Spanische Grippe ließ den Körper sich selbst angreifen
In einer Überreaktion hat der Virus das Immunsystem die Lunge angreifen lassen
© ap
Der Erreger der Spanischen Grippe von 1918 hat die Abwehrkräfte seiner Opfer gegen deren eigenes Körpergewebe dirigiert. Das zeige, warum sie damals 50 Millionen Menschen zum Verhängnis werden konnte, berichtet die Gruppe um Darwyn Kobosa vom Nationalen Mikrobiologielabor im kanadischen Winnipeg. H1N1 hat eine Überreaktion des Immunsystems infizierter Menschen ausgelöst, wodurch die körpereigene Abwehr unter anderem das Lungengewebe zerstört habe.
Die Gruppe konstruierte das Influenza-A-Virus von 1918 genetisch nach und infizierte Primaten damit. Demnach sorgte das Virus damals für eine Überreaktion des Immunsystems der Opfer, das daraufhin das Lungengewebe zerstörte. Die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 hatte ein Drittel der Weltbevölkerung infiziert und 25 Mal mehr Todesopfer gefordert als sonst bei Grippeepidemien üblich.
© ap
Seitdem suchen Forscher nach der Ursache für die Zerstörungskraft des damaligen Virus, um die Menschheit vor der Wiederholung einer solchen Pandemie zu bewahren. Sorge bereitet Wissenschaftlern und Ärzten die seit 2003 grassierende H5N1-Variante des Grippe-Erregers. Sie führt bei 80 bis 100 Prozent der infizierten Vögel innerhalb weniger Tage zum Tod. In seltenen Fällen stecken sich auch Menschen an. Nach Angaben der Weltgesundheits-Organisation (WHO) gab es bisher 267 Fälle von menschliche Erkrankungen in zehn Ländern. 161 seien tödlich verlaufen.
Das Forscherteam um Kobasa infizierte die Menschenaffen zum Vergleich auch mit der gegenwärtigen H1N1-Variante. Anders als auf das damalige Virus reagierten die Abwehrkräfte der Tiere "angemessen" auf den heutigen Erreger und ermöglichten es den Primaten, sich wieder zu erholen.
Die Studie könne erstmals auch erklären, warum ausgerechnet junge Erwachsene in ihren 1920er und 30er Jahren am schwersten unter der Spanischen Grippe zu leiden hatten. Junge Menschen dieses Alters haben generell das stärkste Immunsystem, das ihnen in diesem Fall mehr geschadet als genutzt habe. Ihre Abwehrkräfte hätten mehr Lungengewebe zerstört als jenes von Kindern oder alten sowie kranken Menschen mit schwächerem Immunsystem.

Unterschätzte Seuche: die Grippe und ihr Infekt


Kobasa D et al (2007) Aberrant innate immune response in lethal infection of macaques with the 1918 influenza virus. Nature 445: 319 - 323

Britische Forscher befürchten Resistenz gegen Tamiflu
Gängige Praxis der Grippeimpfung in Frage gestellt
Robert-Koch-Preis 2006 für Forschung an Grippeviren
Die neuen Grippe-Impfstoffe gibt es erst ab Oktober 2006
Grippewelle verzögerte sich durch Flugeinschränkungen
Aus Sternanis oder Bakterien wird Grippemittel Tamiflu
Nasenspray-Impfung soll gegen alle Grippenviren impfen
Protein P2 soll Grippe-Universalimpfstoff ermöglichen

18.01.2007 / dpa / mp
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / nano [E-Mail]