Schimpanse im Wasser Video
Affen waten gerne - für manchen ein Hinweis auf unseren aufrechten Gang
Der Mensch ist nah am Wasser gebaut
Fossilien und Stoffwechsel stützen "Ufertheorie"
Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass sich der aufrechte Gang des Menschen im Wasser entwickelt hat - und nicht in der trockenen Savanne.
"Der menschliche Körper zeigt deutliche Anzeichen dafür, sich an längere aufrechte Aufenthalte im Wasser angepasst zu haben", sagt der Humanbiologe Prof. Carsten Niemitz. "So wird anders als bei Menschenaffen kaum Wärme über die Beine abgegeben." Dies sei durch Wärmebilder noch heute nachzuweisen. Als Impuls zum Aufrichten sieht der Biologe auch den Wasserdruck - er mache die nunmehr schwierigere Durchblutung der Beine leichter.

Unsere Vorfahren suchten Schalentiere im Wasser
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Das Waten im Wasser könnten wir von unseren Vorfahren übernommen haben
Die Nahrungssuche in Gewässern könnte der Grund dafür sein, dass sich der aufrechte Gang entwickelte, meint Niemitz. "Das Sammeln von Fröschen und Schnecken im seichten Wasser ist das, was schon unsere Vorgänger taten", sagt der Anthropologe von der Freien Universität Berlin. "Nur hier fanden sie nämlich das ganze Jahr über, auch in der Trockenzeit, ein reiches Angebot an tierischem Protein." Es gab für vierfüßige Affen sonst keinen triftigen Grund, nicht nur aufzustehen, sondern auch stehen zu bleiben", sagt Niemitz.

Die breiten Zähne von Paranthropus, möglicherweise ein früher Vorfahr von Homo, legen nahe, dass er auf Schalentiere spezialisiert war. "Das waren wahrscheinlich keine Vegetarier, keine Nussknacker, sondern Muschelknacker", sagt Niemitz. In Muscheln sind viele Omega-3-Fettsäuren enthalten, ein wichtiger Baustein für unser Gehirn. "Vielleicht wäre unsere Evolution mit unserem großen Gehirn gar nicht möglich gewesen, wenn wir nicht diese Ressource an Ufertieren und deren Omega-3-Fettsäuren genutzt hätten", erklärt Niemitz.

"Der menschliche Körper zeigt deutliche Anzeichen dafür, sich an längere aufrechte Aufenthalte im Wasser angepasst zu haben. So wird anders als bei Menschenaffen kaum Wärme über die Beine abgegeben", sagt Niemetz. Als Impuls zum Aufrichten sieht der Biologe auch den Wasserdruck - er erleichtere die nunmehr schwierigere Durchblutung der Beine.

Schimpansen gehen auch zweibeinig im Wasser
Auch Schimpansen, mit denen wir über einen gemeinsamen Vorfahren verwandt sind, laufen zeitweise auf zwei Beinen, auch durch Wasser. Aufnahmen mit der Wärmebildkamera zeigen, dass Schimpansen viel Wärme über Kopf, Arme und Beine abgeben. Der Mensch verliert nur über Kopf und Brust Wärme. Der untere Teil des Körpers ist durch Fettgewebe isoliert. Niemitz interpretiert dies als Anpassung an die lange Nahrungssuche im kalten Wasser.

"Wenn unsere Vorfahren nun Vierbeiner waren, dann passt auch dazu, dass sie nicht schwimmen konnten", sagt Friedemann Schrenk. "Wenn sie dann die Nahrung aus dem tropischen Regenwald ersetzen mussten, denn der hat sich sehr stark zurückgezogen, dann kommt eigentlich aquatische Nahrung in Frage. Und dann mussten sie in die Gewässer, um diese Nahrung zu sammeln."

Um ihre These vom aufrechten Gang zu stützen, beobachteten die Berliner Biologen über Jahre die Badegäste am Wannsee. Erwachsene Badegäste schwimmen demnach nur zwei Prozent der Zeit, zehn Prozent verbringen sie aber mit dem Waten durch das Wasser. Den Rest der Zeit halten sich die Menschen am Ufer auf. "Wir Menschen sind keine Schwimmer, wir sind Ufergucker", sagt Niemitz.

