Vergessen
wissen aktuell: Schaltzentrale Gehirn
Vergiss es! Das ist einfacher gesagt als getan. Vergessen auf Kommando funktioniert zwar tatsächlich - aber nur sehr begrenzt. Das menschliche Gehirn macht vieles, was sich unserer Kontrolle entzieht. Es ist es eine Grundfunktion unseres Denkapparates, die tägliche Ereignis- und Informationsflut zu sortieren, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und nur das Wichtige zu behalten. Mit Vergessen hat das erst einmal nichts zu tun.
Manfred Spitzer, Psychiater und Neuropsychologe, Uniklinik Ulm:
Das Hirn merkt sich von vornherein gar nicht alles. Es ist zwar so, dass alles, was wir erleben, Spuren im Gehirn hinterlässt, aber die meisten Spuren sind nicht so dass wir das Erlebnis als Erlebnis behalten, sondern vielmehr so, dass eine kleine Änderung dessen was schon in unserem Kopf ist, durch dieses Erlebnis erfolgt. Das ist auch gut so. Unser Gehirn ist kein Kassettenrekorder, kein Videorekorder und schon gar keine Festplatte - es ist nämlich viel cleverer. Es speichert nicht Einzelnes ab, sondern das Allgemeine dahinter und genau deswegen vergessen wir auch das Einzelne.
Es gibt aber auch Dinge, die würden wir gerne vergessen, aber es gelingt uns einfach nicht. Sie spuken in unserem Hirn herum und beschäftigen uns wider Willen.

Der Ohrwurm beispielsweise. Jeder kennt das Phänomen: Eine bestimmte Melodie geht uns nicht mehr aus dem Kopf. Im Ohr werden die Schallwellen in elektrische Signale umgewandelt und über den Hörnerv ins Gehirn geleitet. Und dort ziehen sie dann ihre Schleifen und „nerven“. So sehr wir uns bemühen, wir können das Lied nicht vergessen.

Manfred Spitzer:
Der Ohrwurm ist in gewisser Weise eine unkontrollierte Aktivierung bestimmter Zentren, die fast einer Halluzination gleich kommt. Man kann versuchen, mit dem Frontalhirn zu sagen "Ich will das jetzt nicht", aber es klappt nicht - das ist die Definition des Ohrwurms und das kann so weit gehen, dass sich die Leute richtig massiv beeinträchtigt fühlen durch so was und zeigt, dass unser Gehirn viel tut, was sich unserer Kontrolle entzieht.

Manfred Spitzer:
Man spricht von "Directed Forgetting", also, "denken Sie bitte nicht daran". Das geht im Prinzip. Bei dem Prozess denke ich ist es eher anders rum: da wird man sich einerseits den Inhalt merken und andererseits wird man sich merken "ich soll mir das nicht merken". Und das kann zu eigenartigen Effekten führen. Das kann nämlich dazu führen, dass man genau das Gegenteil macht, dass man sich daran erinnert und sagt: "nein, das nicht", und dann sogar überschießt. Es also nicht "nicht beachtet" sondern eher ins Gegenteil mit seiner Meinung rutscht. Und das ist auch experimentell nachgewiesen, das gibt es, und bei Gerichtsverhandlungen kann das Auswirkungen haben die vielleicht nicht so günstig sind.

Insbesondere traumatisierte Menschen möchten ihre schrecklichen Erlebnisse gerne vergessen. Wo das nicht funktioniert, könnten Medikamente helfen, Erinnerungen gezielt zu löschen. Die Pharmaindustrie forscht daran.



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