Vertrauensübung Video
Zusammenhalt in der Gruppe vermittelt Stabilität, die sich aufs Leben überträgt
Glück ist ein Erfolg
In Heidelberg lernen Schüler, zufrieden zu sein
Das Schulfach "Glück" ist ein Erfolg, sagen der OECD-Beauftragte für Sozialforschung, Ernst Gehmacher und Wolfgang Knörzer.
Gehmacher bescheinigt dem Fach einen enorm positiven Einfluss auf die Entwicklung von Identität und Persönlichkeit: "Es ist beeindruckend, wie stark das Engagement in der Gemeinschaft und die Lust an der Leistung bei den Schülern zugenommen haben." Dennoch warnt er davor, Glück nun eiligst in allen Schulen einzuführen: Der Erfolg sei stärker als in anderen Fächern von der Qualität des Unterrichts abhängig. "Einfach ein Fach einführen bringt nichts. Man benötigt hervorragendes Personal." Es müsse größter Wert auf Qualität und Inhalt gelegt werden, sonst könnte das Fach für die Schüler sogar kontraproduktiv sein. "Glück light", sagt er, "wäre die totale Enttäuschung." Nicht nur für die Schüler, auch für die Lehrer gelte: "Glück muss man lernen. Es fällt einem nicht in den Schoß."

"Die Jugendlichen können nun sehr genau definieren, was sie nicht wollen", sagt Knörzer, Leiter des Instituts für Alltags- und Bewegungskultur. "Sie haben gelernt, in sich hinein zu hören." Zudem gebe die Glücksgruppe weit häufiger an, schwierige Situationen im Griff zu haben, die Übersicht zu behalten oder sich selbst beherrschen zu können. Für ein Schuljahr Unterricht sei das sehr positiv. Im zweiten Jahr müsse es nun darauf ankommen, die neu gewonnene Sensibilität für das eigene Ich in konkrete Ziele umzusetzen: "Wo soll mein Platz sein, was möchte ich erreichen? - Diese Erkenntnis ist der nächste Schritt auf dem Weg zum Glück", glaubt Knörzer.

Unterstützend sei es wichtig, von der in Deutschland typischen Fehlerkultur wegzukommen. Und zwar in allen Fächern: "Das Herumreiten auf Fehlern bringt nichts. Man muss den Schülern stattdessen bewusst machen, was sie können. Dann beheben sie die Fehler durch eigene Motivation." Das Fach Glück habe deshalb nicht zuletzt die Aufgabe, auch die Lehrkräfte zum Denken anzuregen.

Seit 2007 vermitteln Idealisten Zufriedenheit
Schüler Lupe
Gute Noten in Gruppengefühl
Im Schuljahr 2007/2008 hatte Direktor Ernst Fritz-Schubert "Glück" an der Heidelberger Willy-Hellpach-Schule initiiert. In der Willy-Hellpach-Schule arbeiten Neurolinguisten, Theaterwissenschaftler, Handwerker, Psychologen oder Motivationstrainer Hand in Hand. Sogar der prominente Erfolgscoach und fünfmalige Hockey-Weltmeister Bernhard Peters arbeitet ehrenamtlich mit am Glück der Heidelberger Schüler. Das Team besteht aus Idealisten. Lediglich die Aufwendungen werden bezahlt. Wie das Fach en Detail aufgebaut ist, hat Fritz-Schubert in seinem Buch beschrieben.

"Bildung soll dem Menschen dienen", sagt Schuldirektor Ernst Fritz-Schubert. "Dazu gehört Selbstsicherheit." Es gibt Strategien für ein zufriedenes Leben, meint die Psychologin Ann Elisabeth Auhagen von der Freien Universität Berlin: "Das sind ein gutes Selbstvertrauen, positive soziale Beziehungen, Optimismus und das Gefühl, das eigene Leben gestalten zu können." Blockaden löse man, indem man sich auf sein Ziel konzentriert.

