Die Vermessung der Lust
wissen aktuell: Schaltzentrale Gehirn
Leidenschaft ist ein Urinstinkt. Ein einzigartiges Phänomen. Wenig beschäftigt uns mehr als unser Trieb. Wir fühlen uns heute aufgeklärt, sexuell befreit von Jahrtausende alten Zwängen. Doch wissen wir überhaupt wie die Lust auf Sex entsteht?
Forscher wollen es genau wissen: Wie kommunizieren Gehirn und Genitalien? Wo in unserem Kopf befindet sich das Lustzentrum? Und wie können wir unseren Trieb beeinflussen? Wird es eine Pille für die Lust geben? Mit Methoden der Hirnforschung wollen wir das Rätsel der Begierde entschlüsseln. Mit kostspieliger Medizintechnik die Entstehung der Lust vermessen.
Bei Männern regt sich mehr im limbischen System – in dem Bereich des Gehirns, der für den Trieb zuständig ist. Bei Frauen schaltet sich eher der Verstand ein. Sie kontrollieren sich stärker.

Das sogenannte Belohnungssystem springt bei beiden Geschlechtern auf Nacktbilder an – die Region, die auch im Drogenrausch aktiv wird. Es ist der älteste Teil des menschlichen Gehirns, der uns Lust verschafft. Ein archaischer Bestandteil unseres Körpers. Dass Frauen körperlich so schnell auf Pornos anspringen, räumt mit den Klischees auf. Eine amerikanische Studie belegt sogar: Männer schauen den Akteuren erst einmal ins Gesicht. Frauen blicken gleich auf die Genitalien. Die Wissenschaft war beim Thema Sex lange nicht auf der Höhe der Zeit.

Erst die Erfindung von Viagra machte Geschlechtsverkehr in einem Kernspintomographen möglich und offenbarte bis dahin unbekannte Details. Unklar ist jedoch bis heute - was beim Orgasmus im Gehirn passiert.

Ein Orgasmus unter Laborbedingungen ist eine echte Herausforderung. Doch nur so können die Sexualtherapeuten untersuchen, welche Komponenten den Orgasmus so einzigartig machen.

Uwe Hartmann - Sexualmediziner, Medizinische Hochschule Hannover
Wir haben nicht das Sexualzentrum in unserem Gehirn, von dem wir teilweise vor 20 oder 30 Jahren ausgegangen sind. Sondern wir wissen heute, auch aus diesen Studien, wo wir also Menschen in diese PET-Scanner legen oder in die fMRTs, welche Regionen alle bei der sexuellen Steuerung beteiligt sind und auch welche Hormone und anderen Stoffe. Es ist so außerordentlich kompliziert.

Der Orgasmus ist ein Feuerwerk der Hormone. Dabei haben die Forscher eine unerwartete Substanz entdeckt: Prolaktin. Ein Hormon, das normalerweise bei Frauen für die Milchproduktion während der Stillzeit sorgt. Sein Wert schießt bei Frauen unmittelbar nach dem Orgasmus in die Höhe - bei Männern sogar noch viel stärker. So markant zeigt kein anderer Stoff den Höhepunkt an - und sorgt zugleich für ein angenehmes Ende: Prolaktin macht zufrieden und schläfrig. Ein Effekt, der bei Männern stärker auftritt.

Der Höhepunkt setzt eine weitere Substanz frei: Oxytocin. Es ist eine hirneigene Droge. Sie schafft das Gefühl der Geborgenheit. Frauen sind nach dem Sex aktiver. Doch bald beginnt auch bei ihnen der Hormoncocktail zu wirken.

Andreas Bartels - Neurobiologe, MPI für biologische Kybernetik, Tübingen
Im Volksmund wird ja gesagt, die Liebe macht blind. Was wir gefunden haben interessanterweise war, dass genau die Regionen, die in anderen Studien zuverlässigerweise aktiv sind, wenn man kritisches Urteil anwenden soll, wenn man beispielsweise die Vertrauenswürdigkeit eines Gesichtes beurteilen soll, dass genau diese Regionen deaktiviert sind, wenn man den eigenen geliebten Partner vor sich hat. Und das könnte eine Erklärung, eine mögliche Erklärung dafür sein, dass vielleicht manche Leute, die stark verliebt sind, ihr Urteilsvermögen etwas einschränken ihrem eigenen Partner gegenüber.

Liebe ist eine uralte, biochemische Reaktion. Doch Alltag, Stress und Leistungsdruck führen oft zur Flaute im Bett. Umfragen zufolge breitet sich in den Industrieländern sexuelles Desinteresse aus. Frust macht sich breit. Probleme beim Sex können Beziehungen zermürben.

Uwe Hartmann - Sexualmediziner, MH Hannover
Ich glaube, dass der größte Sexkiller unserer Zeit die Müdigkeit ist. Die Menschen sind schlicht und einfach oft zu müde. Die sind so im Leben drin, die haben so viele Dinge und dann kommt abends noch das Fitnessstudio dazu oder der ganze Freizeitstress und alles ist irgendwie – man möchte immer was machen, man kommt nicht zur Ruhe, man sinkt todmüde ins Bett oft abends und hat schon wieder den nächsten Tag vor Augen, was man da schon wieder alles zu tun hat. Wo da die Sexualität manchmal noch bleiben soll, frage ich mich wirklich.

Männer können leichter abschalten. Sie brauchen häufig nur eine Starthilfe - nackte Tatsachen, schöne Kurven. Die weibliche Libido ist sensibler. Die Situation muss stimmen, rundherum. Sonst kommt Frau nicht in Fahrt.



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