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In Deutschland sind Lügendetektoren aus gutem Grund nicht zugelassen
Lügendetektoren liefern nicht immer die Wahrheit
Die Geräte lassen sich relativ leicht manipulieren
"Man könnte bei der Polizei Tatwissenstests einsetzen, aber das passiert nicht", sagt Dr. Matthias Gamer vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. "Aber es ist denkbar, dass es in Zukunft Fälle geben wird."
Dann werde "sicher eine neue Diskussion notwendig sein, ob die Gesellschaft das will oder nicht." Lügendetektoren sind in Deutschland vor Gericht nicht zugelassen, weil sie nur bei freiwilligen gut funktionieren - eine Handbewegung verfälscht bereits das Ergebnis. "Wir können mit diesen Messungen versuchen herauszubekommen, bei welchen Fragen Probanden besondere Probleme gehabt haben, zu antworten", schildert Prof. Helmut Lukesch. "Wir wissen nur, welche Bereich schambesetzt oder mit Aufregung verbunden sind. Ob jemand lügt, ist eine andere Frage!"

Erfahrene Tester bemerken Manipulationen nicht
Lügendetektoren kann man manipulieren. Eine Studie der Stiftung Kriminalprävention in Münster hat 2000 ergeben, dass Lügendetektoren willkürlich und auf einfachste Art manipuliert werden können, ohne dass es selbst erfahrene Tester merkten. In Deutschland habe der Lügendetektor-Test zwar ohnehin keine gerichtliche Relevanz, werde aber im privaten und familienrechtlichen Bereich durchaus zunehmend angewandt, hieß es. Das vierjährige Forschungsprojekt haben Wissenschaftler im Auftrag der Stiftung Kriminalprävention durchgeführt. Wie der Vorsitzende des Stiftungskuratoriums, Klaus Stüllenberg, sagte, rücke die Studie die vermeintlich sichere Wahrheitsfindung "nicht nur in Deutschland, sondern weltweit in ein anderes, gefährliches Licht".

Der Lügendetektor - in Deutschland den Angaben zufolge vor allem von beauftragten Psychologen eingesetzt - ist ein Gerät, mit dem mehrere unterschiedliche Körperfunktionen während einer Befragung gemessen und fortlaufend aufgeschrieben werden - darunter Blutdruck, Hautwiderstand, periphere Durchblutung und Atmung. Anwender gehen davon aus, dass sich die Körperfunktionen in Abhängigkeit von der emotionalen Betroffenheit auf die unterschiedlichen Fragen verändern. Diese Veränderungen lassen sich an den aufgezeichneten Kurven ablesen und interpretieren.

Das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag lässt Tests mit dem Lügendetektor nicht zu. Nach Erkenntnissen in den USA, Großbritannien und Deutschland seien diese Geräte nicht zuverlässig genug, erklärte das Gericht. Eine Strafkammer hat mit dieser Begründung einen Antrag abgewiesen.

"Genau so gut könnte man eine Münze werfen"
Stimmanalyse Lupe
Stimmanalyse deckt die Wahrheit nicht auf
Ein vernichtendes Zeugnis haben Psychologen der Universität Mainz 2002 dem Lügendetektor "TrusterPro" ausgestellt. Das auch in Deutschland angebotene System, das mit Stimmstressanalyse arbeitet, erwies sich bei Tests als extrem unzuverlässig, wie Hans-Georg Rill und Matthias Gamer von der Abteilung für Allgemeine Experimentelle Psychologie berichten. Nach ihren Angaben wird er Sicherheitsbehörden, Banken und Versicherungen angeboten, um die Glaubwürdigkeit von Kunden zu testen. Die Idee, aus der Stimme Rückschlüsse auf den Wahrheitsgehalt von Aussagen zu ziehen, ist nicht neu: "Bereits in den 1950er Jahren haben Wissenschaftler bei Muskeln im Ruhezustand einen Mikrotremor, ein minimales Zittern im Bereich von zehn Hertz festgestellt", erklärt Rill.

Unter Anspannung nehme die Frequenz ab oder verschwinde sogar ganz. Der Versuch, dieses Prinzip in den 1970er Jahren auf die Stimmbänder zu übertragen, sei allerdings nicht sonderlich erfolgreich gewesen, sagt der Psychologe. Doch "TrusterPro" arbeitet ohnehin nicht mit der Zehn-Hertz-Schwingung. Wie aber das relativ neue System tatsächlich Lüge von Wahrheit unterscheiden will, bleibt unklar. Bei einem Anwenderseminar in London, an dem Rill und Gamer teilnahmen, hieß es, die Wirkungsweise des Detektors falle unter das Betriebsgeheimnis.

Nur so viel war den Vertretern zu entlocken: Stress-Situationen hätten eine Minderdurchblutung der Stimmbänder und damit Veränderungen in der Stimme zur Folge. Nach Ansicht Rills ist das ein ausgesprochen populärwissenschaftliches Modell, das sich einer exakten Analyse entziehe.