Sport und die Erfahrung von Körperlichkeit sind dabei genauso Bestandteil des Unterrichts wie gesunde Ernährung, Theaterspielen, Entspannungsübungen, Philosophie, der Besuch von Kunstausstellungen oder die Wahrnehmung von sozialen Kontexten. Es geht um Gemeinschaft, um Werte, um die Anerkennung anderer, aber auch um die Akzeptanz des eigenen Selbst. "Wir versuchen, den Jugendlichen Instrumente an die Hand zu geben, die sie stabiler und selbstbewusster machen. Sie sollen lernen, sich in der Welt zu orientieren", sagt Fritz-Schubert. Im Ausland gibt es den Trend zum Glücksunterricht schon länger. An der Harvard-Universität beispielsweise sind die Happiness-Kurse grundsätzlich komplett ausgebucht.

In Großbritannien ist Glück seit 2006 im Unterricht
In Großbritannien steht für 2000 Schüler seit Sommer 2006 das Fach "Glücklich sein" bereits auf dem Stundenplan. In einem Pilotversuch sollten die elfjährigen Kinder dabei mit aus den USA importierten Techniken gegen die negativen Einflüsse des modernen Lebens gestählt werden. In den Stunden soll es unter anderem Rollenspiele geben, die das Selbstvertrauen stärken und den Schülern helfen sollen, negativem Denken vorzubeugen und Gedanken klar zu formulieren. Mit Atemübungen sollen die Schüler lernen, ruhig zu bleiben, wenn sich ihre Eltern streiten. Außerdem sollten die Kinder lernen, sich nicht für Situationen verantwortlich zu fühlen, an denen sie unschuldig sind, etwa wenn sich ihre Eltern scheiden lassen, heißt es weiter. Sollte das Programm erfolgreich sein, will das britische Bildungsministerium das Fach in allen Schulen einführen.

Mit dem Pilotversuch reagiert die Regierung in London auf neue Rekorde bei den Zahlen von Schülern, die unter schweren psychischen Problemen leiden - etwa wegen der Scheidung ihrer Eltern, wegen Prüfungsstress oder der steigenden Unfähigkeit, mit den Herausforderungen der modernen Gesellschaft umzugehen. Auch die zunehmende Kriminalität unter Jugendlichen soll damit bekämpft werden.

Kinder fühlen sich glücklich, Schule ist "Glückskiller"
In Deutschland fühlen sich 40 Prozent der vier- bis zwölfjährigen Kinder einer Umfrage zufolge "total glücklich". 44 Prozent von 1.239 Befragten aus dieser Altersgruppe bewerteten ihre Kindheit als "glücklich" und 14 Prozent als "weder noch", so eine Studie im Auftrag der ZDF-Medienforschung. Die Schule sei der Umfrage zufolge "Glückskiller Nummer eins". Während 50 Prozent der Sechsjährigen den Angaben zufolge noch "sehr gerne" in die Schule gingen, seien es bei den 13-jährigen nur noch 16 Prozent.

Gymnasiasten äußerten sich eher zufrieden mit der Schule, Hauptschüler deutlich weniger, hieß es. Die Schule könne das Wohlbefinden der Kinder steigern, in Deutschland sei aber das Gegenteil der Fall, wird Susanne Kayser von der ZDF-Medienforschung als Bilanz der Studie zitiert. Ältere Schüler empfänden den Unterricht oft als wenig "spannend", ihre Lehrer nicht immer als "nett".

Schule im Fokus
Schulen in Schieflage
Wichtig ist die Herkunft - die soziale Lage des Elternhauses entscheidet in Deutschland stärker als in anderen Staaten über den Erfolg.
Buchtipp
Ernst Fritz-Schubert
Schulfach Glück
Wie ein neues Fach die Schule verändert
Verlag: Herder ISBN 978-3-451-29849-3
Buchtipp
Ann E. Auhagen
Positive Psychologie
Anleitung zum "besseren" Leben
Verlag: Beltz
ISBN 978-3-621-27555-2
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