Die Gedankenlesemaschine
wissen aktuell: Schaltzentrale Gehirn
Am Max Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig gibt es ein ganzes Arsenal bildgebender Verfahren, mit denen die Wissenschaftler versuchen, in die Köpfe der Menschen zu schauen und ihre Gedanken und Absichten zu lesen. Jeder Gedanke entsteht durch ein unverwechselbares Muster an Hirnaktivität.
Lässt sich im Gehirn ablesen, ob die Versuchsperson addieren oder subtrahieren wird? Der Wissenschaftler John-Dylan Hanes hat diesen Versuch immer wieder durchgeführt - mit verschiedenen Personen - aber immer mit demselben Ergebnis
John-Dylan Haynes
John-Dylan Haynes - Neurophysiker , MPI für Neurowissenschaften, Leipzig
Wir haben also gefunden, dass wenn jemand sich entschlossen hatte, eine bestimmte Rechenaufgabe durchzuführen, aber noch nicht die Zahlen gesehen hat, dann konnten wir schon aus der Hirnaktivität vorhersagen, welche Aufgabe die Person durchführen würde. Das heisst wir haben so etwas wie einen verdeckten Plan auslesen können.

Und zwar bis zu 10 Sekunden, bevor es dem Probanden selbst bewusst war, ob er sich für Subtrahieren - oder Addieren entschieden hat. Allein durch das Muster seiner Gedanken. Hierbei greifen die Neurowissenschaftler auf sogenannte Mustererkennungssoftware zurück. Noch können erst einfachste Gedankenmuster in dem großen Strom von Hirndaten relativ sicher erkannt werden. Und doch stellt sich eine elementare Frage: Wenn sich unsere Entscheidungen im Vorhinein ablesen lassen, egal ob unwichtig oder existentiell – lassen sie sich dann auch von außen steuern oder gar umkehren? Wer hat das Sagen? Kaufe ich mit freiem Willen diese Hose oder kann ich gar nicht anders? Alle unsere Handlungen sind mitbestimmt von Tausenden von Erfahrungen. So gesehen ist keine Entscheidung zufällig. Auch unbewusste Prozesse folgen einer Logik.

John-Dylan Haynes:
Die Aktivität in unserem Gehirn ist sehr vielfältig. Und nur ein kleiner Teil davon erreicht überhaupt unser bewusstes Erleben. Wir sind uns also der vielfältigen Abläufe in unseren Nervenzellen überhaupt nicht bewusst. Jetzt kann man sich natürlich die Frage stellen, warum einige Muster der Aktivität das Bewusstsein erreichen und uns quasi erlebbar sind und andere Muster der Aktivität uns nicht erlebbar sind.

Das Schwierige: Die Muster sind bei jedem Menschen verschieden, weil sich das Gehirn im Verlauf der Entwicklung seine eigenen Schaltkreise aufbaut. Individuelle Erfahrungen spielen eine Rolle, wenn Neuronen Verknüpfungen herstellen. Das bedeutet, Gedanken sind so einzigartig wie Fingerabdrücke, ähnlich, aber eben nicht gleich. Wird es trotzdem irgendwann eine Gedankenlesemaschine geben?

John-Dylan Haynes:
Wenn wir so etwas bauen wollten wie ein universelles Gedankenlesegerät dann müssten wir jeden möglichen Gedanken den eine Person haben kann müssten wir aus der Hirnaktivität auslesen können. Dazu bräuchten wir so etwas wie ein Wörterbuch oder Lexikon, das uns übersetzt wie die Aktivitätsmuster im Gehirn mit bestimmten Gedanken zusammenhängen. Und dieses Lexikon das wir zurzeit haben, hat nur ein paar Einträge und diese Einträge müssen wir mühsam messen. Wir haben zurzeit kein Verfahren, mit dem wir dieses ganze Wörterbuch voll schreiben könnten.

John-Dylan Haynes forscht an diesem Rätsel auch in Berlin. Die Computergestützte Neurowissenschaft ist ein neues Gebiet in der Hirnforschung. Sie verbindet Experiment, Datenanalyse, Computersimulation und Theoriebildung miteinander. Physiker, Biologen und Informatiker arbeiten hier eng zusammen. Haynes und seine Kollegen entwickeln immer kompliziertere Versuche, um Gedanken im Gehirn zu lesen.

Kann man an der Hirnaktivität erkennen, ob ein Mensch schon einmal bestimmte Räume gesehen hat? Eine Person besucht vier virtuelle Häuser. Anschliessend werden ihr im Scanner die vier bekannten und dazu vier fremde Häuser gezeigt. Ein neuentwickeltes Softwareprogramm kann die Muster im Gehirn nicht nur einzeln erkennen, sondern sie auch in Verbindung zueinander setzen. In rund 30 000 Arealen des Gehirns wird gleichzeitig der Informationsaustausch gemessen.

Die Wissenschaftler waren selbst verblüfft vom Ergebnis: Bei 9 von 10 Personen konnten sie genau sagen, welches Haus diese bereits gesehen hatten und welches nicht. So könnten die Lügendetektoren der Zukunft funktionieren: Tatorte würden virtualisiert und im Computertomographen könnte man genau erkennen, ob der Verdächtige schon einmal dort war. Doch darf die Forschung Gedanken lesen – nur weil sie es kann?

John-Dylan Haynes:
Es gibt so ein ethisches Kontinuum bei dem Problem. Auf der einen Seite können wir die Absichten einer Person auslesen, die zum Beispiel ein künstliches Gliedmass steuern möchte mit Gedankenkraft. So einer Person wollen wir helfen. Wir wollen dieser Person, die Hilfe, die wir ihr mit unserer Forschung geben können, nicht verwehren. Auf der anderen Seite haben wir auch Anwendungen, die durchaus umstritten sind. Wir haben die Lügendetektion und wir haben auch mögliche Anwendungen im Bereich des sogenannten Gehirnmarketing.

Auf einmal scheint es möglich, in unser Innerstes vorzudringen: in unsere Gedanken, unser Bewusstsein. Doch wo genau im Gehirn befindet sich das Bewusstsein?



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