Druckluft soll der Motor für die Autos der Zukunft sein
Visionär Guy Nègre möchte die Welt mit dem billigsten Rohstoff der Welt versorgen
"Meine Vision ist eine saubere Welt, die eine saubere Energie nutzt - Druckluft!" Den französische Motoren-Konstrukteur Guy Nègre lässt der Gedanke nicht mehr los, die Menschheit mit dem billigsten Rohstoff der Welt zu bewegen. "Unser Druckluftmotor funktioniert im Prinzip so wie ein klassischer Motor: Wir konstruierten eine Kammer, in die wir Druckluft hineinpressen und somit den Kolben zum Arbeiten bringen." Die Druckluft-Flaschen hängen dabei unter dem Wagen.
Die Prototypen, Mini-Vans für Taxi- und Kurierdienste fuhren erfolgreich - und günstig: Zwei Euro reichten für 200 Kilometer bei einer Geschwindigkeit von maximal 100 Kilometern pro Stunde. Doch die Automobilindustrie wollte keinen Druckluftmotor. Und so überzeugte der Visionär seine Frau, die gemeinsamen Ersparnisse aus einem ganzen Arbeitsleben in die Fahrzeugentwicklung zu stecken.
"Unsere erste Fabrik für die Produktion in Nizza wird noch 2005 beginne. Wir brauchen etwa anderthalb Jahre, um die ersten Autos produzieren zu können." Dabei will er selbst nicht die Autos, sondern die Fabriken für die Autos vertreiben. Weil der Druckluft-Antrieb nur frische Luft als "Abgas" produziert, eigne er sich auch für einen Mini-Traktor, der in geschlossenen Fabrikhallen zum Einsatz kommt. Doch auch die Druckluft selbst möchte er umweltfreundlich gewinnen: "Wir entwickeln eine Mini-Turbine, um damit direkt Druckluft zu produzieren. Das ist eine vollkommen saubere Lösung - das totale ökologische System."
Nègre ist kein Unbekannter. In seinem Leben hat er bislang über 70 Patente auf verschiedene mechanische Konstruktionen angemeldet. Die bekanntesten sind die Starthilfe für Formel-1-Motoren und für verschiedene Flugmotoren - allesamt ausschließlich durch Druckluft. Das Prinzip des Luftmotors ist an und für sich einfach: Bei 400 Grad verdichtet einer der beiden Kolben die Luft und drückt sie in die kugelförmige Kammer.
Mit 40 Bar wird Kaltluft in die Kammer gepresst, dehnt sich aus und drückt den anderen Kolben nieder. Dessen Kraftübertragung führt schließlich zu den Antriebsrädern. Die ausgedehnte Luft fließt durch einen Reinigungsfilter nach außen. Die "Abgase" verbessern damit letztlich sogar die Luftqualität. Der Zwei-Zylinder-Motor hat ein Gewicht von 35 Kilogramm und einen Hubraum von 980 Kubikzentimetern. "Langfristig", so Guy Nègre, "wird es an Tankstellen Luftdruck zu tanken geben. Das Nachfüllen der Luft würde dann gerade mal zwei Minuten in Anspruch nehmen". Entsprechende Vereinbarungen mit Tankstellen und auch anderen Betrieben seien derzeit schon ausgehandelt.
Besonders hervorzuheben aber ist die Lebensdauer des Motors. "Er ist praktisch wartungsfrei," sagt Hannes Lindner, der ebenfalls an der Entwicklung beteiligt war, "denn der Motor hat keine Zündung, keine Ventile. Wir mussten bei unserem Prototypen, der seit drei Jahren als Vorführauto im Einsatz ist, erst nach 50.000 Kilometern eine Schmierung mit Rapsöl vornehmen.
Mehr braucht man nicht zu tun". Werkstätten und Mineralölfirmen hören so etwas sicherlich nicht gern. Doch auch wenn diese das Auto gemäß ihren natürlichen Interessen als "nicht ausgereift" bezeichnen und bei vielen Fachleuten das Luftdruckmobil noch unbekannt ist, steigt das Interesse ungemein. Auch Mexiko-Stadt hat ehrgeizige Ziele mit dem Druckluftauto. Um das Abgasproblem in der Metropole zu lösen, plant die Stadtverwaltung, alle Taxis durch die Luftdruckautos zu ersetzen. Doch freilich müssen erst Kapazitäten für ein solches Auftragsvolumen geschaffen werden.
"In Deutschland sind uns zahlreiche Investoren bereits sicher. Bislang sind 20 Fabriken in der Bundesrepublik geplant", so Lindner. Dass das Luftdruckauto in den Städten eine wichtige Alternative zum Benzin- und Dieselmotor werden wird, davon ist auch Prof. Winfried Bernhard vom Fachgebiet Kraftfahrzeuge beim Institut für Straßen- und Schienenverkehr an der TU Berlin überzeugt. Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt er sich schon mit alternativen Antriebssystemen. Als ehemaliger Motorenentwickler bei VW in Wolfsburg kennt er den Stand der Forschung: "Für mich hat das Auto, so wie der jetzige Stand ist, eine große Zukunft vor sich."
Insgesamt 24 Patente stecken in dem Motor. Die langfristigen Tendenzen sind deswegen noch gar nicht abzusehen. "Das Prinzip an sich eröffnet ungeahnte Möglichkeiten", so Prof. Bernhard weiter, "denn für die Zukunft ergeben sich neue Perspektiven bei der Energiegewinnung, nicht nur für das Auto. Neben Sonne, Wasser und Wind ist nun die einfachste, weil allgegenwärtigste Quelle für Energiegewinnung erschlossen."


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16.11.2005, zuletzt aktualisiert am 14.08.2008 / mp
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