Wer ist Ich
wissen aktuell: Schaltzentrale Gehirn
Ich denke also bin ich! Bedeutet dies umgekehrt auch, unser „Ich“ ist die Summe unserer Gedanken? Oder ist da mehr als bloß ein Gewitter von Geistesblitzen in unserem Kopf? Die Hirnforschung dringt gerade in die innersten Bereiche des Menschseins ein. Sie sucht im Gehirn das Phänomen „Bewusstsein“. Also das, was uns als Menschen ausmacht: Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Wünsche und Pläne, unsere Selbst-Wahrnehmung: Unser „ICH“!
In der Schweiz, am „Brain and Mind Institute“ der polytechnischen Hochschule Lausanne arbeiten 40 Wissenschaftler am Projekt "Blue Brain". Das gab es bisher noch nie: Neurologen, Biologen, Physiker und Informatiker haben sich zusammengetan, um herauszufinden, wie unser Gehirn funktioniert. Und das ist wörtlich gemeint, denn der Leiter des Projektes Henry Markram hat eine Vision: er will das menschliche Gehirn nachbauen. Nervenzelle für Nervenzelle. Das erste exakte biologische Modell soll hier virtuell im Computer entstehen. In einem ersten Schritt versuchen die Wissenschaftler zu verstehen, wie die Nervenzellen im Gehirn arbeiten. Wie sie „denken“ …
Henry Markram
Etwa 100 Milliarden Nervenzellen, sogenannte Neurone, haben wir in unserem Gehirn. Zwischen diesen Neuronen funkt es gewaltig: Elektronische Impulse werden weitergegeben- das Gehirn arbeitet. Pro Sekunde kann eine Nervenzelle Hunderte solcher Impulse erzeugen. Ihre Geschwindigkeit: 100 Meter pro Sekunde. Wenn ein Gedanke entsteht, dann ist das wie ein Gewitter im Kopf.

Henry Markram - Neurobiologe, École Polytechnique Fédérale de Lausanne:
Das Gehirn verbraucht weniger als 60 Watt Strom, seine Nervenfasern sind mindestens eine Million Kilometer lang – es ist eine unglaubliche Technologie. Jeder Supercomputer der die gleiche Leistung bringt, würde Milliarden Dollar an Strom verbrauchen.

Zum ersten Mal ist es möglich, aus Labor-Daten exakte Modelle einzelner Neuronenarten zu formen. Zunächst für ein Rattengehirn. Doch das ist im Aufbau unserem Gehirn sehr ähnlich. Aus diesen Neuronen können die Wissenschaftler nun den Grundbaustein des Gehirns zusammensetzen: die "neokortikale Säule." Etwa zweieinhalb Millionen solcher Säulen hat unser Gehirn. Jede besteht aus 70 000 Neuronen und funktioniert im Prinzip wie ein Computer Chip. Mit diesen Säulen können wir sehen, hören, schmecken, und vor allem denken. Doch wie genau das funktioniert – dafür muss man die neokortikale Säule verstehen.

Die neokortikale Säule
Henry Markram:
Die neokortikale Säule ist wie der heilige Gral – wenn wir sie verstehen, werden wir auch die Intelligenz von Tieren und dann auch die Intelligenz des Menschen verstehen können.

Schon um eine einzige solche Säule zu simulieren, ist extrem viel Rechenkraft notwendig. IBM hat für das „Blue Brain“ Projekt einen der schnellsten Computer der Welt entwickelt. Jeder seiner 8.000 Prozessoren simuliert ein bis zwei Nervenzellen. Trotzdem ist dieser Computer immer noch 10mal langsamer als echte Nervenzellen. Und um ein komplettes menschliches Gehirn zu simulieren müsste er 20 000 Mal mehr Leistung bringen. Noch gibt es so einen Supercomputer nicht. Aber Henry Markram ist sicher, dass er kommen wird.

Werden die Neurowissenschaftler das Rätsel Bewusstsein also bald lösen? Werden sie das „Ich“ finden in diesem gigantischen Neuronencomputer, den wir Gehirn nennen? Argwöhnisch werden sie bei ihrer Suche von den Philosophen beobachtet.

Thomas Metzinger
Thomas Metzinger - Neurophilosoph, Universität Mainz:
Das alte philosophische Projekt der Selbsterkenntnis hat im Moment starke Unterstützung aus der Hirnforschung bekommen aber auch Konkurrenz. Auf einmal sagen ganz andere Leute: wir erklären jetzt den Geist und ihr Philosophen haltet bitte mal den Mund. Ihr hattet 2500 Jahre Zeit und wir machen das jetzt in den nächsten 20 Jahren. Es sind aufregende Zeiten in denen wir leben. Viele Menschen haben das Gefühl, das menschliche Bewusstein ist die äusserste Grenze des Erkenntnisstrebens und wir erleben wie sich da sehr schnell Atemberaubendes tut, indem sich der menschliche Geist mit den Mitteln der Wissenschaft auf sich selbst zurückwendet und erstmals wirklich große Fortschritte macht.

