber Kirche Recht: Wer aus der Kirche austritt, dem kann gekündigt werden. Wer zu einem anderen Glauben konvertiert ebenso. Homosexualität rechtfertigt die Kündigung durch einen konfessionellen Arbeitgeber. Ehebruch oder moralische Verfehlungen führen zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen. Religionsgemeinschaften dürfen Angestellten kündigen, wenn in Handlungen oder Äußerungen keine Übereinstimmung mit den kirchlichen Glaubens- und Moralvorstellungen erkennbar ist. Grund dafür ist die Glaubensfreiheit in Art. 140 des Grundgesetzes, die es den Kirchen im Rahmen des Selbstverwaltungsrechts ermöglicht, ein eigenständiges Arbeitsrecht zu verfassen (verkürzt: der sogenannte "3. Weg").

Keine Moslems für christliche Seelsorge
© WDR Lupe
Musste der Pfarrer Bernadette K. entlassen, weil sie zu einem neuen Partner zog?
Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften sind sogenannte "Tendenzbetriebe", also Unternehmen, die nicht nur Geld verdienen wollen, sondern auch andere Ziele verfolgen, wie Verbreitung des Glaubens, Erziehung von Jugendlichen oder Pflege von Alten und Kranken. So weit, so vernünftig: Betriebe mit einer konfessionellen Ausrichtung ist erlaubt, einen Moslem für die Stelle eines Gemeindeseelsorgers abzulehnen. Bei der Bewerbung im Supermarkt um die Ecke darf aber seine Religion keine Rolle spielen. Und Streiks und Aussperrungen würden wohl auch nicht zu einem Altersheim passen, legen die Kirchen überzeugend dar.

Die Allgemeinheit zahlt, hat aber nichts zu sagen
Doch problematisch wird es dort, wo kirchliche Einrichtungen staatliche Aufgaben übernehmen. Wo Kirche draufsteht, ist häufig vor allem Staat drin. Denn für die christlichen Einrichtungen zahlt zum größten Teil die Allgemeinheit. Der Kindergarten, in dem Bernadette K. arbeitete, wird zu 100 Prozent aus öffentlichen Geldern finanziert. Bei Caritas und Diakonie finanziert die Kirche selbst nur noch etwa zwei Prozent des Etats, 98 Prozent trägt die Gesellschaft.

Kirchen entlasten den Staat
© WDR Lupe
Die Kindergarteneltern wehren sich gegen die Entlassung.
Die Kirchen entlasten die Haushalte von Ländern und Kommunen und übernehmen Aufgaben, für die der Staat eigentlich zuständig ist. Kirchliche Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser arbeiten kostengünstiger als ihre öffentlichen oder privaten Konkurrenten. Kirchliche Einrichtungen sind auch von der Körperschafts- und der Umsatzsteuer befreit, und sie dürfen - im Gegensatz zum Staat - Gebühren wie Schulgeld erheben.

Kein Tarif - kirchliche Träger auf dem Vormarsch
© WDR Lupe
Pfarrer sind nicht nur Seelsorger, sondern auch Arbeitgeber.
Auch bekommen sie in der Regel höhere Zuschüsse von den Bundesländern als die kommunalen Einrichtungen. Deswegen sehen viele Kommunen in der Ansiedlung kirchlicher Einrichtungen eine "Win-win-Situation": Die Stadtverwaltungen werden entlastet, weil sich die kirchliche Organisation um alle Belange ihrer Arbeitgeber kümmert: von der Gehaltsabrechnung bis zur Organisation von Fortbildungen. Das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen erlaubt es auch ein eigenes Tarifsystem einzuführen und somit Mitarbeiter schlechter zu bezahlen, als dies in öffentlichen oder privaten Unternehmen möglich wäre. Dies ist ein Grund, warum kirchliche Träger auf dem Vormarsch sind: Die Anzahl der christlichen Schulen ist in den letzten 15 Jahren um 30 Prozent gestiegen.

Wie kommt es zu diesem Finanzierungssystem? Und wofür gibt die Kirche das eigene, das Kirchensteuer-Geld aus? Sehen Sie am Freitag, 2. Mai 2014, 20.15 Uhr die Reportage von Eva Müller "Gott hat hohe Nebenkosten". Die Autorin ging mehreren Fällen nach, in denen das Moralverständnis einer säkularen Gemeinschaft nicht mehr mit den Anforderungen kirchlicher Arbeitgeber in Deckung zu bringen ist. Sie sprach unter anderem mit Bernadette K. und den Kirchenvertretern, die ihr kündigten, und sie zeigt an weiteren Beispielen aus dem ganzen Land, welche Sonderrechte die Kirche hat, woher die Kirche ihr Geld bekommt und was sie damit macht.


Sendedaten
Freitag, 2. Mai 2014, 20.15 Uhr
Mediathek
Sehen Sie die Sendung in der ARD-Mediathek
Kulturzeit
Ehe gescheitert - Job weg
Über das Buch von Eva Müller: "Gott hat hohe Nebenkosten".
Scobel
Kirche im Abseits
Links