Das Rätsel Alzheimer
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Nicht nur der Glaube an Gott ist ihnen gemeinsamen. Es sind Menschen, die ungewöhnlich alt werden. Sie könnten helfen, das Rätsel Alzheimer zu lösen. Gesucht hatte die Wissenschaft nach Personen, die sehr ähnlich leben. Fündig wurde sie bei Ordensschwestern: Die sind allesamt Nichtraucherinnen, trinken kaum oder keinen Alkohol, sind nicht verheiratet, haben keine Nachkommen, leben in ähnlichen Wohnungen, essen das gleiche Essen und haben die gleiche medizinische Versorgung.
Diese Nonnen werfen ein völlig neues Licht auf die Alzheimerkrankheit. Trotz ihres hohen Alters sind sie geistig enorm fit. Sie trotzen der Demenz. Mehr noch: Im Laufe der Studie widerlegen sie die bis dahin gängigsten Theorien, wie der geistige Verfall entsteht.
Matthia Gores und die anderen katholischen „School Sisters of Notre Dame“ sind ideale Testpersonen, denn einerseits sind sie hoch betagt, andererseits liegen in den Klosterarchiven umfangreiche Aufzeichnungen über ihre Lebensläufe und Vorerkrankungen.

David Snowdon - Neurologe, Universität Kentucky, Lexington:
Sie war ein bemerkenswerter Mensch. Obwohl sie 104 Jahre alt wurde, war sie voller Energie. Als ich sie zum letzten Mal sah, wollte ich sie in ihrem Zimmer aufsuchen. Aber eine der anderen Schwestern sagte: Sie ist unten auf der Krankenstation und treibt die jungen Schwestern an. Sie war eine wundervolle, vor Kraft strotzende Persönlichkeit. Bei Menschen, die so uralt werden, gibt es eine bestimmte Art von Energie, die zum Teil erklärt, warum sie so lange leben.

Schwester Matthia war eine von 678 Nonnen, die bei der bis heute laufenden Studie mitmachen. Die jüngsten sind fast 80, die älteste ist 107. Snowdon prüft regelmäßig Gedächtnis und geistige Fitness der Schwestern. Matthia schnitt dabei immer wieder hervorragend ab. Sollte sie trotz ihres hohen Alters der Alzheimerkrankheit völlig widerstanden haben, obwohl mit über 100 jede zweite an Demenz leidet?

Snowdons Untersuchungen gehen noch einen entscheidenden Schritt weiter: Er hat die Nonnen gebeten, nach dem Tod ihr Gehirn für die Forschung zu spenden. Und fast alle haben zugestimmt. Als Matthia im Alter von 104 Jahren stirbt, macht sich ein Pathologe an die Arbeit. Die Forscher wissen, dass sie eine einmalige Chance besitzen: Sie haben präzise Aufzeichnungen über die geistigen Leistungen der Nonnen. Und jetzt können sie die dazu gehörigen Hirne untersuchen. Was wird der Vergleich zeigen? Besonders wichtig: Die Nonnen haben unter fast identischen Bedingungen gelebt.

Eine sichere Alzheimer-Diagnose ist nur möglich, wenn dünne Gehirnschnitte mikroskopisch untersucht werden. Beim lebenden Menschen sind auch mit modernster Röntgentechnik keine Alzheimer-Veränderungen im Gehirn zu erkennen.

David Snowdon:
Wir waren überrascht, als wir uns ihr Gehirn anschauten. Es gab viele der für Alzheimer typischen krankhaften Veränderungen. Aber auch bei anderen Nonnen war es so - man kann also ein Alzheimer-Gehirn haben, muss aber nicht unbedingt unter Krankheitssymptomen leiden.

Und genau das bringt die gängige Alzheimer-Theorie ins Wanken. Alois Alzheimer selbst beschrieb vor gut 100 Jahren erstmals die typischen Veränderungen im Gehirn. Besonders auffällig sind rundliche Ablagerungen, die Alzheimer-Plaques. Alois Alzheimer fand sie erstmals im Gehirn von Auguste Deter. Sie war mit 50 an schwerer Demenz verstorben. Die Plaques sollen das Gift sein, das Nervenzellen zerstört. Und der massive Zelltod führt schließlich zur Demenz. So die Haupttheorie, der bis heute die meisten Forscher anhängen. Doch die Nonnen lassen daran zweifeln.

Plaques allein können nicht die Ursache sein. Einen noch eindringlicheren Beleg dafür bringt der Fall von Schwester Bernadette. Die Nonne ist bereits über 80, als David Snowdon in ihrem Kloster seine Studie Anfang der 90er Jahre beginnt. Der Forscher ahnt zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Bernadette ein ganz besonderer Fall ist. Schwester Bernadette hatte studiert, besaß einen Magistertitel.

David Snowdon:
Sie war ein sehr netter Mensch und extrem wach. Besonders bemerkenswert war, wie sie unsere Tests meisterte. Sie hatte ein großartiges Gedächtnis und erreichte überall hohe Punktzahlen. Tatsächlich verbesserte sie sich sogar von Jahr zu Jahr in einigen der Tests.

Doch was macht jemanden resistent gegen Alzheimer? Möglicherweise intensives geistiges Training. Das belegen auch andere Fälle. Ein englischer Neurologe berichtet 2004 von einem Schachspieler namens Richard Wetherill. Richard sucht eines Tages seinen Arzt auf. Er könne nicht mehr wie früher acht Züge im voraus denken, sondern nur noch fünf. Der Arzt veranlasst mentale Tests, die der Mann mit Bravour besteht - keinerlei Anzeichen von Demenz.

Kurz darauf stirbt Richard unerwartet. Eine Obduktion folgt. Der Pathologe findet ein Gehirn, das mit Plaques übersäht ist - Alzheimer fast im Endstadium. Auch Musiker scheinen eine Art Schutz gegen Demenz zu besitzen. Ihre Gehirne sind in bestimmten Bereichen regelrecht vergrößert. Dabei handelt es sich gerade um die Bereiche, die im Alter am ehesten abbauen, wie Schweizer Neurologen herausfanden.

US-Amerikanische Neurologen haben entdeckt: Musizieren schützt besser vor Demenz als andere geistige Tätigkeiten, beispielsweise Lesen. Wie die Nonnenstudie bereits zeigt: Es spielen offenbar mehr Faktoren bei der Entstehung von Alzheimer eine Rolle, als viele Forscher bisher glauben. Musiker wie der 84jährige Saxophonist Charlie Mariano könnten davon profitieren, dass ihr Hirn über Jahrzehnte besonders herausgefordert war. Musizieren verlangt ein komplexes Zusammenspiel von geistigen Leistungen und körperlicher Koordination. Das könnte eine Art Reserve im Gehirn aufbauen, vermuten manche Wissenschaftler.



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