Interview mit Fabian Fehrenbach
neues.spezial: Von Magiern & Kriegern
Fabian Fehrenbach ist im „echten Leben“ Jurist und in seiner Freizeit seit langem passionierter Rollenspieler. Allerdings nicht am PC, er braucht dazu nur Stift, Papier, Würfel und eine Handvoll Mitspieler. Aus seinem Hobby hat er inzwischen auch einen (Neben-) Job gemacht. Mit seinem jungen Unternehmen namens Fantasy Beyond will Fehrenbach Rollenspiel professionell verkaufen. An private Interessenten, aber auch an Firmen, die statt einem gemeinsamen Kegelausflug mal etwas besonderes ausprobieren möchten. Privat spielt er regelmäßig mit Freunden, die aktuelle Kampagne aus dem deutschen Rollenspiel „Das schwarze Auge“ beschäftigt ihn und die Mitspieler schon einige Jahre. Computerspiele sind für ihn aber kein Tabu. Da darf es gerne auch solide Actionkost sein, in die sich auch nicht zwingend ein Zwerg oder Elf verirren muss.
Frage: Woraus besteht genau die Arbeit des Dungeon Masters, der hat ja auch im Vorfeld schon einiges zu tun?

Fabian Fehrenbach: Das kommt darauf an: Wenn ich eine epische Kampagne habe, die abgedruckt ist, dann lese ich die entsprechenden Textpassagen noch mal. Dafür kann eine Stunde reichen, besser sind zwei. Ansonsten setzt es natürlich voraus, dass man das ganze Ding mal gelesen hat, also die ganze Geschichte ungefähr im Kopf hat. Ich kann ja nicht einfach 5 Seiten lesen, das dann mit den Leuten spielen und dann merken, oh, auf den 5 Seiten die jetzt gespielt sind, ist jemand gestorben der auf Seite 10 noch mal wichtig wird. Also man muss schon die Geschichte en gros im Kopf haben. Das mache ich dann in meiner Freizeit, während andere Belletristik lesen.

Frage: Die Mitspieler arbeiten ja an der Geschichte mit, wie kann sich das auswirken, sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne?

Fabian Fehrenbach: Umso länger man Rollenspiele macht, also Pen & Paper, desto disziplinierter geht man an die Geschichte auch ran. Die Spieler wissen im Vorfeld schon, ist es eine abgedruckte Geschichte, die einen roten Faden hat, auf den einen der Spielleiter auch immer wieder zurückführt und der irgendwo auch stringent eingehalten werden muss, mit den ganzen Rahmenbedingungen. Oder ist es völlig Freestyle, das man sagt, OK, das ist die Umgebung, in der spielen wir und ihr könnt euch da willenlos austoben.

Frage: Wie viel Freiheit hast Du als Spielleiter oder als Spieler, von der Geschichte abzuweichen?

Fabian Fehrenbach: Das hängt davon ab, ob ich eine stringente Geschichte mit einem roten Faden habe. Dann habe ich weniger Freiheiten, die ich mir dann über NPCs, also Nicht-Spieler-Charaktere [quasi Statisten, vom Spielleiter gesteuert, die Red.] nehme, um Hinweise zu geben oder auch wegzulassen. Wenn man den absoluten Querulanten in der Gruppe hat, der weiß, es geht nach Norden, er will aber unbedingt nach Süden, dann verlässt er natürlich den Rahmen der Geschichte. Er kriegt dann unterschwellig mitgeteilt, dass es da nicht weitergeht, wo er bohrt oder gräbt. Wenn er das so nicht mitbekommt, dann muss man es ihm halt direkt sagen, das die Geschichte so keinen Fortgang hat.

Frage: Es gibt ja immer wieder Punkte, wo das Zufallselement Würfel dazu kommt. Was sind typische Situationen, wo sie ins Spiel kommen?

Fabian Fehrenbach: Beim Pen & Paper hat jeder Charakter gewisse Eigenschaften, die auf seinem Datenblatt festgehalten sind. Jeder hat die in unterschiedlicher Gewichtung. Mancher ist in den Wissens-Talenten gut, mancher ist in der Kampftalenten gut, mancher ist in der Natur besonders gut. Und wenn es zu Situationen kommt, wo diese Talente zum Tragen kommen, überlässt man es gerne dem Zufall, ob der Spieler das, was er umsetzen möchte, eben hinbekommt oder nicht. Da werden die Würfel genutzt und das ist halt auch die spannende Sache bei der Geschichte.

Frage: Ihr spielt ja diese Kampagne schon einige Jahre. Wie stark identifizieren sich die Spieler mit ihren Charakteren? Ist es „nur“ ein Spiel oder schon Alter Ego für manche?

Fabian Fehrenbach: Alter Ego würde ich nicht sagen, weil wir ja keine professionellen Schauspieler sind, die eine Rolle an einem Text stringent durchziehen. Es ist fast unmöglich, dass Alter Ego komplett raus zu lassen. Es gibt immer wieder Diskussionen, manchmal auch über Fußball, Dinge, die mit dem Rollenspiel nichts zu tun haben oder es wird auch mal hitzig über etwas diskutiert, wo man dann die Rolle verlässt. Insgesamt würde ich sagen, dass sich jeder eine Rolle sucht, wo er sich schon ein bisschen zu Hause fühlt, aber es gibt auch Spieler, die suchen etwas komplett anderes, was mit ihnen selbst überhaupt nichts zu tun hat. Wenn Du jetzt jemanden spielst, der keine Beine hat, ist das sicherlich eine Herausforderung, im Rollenspiel-technischen Sinn [einer der Mitspieler der Runde spielt einen beinlosen Priester, die Red.]

