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Depressionen, Bluthochdruck, Herzinfarkte und Schlaganfälle durch Fluglärm
"Fluglärm ist Körperverletzung"
Depressionen und Bluthochdruck mögliche Folgen
Der Fluglärm in der Region Rheinhessen erfüllt nach Meinung von Medizinern der Mainzer Uniklinik den Tatbestand der Körperverletzung.
Fluglärm fördere Depressionen, Bluthochdruck, Herzinfarkte und Schlaganfälle, teilte die Uniklinik Anfang März 2012 in Mainz mit. Besonders für Patienten an der Mainzer Schmerzklinik habe Fluglärm gravierende Folgen. "Äußere Faktoren wie Fluglärm verstärken Schmerzen", sagte Raimund Casser, ärztlicher Direktor des Schmerz-Zentrums.

Nach den Worten des Kardiologen Thomas Münzel ist ein striktes Nachtflugverbot keine ausreichende Lösung. Die neue Landebahn am Frankfurter Flughafen müsse geschlossen werden. Lärm mit Spitzenschallpegeln über 70 Dezibel liege weit über dem erträglichen Wert von 40 Dezibel. Im März wolle die Uniklinik schriftlich an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) appellieren, die neue Landebahn zu schließen, Flughöhen anzuheben und Nachtflüge komplett zu streichen. Zudem wolle die Klinik ein sofortiges Überflugverbot des Mainzer Uniklinikums erwirken.

Forscher am Uniklinikum untersuchen derzeit den Einfluss von Fluglärm auf das Entstehen von Gefäßerkrankungen. Diese und weitere Studien sollen helfen, zu beweisen, dass es sich bei Fluglärm um Körperverletzung handelt. Mit einer Plakataktion möchte die Uniklinik ab sofort auf die Gesundheitsrisiken aufmerksam machen.

Lärm schadet, auch wenn man sich daran gewöhnt
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Das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen steigt
Nächtlicher Fluglärm erhöht den Blutdruck auch dann, wenn sich die Menschen subjektiv gar nicht gestört fühlen. "Erhöhter Blutdruck ist ein wichtiger Risikofaktor für die spätere Entwicklung von Herzinfarkt und Schlaganfall", erklärte Münzel bereits 2010. "Wir gehen davon aus, dass Menschen die Fluglärm ausgesetzt sind, eine Gefäßregulationsstörung haben, die gefäßverengenden Mechanismen überwiegen und dadurch steigt der Blutdruck."

Besonders gefährlich am Fluglärm ist, dass sich die gesundheitlichen Folgen nicht sofort zeigen. Es kann 10 bis 15 Jahre dauern, bis die Gesundheitsschäden auftreten.

Nur ein Flugzeug erhöht den Blutdruck Schlafender
© reuters Lupe
Forscher haben schon 2008 den Blutdruck Schlafender bei Fluglärm überprüft
Bereits der Lärm eines einzigen Flugzeugs kann bei Schlafenden vorübergehend den Blutdruck erhöhen. Das haben europäische Forscher 2008 herausgefunden, die nachts den Blutdruck von 140 Menschen in der Nähe von vier großen europäischen Flughäfen überwacht haben, darunter London-Heathrow. Dabei stieg der Blutdruck ab einer Lautstärke von 35 Dezibel (dB) bereits an. Das entspricht dem Überflug eines Flugzeugs, Verkehrslärm vor dem Haus - oder dem Schnarchen des Partners, berichteten Forscher vom "Imperial College" in London. Nach solchem Lärm stieg der systolische Blutdruck im Durchschnitt um 6,2 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) und der diastolische Blutdruck um 7,4 mmHg. Dabei erhöhte sich der Blutdruck umso mehr, je lauter der wahrgenommene Lärm war.