Hautleifähigkeit, Atmung und Herz verraten mehr
Die Mainzer Wissenschaftler überprüften "TrusterPro" mit Hilfe des "Tatwissen-Tests": Die Psychologen beauftragten 30 Probanden, in einem öffentlichen Gebäude Geld und EC-Karten zu stehlen. 30 weitere Testpersonen übernahmen andere Aufgaben, ohne Details des Diebstahls zu kennen. Anschließend stellten die Psychologen allen Teilnehmern Fragen zum Diebstahl und maßen dabei Hautleitfähigkeit, Atmung und Herzfrequenz: Mit einer Gesamttrefferquote von 95 Prozent konnten auf diese Weise Täter und Unschuldige identifiziert werden.

Wesentlich schlechter fiel dagegen das Ergebnis bei der Stimmstressanalyse aus: Die Gesamttrefferquote von 57 Prozent lag nur knapp über einer rein zufälligen Zuordnung der Testpersonen zur Gruppe der Täter beziehungsweise der Unschuldigen. "Genau so gut könnte man eine Münze werfen", sagt Rill. Die Mainzer Ergebnisse decken sich nach seinen Angaben mit zwei Studien aus den USA, die ebenfalls "recht desillusionierende Befunde" erbracht hätten.

Der israelische Hersteller Nemesysco weist nach Angaben Rills die Kritik an dem Detektor zurück: "TrusterPro" könne nur unter echtem Stress und nicht unter solchen Simulationsbedingungen funktionieren. Nun wollen die Wissenschaftler prüfen, ob sich das Gerät unter realen Lebensbedingungen besser bewährt als in den Laborversuchen. Optimal wäre es, den Stimm-Detektor bei echten Polizeiverhören zu testen, sagt Rill.

Unklar bleibt, ob "TrusterPro" in Deutschland bereits zum Einsatz kommt. Der Bundesverband der Versicherungswirtschaft schließt jedenfalls kategorisch aus, dass seine Mitgliedsunternehmen zu solchen Mitteln greifen. Zum einen vertrauten die Versicherungen ihren Kunden, und zum zweiten seien die Ergebnisse von Lügendetektortests ohnehin nicht gerichtsverwertbar, sagt ein Sprecher des Verbandes.

Tatsächlich hatte der Bundesgerichtshof 1998 den Einsatz der Polygraphen zumindest in Strafprozessen untersagt. Als Beweismittel seien sie völlig ungeeignet. Auch das Hessische Landeskriminalamt schließt entgegen anders lautenden Berichten aus, dass "TrusterPro" bei Verhören in Polizeidienststellen des Landes benutzt wird. Ein Sicherheitsexperte aus dem Rhein-Main-Gebiet, der auf der Nemesysco-Homepage als "Distributor" für die Bundesrepublik aufgeführt wird, weiß nach eigenen Angaben ebenfalls nichts von deutschen Kunden.

Allerdings stehe er entgegen den Angaben auf der Internetseite schon längere Zeit nicht mehr in Diensten Nemesyscos. Nach Angaben der Mainzer Wissenschaftler ist die Nachfrage nach dem Gerät gleichwohl groß: "Der Glaube, dass der TrusterPro vom israelischen Geheimdienst entwickelt wurde, gibt ihm das entscheidende Flair und wiegt die Kunden in Sicherheit."

Schwerpunkt
"Gelogen!" - Forschen rund um Lug und Trug
Ob Mensch, ob Tier - ohne Lügen kann keiner (über-)leben. Die Motive zur Lüge sind dabei immer die gleichen: einen Sexualpartner für sich zu gewinnen, Feinde und Beute auszutricksen oder gar auszuschalten.
Die Frage
"Warum kann man per Stimmstress-Analyse keine Lügen erkennen?"
Einblicke
Lügen verraten sich in den Gehirnmustern
"Lügen ist anstrengender, als die Wahrheit zu sagen - das Gehirn ist im Schläfenbereich aktiver, wenn man Information verheimlicht", weiß Dr. Matthias Gamer vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.
Durchschaut
Lügner verraten sich durch Mikroausdrücke
Videoanalysen der Mikroausdrücke eines Menschen können ihn der Lüge überführen, aber das reiche für einen Lügendetektor nicht, meint der Emotionspsychologe Prof. Klaus Scherer. "Das ist unmöglich."
Buchtipp
Volker Sommer
Lob der Lüge
Täuschung und Selbstbetrug bei Tier und Mensch
Verlag: dtv
ISBN 3-423-30415-4
Buchtipp
Peter Stiegnitz
Die Lüge
Das Salz des Lebens
Verlag: Vabene
ISBN 3-85167-062-0
05.12.2000, zuletzt aktualisiert am 28.09.2009 / mp mit Material der dpa