Frage: Bei Rollenspielen geht es ja ganz stark um das Eintauchen in eine andere Welt, wie stark beeinflusst das?

Fabian Fehrenbach: Im Alltag, der Realität? Ich würde sagen, gar nicht. Wenn man eine gewisse Faszination für irgendwas entwickelt, kann man immer abdriften. Aber wir stehen alle im Leben und haben unsere Jobs. Ich glaube die Gefahr abzudriften ist in der Einsamkeit, zum Beispiel beim PC-Rollenspiel, größer, als wenn es ein gesellschaftlicher Event ist, was am Tisch ausgespielt wird. Weil man da irgendwie abhängig ist, von der Gesellschaft. Wenn da einer sagt, ich muss morgen früh raus, dann ist die Runde beendet. Den PC kann ich die ganze Woche laufen lassen, wenn ich möchte.

Frage: Was ist die Faszination am Rollenspiel?

Fabian Fehrenbach: Das Schlüpfen in eine andere Rolle ist natürlich der Kern. Weil es einfach Spaß macht, sich auszuleben in einer Fantasie oder eine Fantasierolle. Ich denke, es ist auch das gesellschaftliche oder kommunikative Element, was am Spieltisch stattfindet. Das gilt jetzt eigentlich nicht nur fürs Rollenspiel, sondern überhaupt, Spiele die man gemeinsam macht. Wo man auf einen Witz auch ein Lachen erntet, wo Emotionen sich austauschen, im Gegensatz zum PC.

Frage: Fast immer setzt man ja auf ein Fantasy-Setting, nur ab und an gibt es mal etwas Science Fiction. Eignet sich Fantasy einfach besonders gut fürs Rollenspiel?

Fabian Fehrenbach: Das hat vielleicht ein bisschen was mit der europäischen Kultur zu tun. Hier gibt es über jedes kleine Seiten-Tal irgendeine Geschichte über einen Troll oder einen Kobold, vielleicht kommt da die Faszination her. Auch das hier so viele alte Burgen rum stehen, im Rheingau usw. Das löst vielleicht eine bestimmte Faszination aus, anders als technischer Schnickschnack in Cyberpunk-Rollenspielen.

Frage: Inzwischen gibt es ja unzählige PC-Rollenspiele. Wo siehst Du Unterschiede oder möglicherweise Vor- und Nachteile im Vergleich zum Pen & Paper-Rollenspiel?

Fabian Fehrenbach: Den Hauptunterschied habe ich schon erwähnt, das ist für mich das kommunikative Element. Das steht am Spieltisch wirklich absolut im Vordergrund. Man lacht zusammen, tauscht sich auch über andere Dinge aus, als über das eigentliche Spiel, man hat einen festen Punkt, wo man sich trifft. Ich finde, das ist beim PC nicht in dem Maße so, weil die Kanäle anders laufen, weil ich kein Gesicht gegenüber habe, wo ich Mimik oder Gestik habe. Sondern eben nur meine 240 Quadrat-Zentimeter, auf die ich dann doch ziemlich angespannt die ganze Zeit gucke. Klar kann ich mich übers Headset austauschen, aber die Kommunikation übers Headset ist bei 5 Leuten nicht dieselbe, wie es in einem Raum stattfindet. Einfach, weil ich das Gesicht dazu nicht sehe. Die Gefahr, in irgendwelche Realitätsferne abzudriften, finde ich alleine am PC größer.

Frage: Spielt man nicht auch in weiten Teilen vorsichtiger, weil der Tod eines Charakters, anders als am PC, normalerweise endgültig ist?

Fabian Fehrenbach: Sicher, das glaube ich schon. Wenn man jetzt über Jahre den gleichen Charakter gespielt hat, läuft man dann doch die Gefahr, sich zu arg mit dem Charakter zu identifizieren und dann wirklich traurig zu sein, wenn er nicht mehr da ist. Auf der anderen Seite finde ich es auch sehr erfrischend, wenn irgendein Charakter aus irgendwelchen Gründen nicht mehr spielbar ist. Sei es, dass er dem Wahnsinn verfällt oder stirbt. Es ist erfrischend, sich eine neue Rolle zu suchen, einen neuen Charakter zu entwerfen. Das ist ja auch beim Pen & Paper ein wirklich langer Prozess, wir brauchen zum Teil 6 Stunden, um einen Charakter in seiner Form so zu erstellen, bis er dann ins Abenteuer ziehen kann.

Frage: Mit Fantasy Beyond bringt ihr ja Rollenspiel zu Leuten, die sonst gar nichts damit zu tun haben. Funktioniert das? Was macht ihr da für Erfahrungen?

Fabian Fehrenbach: Das waren genau die Gedanken, die wir uns am Anfang auch gemacht haben. Das wir vielleicht zu sehr darauf setzen, dass Leute überhaupt etwas mit Fantasy anfangen können. Es war aber erstaunlicherweise genau so. Jeder ist in der Lage, sich im fantastischen Bereich irgendetwas auszumalen. An manche Leute, das sind wirklich wenige, geht’s irgendwie gar nicht ran. Aber insgesamt haben wir wirklich jedes Mal erlebt, dass die Leute irgendeinen „Film“ am Laufen hatten. Da war ich positiv überrascht. Ich bin mir sicher, dass man jeden am Tisch in eine Rollenspielgruppe so einbinden kann, dass er daran Spaß hat.

Fantasy Beyond, Rollenspieler
Offizielle Seiten zum Rollenspiel Das schwarze Auge
Artikel zum Pen & Paper Rollenspiel)

zurück Lesen Sie weiter...
19.04.2007 / neues.online.mf
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / neues [E-Mail]