Antikörper attackieren Virus
Wenn der Körper die neue Grippe bekämpfen soll, muss er den Gegner kennen
Mehr Nebenwirkungen, aber besser getestet
Wirkverstärker "überstimulieren" das Immunsystem
Für mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung steht für eine Impfung gegen die Schweinegrippe der Impfstoff Pandemrix zur Verfügung, der stärkere Nebenwirkungen verursachen soll als Celvapan.
Pandemrix der Firma "Glaxosmithkline" enthält einen Wirkverstärker. Das Adjuvans - eine Emulsion aus Ölen, Wasser und Vitamin E lässt das Immunsystem besser auf die Impfung reagieren, führt aber auch eher zu Nebenwirkungen. "Zu bedenken ist, dass das Immunsystem durch diesen neuen Wirkverstärker praktisch überstimuliert wird", sagt der Mediziner Klaus Hartmann. "Eine im Prinzip über das Ziel hinausschießende Immunreaktion wird erzeugt. Sie führt nicht bei sehr vielen, aber doch einigen Leuten zu einer Autoimmunreaktion."

"Das Problem ist, dass diese Wirkverstärker nicht nur die erwünschten Wirkungen verstärken, sondern auch die unerwünschten Wirkungen", sagt Wolfgang Becker-Brüser vom Arznei-Telegramm. "Das können sowohl banale Reaktionen betreffen wie Schmerzen an der Injektionsstelle, Kopf- oder Gelenkschmerzen, aber es kann eben auch schwerwiegende und lebensbedrohliche, normalerweise selten auftretende Reaktionen wie aufsteigende Lähmungen, die die Atemmuskulatur treffen können, das Guillian-Barré-Syndrom, oder andere Nervenerkrankungen."

Die ständige Impfkommission (StiKo) empfhiehlt vor allem Medizinpersonal und chronisch Kranken, sich impfen zu lassen. Schwangere Frauen sollten sich auch impfen lassen, allerdings mit dem Impfstoff ohne Wirkverstärker. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte gibt zu bedenken, dass Celvapan bislang weder an Kindern noch an Schwangeren getestet worden sei. Auch für Erwachsene lägen erst relativ wenige Daten vor und rät davon ab.

"Ein H1N1-Impfstoff braucht Wirkverstärker"
Impfstoffdose Lupe
Der Impfstoff musste in relativ kurzer Zeit hergestellt werden
Der Impfstoff habe schnell hergestellt werden müssen, sagt Johannes Löwer vom Paul-Ehrlich-Institut. "Das ist nur mit Impfstoffen möglich, die weniger Virusteile, aber einen Wirkverstärker enthalten." Dieses Adjuvans sei weltweit an 45 Millionen Personen über 60 Jahre verabreicht worden, sagt Löwer, "ohne das es ein Risikosignal besonderer Art gab." Auch mit dem saisonalen Impfstoff im vergangenen Winter sei es an 20.000 Erwachsenen getestet worden, ohne dass es einen Hinweis gab, dass etwas Besonderes passiert sei."

"Das Risiko schwerwiegender Nebenwirkungen liegt in der Größenordnung von 1:100.000 oder noch darunter - und zwar für jede Art von Impfung", sagt die Immunulogin Claire-Anne Siegrist von der Universität Genf. "Ein solches Restrisiko kann in klinischen Studien niemals erkannt werden. Die einzige Möglichkeit ist daher, den Impfstoff zu lizensieren und seinen Einsatz sorgfältig zu überwachen." Sie selbst werde sich zum Schutz ihrer Patienten impfen lassen "und ich werde allen meinen Patienten ebenfalls eine Impfung empfehlen. Ich empfehle die Impfung für alle Menschen mit geschwächter Abwehr und für alle, für die eine Grippeerkrankung eine ernste Gefahr ist."

Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer, wolle niemandem Angst machen, "aber es beunruhigt, dass die verwendete Kombination von Verstärkersubstanz und Impfstoff nicht nach den normalen Standards getestet ist". Löwer entgegnete, die Impfstoffe "haben Zulassungsverfahren durchlaufen und sind daher nach üblichen Standards auf Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet worden". Die Verstärker seien "biologischen Ursprungs" und "in vielen Arznei- und / oder Lebensmitteln enthalten".

50 Millionen Dosen Pandemrix bereits bestellt
Medikamentenschrank Lupe
Von Pandemrix gtehen deutlich mehr Dosen zur Verfügung
50 Millionen Dosen des Impfstoffs Pandemrix haben die Bundesländer beim Pharmahersteller GlaxoSmithKline (GSK) bestellt. Im Gegensatz zu Celvapan enthält Pandemrix just die Adjuvantia, die einige Ärzte kritisch sehen. Ein Vorteil ist, dass der Impfstoff breiter und stärker wirkt. Weil das Schweinegrippe- Virus nur langsam wächst, wurde der Impfstoff nicht aus ganzen Viren, sondern aus Teilen des Erregers hergestellt - aus Proteinen von der Oberfläche. Da die Viren schlecht wuchsen haben Forscher bei der Impfstoffentwicklung daran gearbeitet, die Impfstoffwirkung mit den Adjuvantia zu verbessern, sagt der Virologe Stephan Becker von der Uni Marburg. Pandemrix enthält den Grippevirusstamm A/California/7/2009 (H1N1)v-like strain (X-179A), der in Hühnereiern gezüchtet wird.

