FON
Hotspots für alle!
Donnerstagmorgen in Paris, es ist zehn Uhr. Der Multimillionär Martin Varsavsky ist noch nicht ganz angezogen. Keine dunkelblauen PR-Kostümchen wuseln um ihn herum, in der Altbauwohnung an der Pariser Place des Vosges herrscht Kabelverhau über geschmackvolle Einrichtung. Martin trägt Jeans und ist barfuss, das graumelierte Haar noch nicht ganz trocken. Ist das der neue Gebieter über das kabellose Internet?
Oh ja, er ist es. “Ich war wach bis heut früh um drei”, grinst er, “ich hab noch an meinem Blog geschrieben und so Sachen.” Sprichts und macht sich noch vor dem ersten Kaffee daran, seine Router zu konfigurieren. Gleich mehrere schwarz-blaue Linksys-Kisten liegen bei ihm herum, ganz abgesehen von mehreren Smartphones, Ipods und anderen Gadgets, die das Herz jedes Geeks höher schlagen lassen. Wir haben zwei Stunden, also muss es schnell gehen.
Martin Varsavsky, Mitte Vierzig, Argentinier, in Madrid lebend – und in Paris – Gründer und Weiterverkäufer von vier erfolgreichen Firmen, unter anderem Jazztel, einem spanischen ISP, den er anschliessend der deutschen Telekom verkaufte, ist nun der Kopf einer Bewegung: Fon. Das ist kein neuer Roman von Frank Schätzing, sondern eine geniale Idee: Drahtloses Internet für alle, überall – sofern sie sich der Community anschliessen.

Ganz einfach:
Wer Fonero werden will, registriert sich bei Fon.com und meldet dort seinen Router an. Den gibt es entweder bei Fon für 5 Euro derzeit. Oder man hat schon einen. Wenn man einen bestimmten Router von Linksys oder Buffalo sein eigen nennt, kann diesem eine neue Software aufspielen, und schon gehts los. Diese Software ist Open Source, wie die ganze Fon-Idee.

Wer also Fonero ist, kann andere bei sich mitsurfen lassen. Entweder umsonst, dann ist er ein Linus, oder gegen Geld, dann ist er ein Bill (was übrigens nichts mit Bill Gates zu tun hat, sondern aus dem Englischen “To bill” kommt, abrechnen). Um aber dem Wucher aller kostenpflichtigen Hot Spots dieser Welt Paroli zu bieten, liegt der Surfpreis bei Fon fest: 3 Euro/$ pro 24 Stunden. Die Hälfte geht an Fon. Wer mitsurfen will, aber kein Fonero ist, heisst “Alien” und bezahlt diesen Preis.

Martins Augen leuchten, wenn er von seiner Idee erzählt. Hier haben wir es mit einem Visionär zu tun, einem, der Ideen hat und die Gabe, andere dafür zu begeistern. “Zu Hause sind wir reich, da haben wir einen schnellen drahtlosen Internetanschluss. Aber wenn wir unterwegs sind, betteln wir um ein bisschen Wi-Fi!” und Fon soll dem ein Ende bereiten. Am 26.6. wurde die neue Website gelauncht und das Modell des “Bill” in die Tat umgesetzt. In vier Tagen stieg die Zahl der registrierten Foneros um täglich mehr als 2000; Anfang Juli bis auf über 66000. Bis Ende 2007 will man so eine Million Hot Spots weltweit erreichen. Und das bislang ohne richtige Werbung.

Man arbeitet mit den ISPs zusammen, auch wenn die teilweise in ihren AGBs festgelegt haben, dass man einen Breitbandanschluss nicht teilen darf. Arbeitet man aber zusammen an dem Ziel, möglichst viele Menschen ins Internet zu bringen, könnte ein Schuh draus werden.

Inzwischen ist Jean-Bernard eingetroffen, der Leiter der französischen Fon-Niederlassung. Ausgemachter Anhänger der Open-Source-Bewegung, passt er hervorragend zu Fon. User generated infrastructure meets user generated content. Fon ist das technische Equivalent zu Blogs, Flickr und Podcasts.

Und dahin gehen auch Martins Ideen. Fon soll nicht nur ein weltweites Netz von Hot Spots sein, sondern mehr: Der Router, „Fonera“ genannt, ist ein Linux-Rechner und soll ab erst als „Downloader“ fungieren, versehen mit USB-Anschluss, damit Up- und Downloads ins Netz unabhängig vom Rechner funktionieren können.

Und Nachbarin Anina, Model und Fashion-Bloggerin, ist der Prototyp einer mobilen Fonera: Ständig unterwegs mit dem ständigen Bedürfnis, online zu sein. Sie bloggt auch mit ihrem Handy. Und das brachte Martin auf den Gedanken, dass Hersteller von Wlan-fähigen Handies diese „FON-friendly“ machen könnten. Dann ist es denkbar, mit dem Handy einen FON-Hotspot zum Telefonieren (via VOIP) und Surfen zu nutzen. Und sollte keiner da sein, eben weiter das GSM-Netz.

Wir verlassen Paris und Martin und denken, dass wir Zeuge einer Revolution werden. Wenn auch nur einer kleinen.


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www.fon.com
www.anina.net

06.07.2006 / neues.online.mf
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