Verrechnet - die Anatomie des Irrtums
wissen aktuell: Schaltzentrale Gehirn
Manche Fehler sind einfach nur teuer, andere kosten Menschenleben. Warum machen wir Fehler? Kann unser Gehirn gar nicht fehlerfrei funktionieren?
Es ist ein Anblick des Schreckens. Im Hangar der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig zeugt jedes Trümmerteil von einem folgenschweren Fehler in der Luftfahrt. Wenn technisches Versagen ausgeschlossen werden kann, wer trägt dann die Verantwortung für einen Absturz? Der Pilot, ein Techniker, ein Lotse? Die Überreste eines Flugzeugs sprechen für sich. Die Gutachter rekonstruieren die Verkettung von Fehlern.
Markus Ullsperger
Am Max-Planck-Institut in Köln untersucht Markus Ullsperger, wie das Hirn unser Tun permanent überwacht und auf falsche Handlungen reagiert. Er führt einen Versuch durch, mit dem er kleine Fehler garantiert hervorrufen kann. Die meisten Fehler passieren, wenn die Konsequenzen niedrig und die Aufgaben leicht sind. Aber auch, unter hohem Zeitdruck. Dabei besitzt unser Gehirn einen Schutzmechanismus gegen Fehler.

Michael Falkenstein - Psychologe und Arbeitsmediziner, TU Dortmund.
Es versucht Fehler im Ansatz zu erkennen und sofort noch ‚on-the-fly’ zu verhindern. Und dazu bedarf es dieses Mechanismus und der muss schnell genug sein. Und der ist auch unbewusst. In der Regel läuft das automatisch. Das machen tiefe Strukturen, die gar nicht dem Bewusstsein zugänglich sind. Bevor man überhaupt etwas merkt, ist das quasi schon kontrolliert.

Falkenstein und Ullsperger würden aber viel lieber schon Fehler aufspüren, bevor sie geschehen. Kündigen sich die Fehlersignale in unserem Gehirn vielleicht sogar an? Michael Falkenstein:
Wir haben mal ein Experiment gemacht, wo wir mal geschaut haben, was passiert denn im Vorfeld von Fehlern? Und wir haben festgestellt, dass so etwas wie eine winzige Fehlerwelle oder eine Überwachungswelle bei jeder Reaktion auftritt und diese wird merkwürdigerweise kleiner. Gehen wir mal davon aus, dass jede Handlung registriert wird, kommentiert, überwacht. Ah ja ok, richtig gemacht. Vor einer Fehlreaktion, ca. 2 Sekunden vorher wird das kleiner. Als ob die Überwachung nicht mehr so gut funktioniert. Und das hat dann möglicherweise in der nächsten Reaktion Fehler zur Folge.

Gibt es nichts, das solche Fehler verhindert? Kann Intuition der Schlüssel sein? Die Forscher vermuten zwar eine Verbindung zwischen Fehlerwahrnehmung und Intuition. Doch die Intuitionsforschung selbst steckt noch in den Kinderschuhen. Ob und wie Emotionen bei der Fehlerentstehung eine Rolle spielen, ist noch unklar. Einige Forscher vermuten, unser Bauchgefühl könnte uns vor Fehlentscheidungen schützen.

Markus Ullsperger - Mediziner, MPI für neurologische Forschung, Köln:
Das Fehlerdetektionssystem ist nicht mit der Intuition gleich zu setzen. Es ist notwendig, um intuitiv handeln zu können, da es für die Intuition notwendig ist, Handlungsergebnisse und Erfahrungen zu sammeln. Aber ich denke diese beiden Bereiche sind nur unabhängig voneinander zu betrachten und kommen nur bei bestimmten Entscheidungsprozessen zusammen.

Zum Beispiel beim Sport. Hier scheint Intuition die beste Strategie zur Vermeidung von Fehlern zu sein. Die Ergebnisse des Kölner Psychologen Markus Raab zeigen, dass Profis ihre Entscheidungen oft intuitiv treffen und dabei erfolgreich sind.

Markus Raab - Psychologe, Deutsche Sporthochschule Köln:
Intuition muss nicht besser oder schlechter sein als Nachdenken, sondern man muss immer prüfen in einer Situation, wie viel Erfahrung habe ich in dieser Situation. Wenn mir meine Intuition quasi sagt, wie ein Bauchgefühl: mach diese Entscheidung nicht. Dann kann ich mich auf die Intuition verlassen, wenn ich schon oft in dieser Situation gewesen bin. Wenn ich mich allerdings dagegen entscheide aufgrund weiterer Faktoren, die vielleicht der Intuition nicht zugänglich sind, z.B. auch Statistiken, dann kann ich diese durchaus nutzen, um meiner Intuition auch zu widersprechen.

Das Prinzip ist einfach: Nimm das beste Kriterium und entscheide. Im Zweifel erschlägt das Bessere das Gute. Bei intuitivem Vorgehen entscheidet man sich dabei oft nach einem einzigen guten Grund. Doch genügt Intuition als Sicherheitsmechanismus, um Fehler mit verheerenden Konsequenzen zu vermeiden?

Sensible Bereiche werden immer von Teams geleitet. Das „Vier-Augen- sehen- mehr- als- zwei“ Prinzip ist immer noch eine der besten Möglichkeiten, Fehler zu eliminieren. Im Kraftwerkssimulator in Essen wird trainiert, wie man in der Leitwarte eines Kernkraftwerks die richtigen Entscheidungen trifft. Garantiert fehlerfreie Entscheidungen gibt es aber auch in Teams nicht.

Ist die Maschine der perfekte Mensch? Wohl kaum. Wer von uns würde sich einem komplett ferngesteuerten Fluggerät anvertrauen? Wünschenswert wäre ein Fehlerwarngerät, das uns anhand der neuronalen Fehlerwellen vor eigenen Fehlern warnt. Für Piloten zumindest könnte dies eine sinnvolle Innovation sein.

Markus Ullsperger:
Ich denke, dass das prinzipiell möglich ist. Man muss sich aber dessen bewusst sein, dass es nur einen kleinen Teil der Fehler abdeckt, dass man nicht prinzipiell Fehler ausmerzen kann.

Und - mal ehrlich - was wäre denn ein Leben ohne Fehler?



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