"Bis heute wissen wir nicht, was man uns angetan hat"
Überlebende Opfer des KZ-Arztes Mengele leben weiterhin in Unwissenheit
"Wir kamen im Frühjahr 1944 in Auschwitz an", erinnert sich Eva Mozes Kor. "Wir waren schon vier Tage in einem Viehwaggon eingesperrt, als der Zug anhielt und die Türen aufgingen. Insgesamt waren wir etwa 10 Minuten auf der Rampe. Wir klammerten uns an unsere Mutter. SS-Leute kamen auf uns zugerannt und schrien laut: 'Zwillinge, Zwillinge.' Sie rissen meine Mutter von uns fort. Wir wurden in die andere Richtung gezerrt." So begann der Leidensweg der Schwestern Eva und Miriam.
"Dr. Mengele kam jeden Morgen mit seinem Gefolge von acht oder zehn oder Leuten herein. Der Aufseher schrie immer: "Mengele kommt!" Wir standen stramm vor unseren Pritschen wie kleine Soldaten. Dann kam er rein und zählte uns. Er wollte einfach genau wissen, wie viele Zwillings-Versuchskaninchen er da hatte."
Bis heute weiß Eva Mozes Kor nicht, was sie ihr und ihrer Schwester angetan haben. "Sie banden mir meinen rechten und meinen linken Arm ab. Dann nahmen sie sehr viel Blut aus meinem linken Arm - manchmal so viel, dass ich ohnmächtig wurde. Wir vermuteten, dass sie 'rauskriegen wollten, wie viel Blut man verlieren kann, ohne zu sterben. Sie gaben uns jedesmal mindestens fünf Injektionen, manchmal auch mehr. Die waren extrem gefährlich. Es waren Krankheitserreger und Chemikalien. Was es genau war, wissen wir bis heute nicht."
Die seinerzeit zehn Jahre alte Eva wurde durch die Injektionen schwer krank und kam in die so genannte "Krankenstation"; ihre Schwester Miriam blieb bei Mengele. "Die Krankenbaracke war voll mit Menschen, die mehr tot als lebendig wirkten." Sie nannte das Gebäude darum "Baracke der lebenden Toten".
"Dr. Mengele kam am nächsten Morgen mit vier anderen Ärzten herein und sah sich meine Fieberkurve an. Er lachte spöttisch: 'Sie ist noch so jung, schade, dass sie nur noch zwei Wochen zu leben hat.'". Doch sie überlebte. Später wird Mengele auch Evas Schwester fast zu Tode spritzen. "Wenn ich dort in der Baracke gestorben wäre, hätte man Miriam sofort zu Mengele gebracht. Er hätte auch sie getötet - mit einer Injektion ins Herz, um eine vergleichende Autopsie vornehmen zu können."
Als am 27. Januar 1945 die sowjetische Armee Auschwitz befreit, haben von den ursprünglich 2000 Zwillingspaaren nur 200 überlebt, unter ihnen Eva und Miriam Mozes Kor. Eva leidet heute an Tuberkulose; die Ärzte vermuten, dass ihr die Erreger im Konzentrationslager gespritzt worden sind.
Miriam stirbt 1993: Ihre Leber ist infolge von Mengeles Experimenten unterentwickelt, auf dem Stand einer Zehnjährigen, geblieben. Auch eine Transplantation hat nicht geholfen. Die Entschuldigung des Max-Planck-Präsidenten für die Forscher der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft hat Eva Mozes Kor moralisch geholfen - doch sie weiß immer noch nicht, was ihr in Auschwitz gespritzt worden ist, denn die Unterlagen liegen nicht bei der Max-Planck-Gesellschaft, sondern bei Pharma-Konzernen. "Ich hoffe, dass Bayer uns Überlebende nicht als Bedrohung empfindet - wenn sie uns doch helfen würden, das Puzzle zu vervollständigen."
Sie ist sich sicher, dass der Konzern noch die Unterlagen besitzt. "Ich glaube nicht, dass sie die vernichtet haben. Wenn sie wenigstens die Bereitschaft fänden, sich mit uns zu treffen: Ich glaube, das wäre ein großartige moralische Geste. Sie sind doch in der moralischen Pflicht wie alle beteiligten Firmen und Personen. Und die haben sie bisher nicht erfüllt. Ich habe ihnen sowieso vergeben können."
Übersicht: Tödliche Forschung unter der Nazi-Diktatur
Entschuldigung für Leid und langes Schweigen
Unsagbares Leid für eine ideologische "Wissenschaft"
Sterbliche Überreste von "Euthanasie"-Opfern bestattet
Ein Bekenntnis zur historischen Verantwortung

10.01.2005 / mp
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