Das Lösungsmittel, mit dem der Virenmix vor der Injektion vermischt wird, enthält einen Wirkstoffverstärker Adjuvans AS03. Er soll eine stärkere Reaktion des Immunsystems stimulieren. Eine Dosis des Impfstoffs (0,5 Milliliter) enthält laut Hersteller 3,75 Mikrogramm Antigene sowie als Verstärker 10,69 Milligramm Squalen, das in Haifischleber vorkommt, 11,86 Milligramm Vitamin E (DL-alpha- Tocopherol) und 4,86 Milligramm Polysorbat 80. Polysorbat ist Bestandteil vieler Lebensmittel. Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) kann der Mensch davon täglich bis zu 10 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht bedenkenlos zu sich nehmen.

Enthalten sind auch fünf Mikrogramm des quecksilberhaltigen Thiomersal, das die Verkeimung der Impfstoffe nach der Öffnung verhindern soll. Laut GSK wurde das Adjuvanssystem an mehr als 39.000 Probanden getestet und erwies sich als gut verträglich. Nach PEI-Angaben sind keine toxischen Wirkungen bekannt.

Mehr Nebenwirkungen bei Pandemrix aufgetreten
Pandemrix kann mehr Nebenwirkungen hervorrufen als Celvapan. Am häufigsten (bei mehr als einer von zehn Personen) beobachtet wurden Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen und Reaktionen an der Injektionsstelle (Verhärtung, Schwellung, Schmerzen und Rötung) sowie Fieber und Mattheit oder Müdigkeit. Vorsicht ist geboten bei Allergien gegen Hühnereiweiß (Ovalbumin), Formaldehyd, Gentamicinsulfat (ein Antibiotikum) und Natriumdeoxycholat.

Ärzte spritzen Pandemrix ins Muskelgewebe, vorzugsweise in zwei getrennten Dosen in einem Zeitabstand von mindestens drei Wochen. Auch bei diesem Impfstoff zeigten Studien, dass er bei mindestens 70 Prozent der Menschen, bei denen er untersucht wurde, schützende Konzentrationen von Antikörpern bildete. Am am 20. Mai 2008 hatte die EU Pandemrix zugelassen.

Beide Impfstoffe wurden laut Emea unter "außergewöhnlichen Umständen" zugelassen. Dies bedeutet, dass es bisher nicht möglich war, umfassende Informationen über den Pandemie-Impfstoff zu erlangen.

Celvapan spritzen Ärzte ebenfalls ins Muskelgewebe
Spritze Lupe
In zwei Dosen wird Celvapan verabreicht
Das Bundesinnenministerium hat 200.000 Dosen Celvapan bestellt. In ihm ist der Grippevirusstamm A/California/7/2009 (H1N1)v enthalten. Die in Celvapan verwendeten ganzen Viren werden in Säugetierzellen (Vero-Zellen) gezüchtet und unterscheiden sich dadurch von anderen Grippeimpfstoffen, die aus Hühnereiern gewonnen werden. Die Viren wurden zunächst herangezüchtet und dann deaktiviert. Wenn sie in die Blutbahn gelangen, erkennt der Körper sie als fremd und beginnt, Antikörper zu bilden.

Celvapan wird in Muskelgewebe gespritzt und in zwei Dosen in einem Zeitabstand von mindestens drei Wochen verabreicht. Der Modell-Impfstoff hat laut Emea bei mindestens 70 Prozent der Menschen, bei denen er untersucht wurde, schützende Konzentrationen von Antikörpern gebildet. Die häufigste Nebenwirkung von Celvapan sind Schmerzen an der Injektionsstelle - dies wurde in Tests bei mehr als einer von zehn geimpften Personen beobachtet. Vorsicht ist bei Menschen geboten, die hochallergisch auf Bestandteile des Impfstoffs reagieren. Celvapan wurde von der EU am 4. März 2009 zugelassen.

Celvapan sollen Soldaten, Bundespolizisten und Mitarbeiter der Krisenstäbe des Bundes bekommen. Beide Impfstoffe sind in Studien kontrolliert und von der Europäischen Arzneimittelagentur (Emea) zugelassen worden. Impfungen gegen die Schweinegrippe beginnen in Deutschland am 26. Oktober 2009.

Auch Novartis hat Impfstoff gegen H1N1 entwickelt
Virusmodell Video
Die Welt bereitet sich auf die Ausbreitung des neuen Grippevirus vor
Auch der Impfstoff Focetria von Novartis enthält die umstrittenen Wirkstoffverstärker. Er ist wie Pandemrix in der EU zugelassen, doch Gegner kritisieren auch hier, dass die Wirkung dieser Adjuvantia nicht ausreichend erforscht sei. Unter Zeitdruck testete Novartis seinen H1N1-Impfstoff an 1200 Menschen - 600 bekamen einen, den die Pharmafirma traditionell in Eiern züchtete, die anderen einen, den Novartis erstmals in Hundezellen testete. Als Nebenwirkungen sind laut Uniklinik München zu erwarten, dass es ähnlich wie bei herkömmlichen Grippeimpfstoffen gelegentlich innerhalb von ein bis drei Tagen an der Impfstelle zu leichten Schmerzen, Rötung und Schwellung und seltener zu Verhärtungen und Schwellung der zugehörigen Lymphknoten kommt.

Gast
VideoZum Thema sprachen wir am 11. September 2009 mit Prof. Markus Knuf, Prüfarzt der H1N1-Impfstudie der Uniklinik Mainz
Schwerpunkt
© dpa
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Links
Informationen zu Verdachtsfällen auf Impfkomplikationen sowie von Verdachtsfällen schwerwiegender Nebenwirkungen vom Paul-Ehrlich-Institut
09.02.2006, zuletzt aktualisiert am 09.11.2009 / mp, jus mit Material von dpa, ap und afp