Echte Alternative: Linux
Vom Underdog zum Establishment
Lange Zeit galt Linux als eine politisch-korrekte Alternative für Betriebssysteme. Computerfreaks empfanden den Hauptkonkurrenent Windows als unsicher, teuer und übermäßig restriktiv. Der unbedarfte Laie konnte mit Linux jedoch recht wenig anfangen – schon die Installation stellte ihn vor Probleme. So haftete Linux lange ein Hacker-Image an. Doch seit das alternative System benutzerfreundlicher geworden ist, hat der einstige Underdog dem Markriesen Microsoft den Kampf angesagt.
Die Idee hinter Linux unterscheidet es grundlegend von anderen Betriebssystemen, denn Linux gilt als „frei“ – sein Quellcode ist öffentlich zugänglich und es gibt keine Lizenzgebühren. Der Erfinder Linus Torvalds entwickelte 1992 den Kern des alternativen Betriebssystems und rief die Internet-Gemeinde zur Weiterentwicklung auf – mit Erfolg. Heute gibt es eine Reihe verschiedener Linux-Pakete auf dem Markt, die so genannten Distributionen. Zu den bekanntesten zählen SuSE-Linux, Red Hat- und Ubuntu-Linux.
Weltweit hat sich Linux einen Namen gemacht. Schätzungen zufolge soll es bereits über 30 Millionen Linux-Nutzer geben. Und es werden mehr. Nach den jüngsten Umfragen des Marktforschers IDC (International Data Corporation) verzeichnet Linux zweistellige Wachstumsraten. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer haben das lizenzfreie System für sich entdeckt. Ein Beispiel ist Tansania. Dort lernen Privatunternehmer dank dem Projekt „Linux4Afrika“ den Umgang mit dem freien Betriebssystem und Schulen werden mit gebrauchten PCs und einer besonderen Linux-Version ausgestattet – dem fürs Klassenzimmer entwickelten „Edubuntu“. Initiator des Projekts ist der Freiburger Verein „FreiOSS“.

Aber auch in Deutschland ist Linux auf dem Vormarsch. Eine Fraunhofer-Studie belegt, dass bereits 20 Prozent der deutschen Unternehmen Linux einsetzen – vornehmlich im Server-Bereich. Treibende Kraft ist hierzulande die öffentliche Hand. Denn die sparzwang-gebeutelten Behörden sehen in dem lizenzfreien System große Einsparpotenziale. Bekannte Beispiele sind die Stadt München mit ihrem „LiMuX-Projekt“, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, das Bundesamt für Finanzen und nicht zuletzt der Deutsche Bundestag.

Als Vorzeigebeispiel gilt das Auswärtige Amt. Im Jahr 2001 wurde die IT-Abteilung beauftragt, ihre mehrere tausende Auslandsvertretungen an ein hochsicheres diplomatisches Internet anzuschließen. "Das war als 100-Millionen-Projekt angesetzt, aber bekommen haben wir nur 17 Millionen Euro", erinnert sich IT-Leiter Rolf Schuster. Also musste an allen Ecken und Enden gespart werden. Die einzige Lösung, mit dem vorhandenen Budget ein sicheres System aufzusetzen, bot Linux. Zusammen mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und der Firma Secunet wurde ein Verschlüsselungssystem (SINA) entwickelt, das der höchsten Geheimhaltungsstufe standhält. Nach und nach kommt Linux auch auf den Laptops der Diplomaten zum Einsatz. Die Umstellung ist leichter als gedacht – meist genügt eine kurze Einweisung. So läuft auf mehr als 400 Amts-Laptops bereits Firefox als Browser, Thunderbird als Email-Programm und OpenOffice. Auch den Bundesrechnungshof dürfte die Umstellung freuen. Denn seit der Linux-Migration gilt das Auswärtige Amt als das mit Abstand günstigste Ministerium im Bund bei den IT-Kosten.

Das Auswärtige Amt geht aber noch einen Schritt weiter. Linux wird hier nicht einfach nur genutzt, sondern der Open-Source-Gedanke weiter getragen. So veröffentlichte das Auswärtige Amt jüngst eine Eigenentwicklung zur freien Verwendung: das Organisationsprogramm VerA.web. Damit lassen sich Adressen verwalten, Einladungslisten und Email-Verteiler erstellen sowie Zu- und Absagen automatisch berücksichtigen.

Aber was ist mit Linux für den Hausgebrauch? Gibt es das freie Betriebssystem bereits im Laden zu kaufen? Noch finden sich Rechner mit vorinstalliertem Linux nur in speziellen Fan-Shops, wie beispielsweise „Tuxman“ in Berlin. Bei Media Markt und Co. herrscht Fehlanzeige – vor allem weil viele Händler Verträge mit Microsoft geschlossen haben und so verbilligte Computer erhalten. Allerdings nur, wenn sie dafür ausschließlich Microsoft-Betriebssysteme darauf installieren.

Immerhin verkauft der Computerhersteller Dell nun auf Wunsch seiner Kunden erstmals einen Desktop-Rechner und ein Notebook (Dell Inspiron 530N und 6400) mit Ubuntu-Linux als Betriebssystem über seinen Online-Shop.

Natürlich kann jeder Linux nach wie vor kostenlos aus dem Internet herunterladen. Und wer sich nicht zutraut, das neue System alleine auf dem eigenen Rechner zu installieren, dem helfen so genannte Linux-Nutzergruppen. In Berlin sitzt eine der ältesten, die „BeLug“. Selbst Linus Torvalds war hier schon zu Gast. Jeden Mittwoch können Neueinsteiger sich hier von alten Hasen beraten lassen oder gemeinsam Probleme mit Linux-Programmen lösen. Der Service ist – ganz nach dem OpenSource-Gedanken – selbstverständlich kostenlos.

Wo steht Linux also heute? Der IT-Fachmann, Buchautor und freie Entwickler André Spiegel sieht Linux zwar im Aufwind, doch angesichts des Monopols des großen Marktführers steht dem freien System ein harter Kampf bevor.

Doch wen die unzähligen Computer-Viren nerven, wer nicht möchte, dass der eigene Rechner regelmäßig „nach Hause telefoniert“ oder sich bei einem Wechsel auf ein aktuelleres System alte Dokumente nicht mehr öffnen lassen, der wird vielleicht auch bald vom Linux-Fieber erfasst werden.

Den Beitrag in der Mediathek anschauen

www.die-befreiung-der-information.de
www.auswaertiges-amt.de
www.linux4afrika.de
www.dell.de
www.tuxman.de
www.linuxinfotage.de

27.09.2007 / neues.online.mf
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / neues [E-Mail]