Entscheidend sei dabei allein die Lautstärke und nicht die Quelle des Lärms gewesen, berichtet das Team. Es hatte den Lärm im Schlafzimmer und alle 15 Minuten den Blutdruck der Probanden gemessen. Bluthochdruck beginnt nach Definition der Weltgesundheits-Organisation (WHO) bei einem Wert von 140 zu 90 (mmHg; systolisch zu diastolisch).

Einer weiteren Untersuchung zufolge haben Menschen, die Nachtfluglärm ausgesetzt sind, insgesamt häufiger Bluthochdruck, als Menschen in ruhigen Wohngebieten. Bereits ein Anstieg des nächtlichen Fluglärmpegels um 10 dB im Schallpegelbereich von 30 bis 60 dB erhöhe das Risiko für Bluthochdruck bei Frauen und Männern um rund 14 Prozent, hatte das Umweltbundesamt (UBA) im Januar 2008 mitgeteilt. Eine Zunahme um 10 dB bedeutet eine zehnfache Schallintensität und entspricht in etwa einer Verdoppelung des wahrgenommenen Lärms.

Beide Studien waren Teil des von der EU geförderten Projektes Bluthochdruck und nächtlicher Fluglärm (Hyena) mit insgesamt 5000 Einwohnern in der Nähe von sechs europäischen Flughäfen, darunter auch Berlin-Tegel.

Umweltbundesamt veröffentlicht eine Studie
© Flughafen Köln/Bonn Lupe
Nachtschutzgebiet des Flughafens Köln/Bonn
Neben dem Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen kann Fluglärm bei Frauen auch das Risiko für Depressionen erhöhen. Das hat eine Untersuchung des Umweltbundesamtes (UBA) rund um den Flughafen Köln/Bonn ergeben, wie das Amt am 1. März 2010 mitteilte. Die Gesundheitsdaten von mehr als 1020 Versicherten gesetzlicher Krankenkassen mit Wohnsitz im Airport-Einzugsbereich waren mit Informationen wie Umgebungslärm verglichen worden. Vor allem Nachtfluglärm setzt demnach den Anwohnern zu. Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen kritisierte die Studie als methodisch mangelhaft.

Fünf Millionen Bürger fühlen sich belästigt
Das Umweltbundesamt erklärte unter Berufung auf weitere repräsentative Studien, dass ein Drittel der Bevölkerung über Fluglärm klagt. Hochgradig belästigt fühlten sich fünf Millionen Bürger. Die neue Untersuchung aus dem Kölner Raum zeige, dass die Klagen begründet seien, erklärte Studienleiter Eberhard Greiser vom UBA. "Für Herz- und Kreislauferkrankungen ist nachgewiesen: Im Vergleich zu Personen, die keinem Fluglärm ausgesetzt sind, steigt das Erkrankungsrisiko betroffener Personen mit zunehmender Fluglärmbelastung." Bei Frauen zeigte die Studie, dass die Erkrankungsrisiken für Depressionen "signifikant" erhöht waren und auch das Krebsrisiko zunahm. Außerdem schien es so, als sei Fluglärm in der Nacht gefährlicher als am Tag.

Der Mediziner Arno Lange aus Siegburg hat mit Kollegen die "Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf" gegründet, da er viele Patienten behandelt, die unter den Folgen des Lärms leiden. "Wir können den Bluthochdruck medikamentös einstellen und Schlafstörungen behandeln", so Lange. "Aber damit wird das Übel nicht an der Wurzel gepackt. Wir bräuchten ein Nachtflugverbot." Viele Patienten schliefen im Keller, griffen zu Gehörstöpseln oder zu Schlaf- und Beruhigungsmitteln.

Die Ergebnisse stehen der Mitteilung zufolge im Einklang mit mehreren Untersuchungen zu Fluglärm-Effekten in der Umgebung von europäischen Flughäfen. Demnach treten fluglärmbedingt auch häufig höhere Blutdruckwerte auf. Es müsse mehr getan werden, um Bürger vor Lärm zu schützen, sagte UBA-Präsident Jochen Flasbarth. Der Flughafen Köln/Bonn habe freiwillige Schallschutzmaßnahmen getroffen, die Lärmrisiken zwar reduzierten, die gesundheitlichen Negativ-Wirkungen aber nicht vollständig verhindern könnten.