"Menschen haben immer gern am Wasser gelebt"
"Die zitierten Funde belegen die Wassernähe zwar allgemein, aber nicht speziell die Ufertheorie", sagt Philipp Gunz vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. "Menschen haben immer gern am Wasser gelebt." Die von Niemetz kritisierte Savannen-Theorie sei ohnehin nicht mehr verbreitet. "Wir gehen davon aus, dass der aufrechte Gang schon entstand, während die Menschen noch in den Bäumen lebten." Die offene Frage sei vielmehr, ob er sich nicht mehrfach und unabhängig voneinander an verschiedenen Orten entwickelt habe.

Feuchte, nicht Trockenheit brachte uns voran
Forscher in der Savanne Video
Auf der Suche nach dem Ursprung des aufrechten Gangs
Wichtige Evolutionsschritte des Menschen haben öfter in feuchten und wechselhaften Phasen als in Trockenperioden stattgefunden, so der Potsdamer Geowissenschaftler Martin Trauth. Sedimente längst ausgetrockneter Seen in Afrika, die aus der Zeit der frühen Vormenschenfunde stammen, "stützen die Hypothese des feuchten Klimas". Auch der Paläontologe Friedemann Schrenk vom Senckenberg-Institut in Frankfurt fand in Afrika Ausgrabungsbelege dafür, dass Menschen an Ufern lebten.

Wie Urzeitforscher bereits 2005 berichteten, lebten unsere Vorfahren in As Duma im äthiopischen Afar-Territorium vor mehr als vier Millionen Jahren unter ganz anderen Umweltbedingungen als bislang vermutet. In dem heute von unwirtlicher Hitze geprägten Gebiet im Osten Äthiopiens unweit der Grenze zu Dschibuti gab es einst ein wahres "Umweltmosaik" aus Wäldern, Sümpfen und Grasland.

Paläontologen entdeckten in As Duma sterbliche Überreste von mindestens neun Urmenschen der ältesten bislang sicher nachgewiesenen Art Ardipithecus ramidus. Bei den Funden handelte es sich zumeist um Zähne, Kieferteile sowie um Hand- und Fußknochen, deren Alter auf 4,32 bis 4,51 Millionen Jahre bestimmt wurde. In unmittelbarer Nähe fanden sich Fossilien von Affen, Kuh-ähnlichen Weidetieren sowie kleinen Nagern. Die ebenfalls untersuchten Bodenproben wiesen auf eine feuchte Umgebung mit Seen und kleineren vulkanischen Quellen hin. Dürrekatastrophen wie in unseren Tagen gab es dagegen zu Zeiten der Urmenschen in Äthiopien wohl noch nicht.

Zahlreiche Evolutionsforscher gehen bislang davon aus, dass die Urmenschen in den Weiten der kargen, offenen Savanne Afrikas den aufrechten Gang entwickelten. Von ihrer höheren Warte aus konnten die Vorfahren des heutigen Homo sapiens demnach besser nach Beute spähen und Raubtieren ausweichen. Dies verschaffte den Hominiden einen entscheidenden Überlebensvorteil gegenüber den konkurrierenden Schimpansen.

Menschliche Evolution im Fokus
Ein langer Weg für Homo
Fast wäre er ausgestorben, und doch hat der moderne Mensch, Homo sapiens, überlebt und sich vom Affen getrennt, mit dem er viele Gene teilt.
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Auf Darwins Spuren
Die Vita des Forschers, seine Reise mit der Beagle, die Evolution des Lebens und ihre Schlüsselbegriffe in den "Darwin.Bits".
Mediathek
VideoAusgrabungen weisen auf ein feuchtes Klima hin
Unterstützung erhält Niemitz unter anderem aus Potsdam: Der Geowissenschaftler Martin Trauth (Uni Potsdam) untersuchte Sedimente längst ausgetrockneter Seen in Afrika, die aus der Zeit der frühen Vormenschenfunde stammen. (Beitrag vom 28. Februar 2013)
Mediathek
VideoDas Geheimnis des aufrechten Gangs
Auch die nächsten Verwandten des Menschen waten aufrecht durchs Wasser. (Beitrag vom 28. Februar 2013)
Buchtipp
Geheimnis des Gehens
Die Vorfahren des Menschen stiegen nicht von den Bäumen, um den aufrechten Gang zu üben, sondern verließen die Ufer und Gewässer.