Eine Vielfalt von Befunden zeigt, dass emotionale Zustände während des Lernens immer zusammen mit den Inhalten gespeichert sind. Die Erinnerung an den 1. Kuss oder auch den 11. September lassen den Körper reagieren – das kennt jeder. Aber auch der unfreundliche Englischlehrer ist untrennbar mit der englischen Sprache gekoppelt. Das stinkende Klassenzimmer wird mit Lernen an sich assoziiert und die Erniedrigung in der Mathematikstunde hat Konsequenzen fürs Leben.
Universität Magdeburg, Institut für Biologie. Hier will Anna Katharina Braun herausfinden, was frühkindlicher Stress in den Gehirnen von Strauchratten bewirkt. Denn wenn unsere Hirne nichts lieber tun als lernen, wenn unser körpereigenes Belohnungssystem uns süchtig macht nach Neuem, warum gibt es so viele, die nicht lernen wollen? Vielleicht findet man bei den Ratten Hinweise.
Anna Katharina Braun:
Also, der Aufbau des Gehirns beim Menschen ist natürlich sehr viel komplexer als beim Tier, bei der Ratte oder bei der Maus. Wenn man aber die Einzelbausteine betrachtet, also die Nervenzelle und ihre Synapsen, dann kann man das schon sehr wohl übertragen, denn die Nervenzelle und ihre synaptischen Kontakte funktionieren bei der Ratte genau so wie beim Menschen auch. Das heißt also, auf der Ebene kann man die Dinge nahezu eins zu eins übertragen.
Was uns unterscheidet als Mensch, ist eben die Komplexität, wir haben eben mehr von diesen Nervenzellen und auch mehr von diesen Verdrahtungen und deswegen ist unser Gehirn zwar einerseits leistungsfähiger, auf der anderen Seite ist es auch verletzlicher gegenüber solchen frühen Störungen.
Die kleinen Ratten werden kurzzeitig von ihren Eltern getrennt. Stress und Angst sind die Folge, denn die Eltern kümmern sich ansonsten sehr liebevoll um ihre Kinder. Die reagieren nun unterschiedlich. Der eine rennt aufgeregt herum, der andere erstarrt.
Was aber passiert in den Gehirnen?
Es stellt sich heraus, dass die Hirnaktivität insbesondere in den limbischen Regionen bis zu 50 Prozent reduziert wird. Anders ausgedrückt: Das Gehirn läuft während der Stressperiode auf Sparflamme.
Aber nicht nur die synaptischen Kontakte verändern sich, auch das Gleichgewicht zwischen den Neurotransmittern und ihren Rezeptoren verschiebt sich vollkommen. Längerfristig gibt es sogar weniger Fasern, die Dopamin und Serotonin ausschütten. Das heißt, das körpereigene Belohnungssystem arbeitet nicht mehr so, wie es soll.
Schon kurzzeitiger frühkindlicher Stress bewirkt also manifeste, messbare und wahrscheinlich nur schwer korrigierbare Veränderungen im wichtigsten Organ der Tiere – und wahrscheinlich auch in dem des Menschen.
Seit langem weiß man, dass Schlaf notwendig ist, um Erlerntes dauerhaft im Gedächtnis zu speichern. Das gilt für Kinder noch viel mehr als für Erwachsene. Tierexperimente zeigen, dass während des Schlafs Neu Erlerntes vom Zwischenspeicher Hippocampus zur Großhirnrinde ins Langzeitgedächtnis überspielt und verfestigt wird.
Das Gedächtnis zu verbessern, davon träumen viele. Die Pharmaindustrie arbeitet an Gedächtnispillen, hofft auf Millionenumsätze. Der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft ist enorm. Die Versuchung chemisch auf das Hirn einzuwirken ist groß.