Weitere Analysen sollten folgen. Greiser warnte vor den Folgen, die sich aus dem Flugverkehr am Flughafen Berlin-Schönefeld ergeben könnten: Es bestehe die Gefahr, dass innerhalb von zehn Jahren mehr als 1000 Menschen zusätzlich einen Schlaganfall erleiden könnten.

Lärm durch Flugzeuge beeinträchtigt auch Kinder
Kinder auf der Straße Video
Kinder reagieren anders auf Fluglärm als Erwachsene
"Wir beobachten immer häufiger, dass bei nächtlichem Stress die Kinder mit dem Atmungssystem reagieren", sagt der Lärmwirkungsforscher Dr. Christian Maschke. Es trete ein erhöhtes Risiko für Asthma oder andere Erkrankungen der oberen Atemwege auf. "Hier scheint ein Effekt deutlich zu werden: Der Stress wird bei den Kindern anders verarbeitet wird als bei den Erwachsenen." Zwar wachen Kinder nicht so schnell bei Lärm auf wie Erwachsene, so Maschke, doch andererseits reagierten sie unterhalb des Aufwachens stärker als Erwachsene auf Geräusche. Der kindliche Schlafrhythmus werde durch Fluglärm kräftig durcheinander geschüttelt.

Auch am Tag beeinträchtigt der Fluglärm Kinder. Es falle ihnen schwerer zu lernen. "Die Lerninhalte müssen verarbeitet werden", sagt Maschke. "Diese Verarbeitung, die vor allem im Kurzzeit- oder auch ein wenig im Langzeitgedächtnis stattfindet, kann durch den Lärm ganz erheblich gestört werden."

Interaktiv
Lärm im Alltag
In der Nähe einer Autobahn treten 80 Dezibel auf. Ab 115 Dezibel wird Lärm als schmerzhaft empfunden, bei 120 Dezibel können bereits nach kurzer Einwirkung Hörschäden auftreten.
Link
Live-Fluglärm-Monitoring um den Frankfurter Flughafen mit Daten der Deutschen Flugsicherung
Interaktiv
Lärm im Alltag
Erfahren Sie mehr über Lärm und seine Grenzwerte in unserer interaktiven Flash-Animation.
Literatur
Haralabidis HS et al (2008) Acute effects of night-time noise exposure on blood pressure in populations living near airports. Eur Heart J, DOI 10.1093 / eurheartj / ehn013
nano spezial
Wie viel Fracht braucht die Nacht?
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Prozess um Nachtflüge Nachtflugverbot möglich Lärm soll teuer werden Ruhe in Zürich
Archiv: Mediathek
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28. April 2010: Gefahr durch Fluglärm 3. März 2010: Fluglärm als Gesundheitsrisiko 26. Mai 2010: Fluglärm macht krank
Links
"Statistiken zur Nachtflugsituation am Flughafen Köln/Bonn" von der Lärmschutzgemeinschaft Flughafen Köln/Bonn e. V. "Wirkungsvoller Fluglärmschutz statt fragwürdige Ergebnisse der neuesten Greiser-Studie" Pressemitteilung des Flughafenverbands ADV (Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen) "Fluglärm macht krank" Presseinformation des Umweltbundesamts zur Fluglärmstudie 2010 "Risikofaktor nächtlicher Fluglärm" Studie aus 2010 des Umweltbundesamts (pdf-Dokument) "Aircraft noise raises blood pressure even whilst people are sleeping, says study" vom "Imperial College" "Beeinträchtigung durch Fluglärm: Arzneimittelverbrauch als Indikator für gesundheitliche Beeinträchtigungen" Studie aus 2008 des Umweltbundesamts (pdf-Dokument)
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