Jeden Tag bewegen wir uns in einem unendlichen Strom von Eindrücken und Ereignissen. Noch vor 20 Jahren hielt man das Gedächtnis für eine Art Computer, der unbestechlich aufzeichnet, was faktisch geschehen ist.

Inzwischen ist klar, dass das so nicht stimmt. Es gibt kein Archiv im Kopf, in dem pedantisch die Vergangenheit abgespeichert ist. Unser Gedächtnis arbeitet dynamisch. Von der „Plastizität des Gehirns“ sprechen die Forscher, denn es kann sich auch im Alter noch verändern. Erst seit einiger Zeit wissen sie überhaupt, wie die Nervenzellen Erlebnisse im Gehirn verankern: Um Erinnerungen zu speichern, können die Neuronen ihre Verbindungen untereinander verstärken. Das passiert an den Synapsen, den kleinen Andockstellen auf den Nervenzellen. Die Erinnerung wird also tatsächlich stabiler und unanfälliger für Störungen. Einige Erlebnisse behalten wir, viele andere nicht.

Die meisten Menschen erinnern sich besonders intensiv an Erlebnisse aus der Zeit als junge Erwachsene. In diesem Alter tun wir vieles zum ersten Mal: Wir verlieben uns, ergreifen einen Beruf, ziehen zu Hause aus, heiraten.

Unsere Erinnerungen verändern sich jedes Mal, wenn sie abgerufen werden. Weil wir sie im Spiegel der Gegenwart neu bewerten. Sie können intensiver werden oder verblassen. Unser autobiografisches Gedächtnis gleicht einem festen Haus, in dem jeden Tag umgeräumt wird. Gäbe es nicht diese bindende Kraft des Gedächtnisses, dann würde unser Bewusstsein in viele Einzelteile zerfallen.

Hans Markowitsch - Neuropsychologe, Universität Bielefeld:
Das Gedächtnis integriert uns als Person. Wenn wir also nicht die Möglichkeit hätten stringent über die Zeit unsere Erinnerungen zu rekapitulieren, dann hätte man atomisierte Teile, die jeweils für sich stehen, aber nicht ermöglichen, sich als Individuum zu fühlen. Tatsächlich muss man ja sagen, mit dem dass unser Gedächtnis sich ständig verändert, unsere Persönlichkeit verändert sich auch. Wir haben aber das Gefühl unser ich ist stabil.

Wenn wir uns auf eine rote Rose konzentrieren, auf ihre Schönheit, ihren Duft, dann sind wir nicht in der Lage, gleichzeitig andere Dinge um uns herum bewusst wahrzunehmen. Bis diese Wahrnehmung dann von der nächsten abgelöst wird, die durch andere Neuronengruppen geformt wird.

Die Ergebnisse der Hirnforschung könnten ein weltanschauliches Vakuum hinterlassen. Und die Neurowissenschaftler werden diese Leere allein nicht füllen können. Davon ist Wolf Singer vom Max Planck Institut für Hirnforschung in Frankfurt überzeugt. Denn die Neurowissenschaften werden das Bild von uns Menschen verändern, vielleicht sogar entzaubern. Wenn die biologische Verbindung zwischen Geist und Körper tatsächlich existiert, dann ist es schwer vorstellbar, dass Denken und Gefühle über den Tod des Organismus hinaus Bestand haben. Die Neurowissenschaften brauchen die Philosophie und Theologie, um moralische und ethische Probleme zu lösen, die sie aufwerfen.

Wolf Singer - Neurophysiologe, MPI für Hirnforschung, Frankfurt a.M.
Wir werden eng zusammenarbeiten müssen und ich denke , die Grenzen werden sich irgendwann einmal auflösen. Wenn die Welt zusammenhängend ist, dann werden sich auch diese Disziplinengrenzen verschränken müssen, um auch die Probleme zu bewältigen die auf uns zukommen. Einmal das aushalten der angeblich narzisstischen Kränkungen, die damit verbunden sin. Da sind die Geisteswissenschaftler sicher sehr hilfreich, auch wenn sie im Augenblick eher noch Öl auf das Feuer dieser Kränkungen gießen. Wir brauchen sie, um die ganzen ethischen Probleme abzuarbeiten, die auftreten werden jetzt mit dieser veränderten Sicht unserer Bedingtheiten. Wir werden viele interdisziplinäre Institutionen haben in denen Leute arbeiten die von beiden Welten etwas verstehen, die beide Sprachen sprechen können – das hoffe ich.



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11.03.2009 / mf
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