Kind mit Masern Lupe
Nicht alle Eltern sind von Impfungen überzeugt - aber nur diese schützen
Impfen hilft auch denen ohne eigenen Schutz
Masern nach fünf Jahren wieder auf dem Vormarsch
Der einzige Schutz gegen Masern ist "die vorbeugende Impfung", sagt Martin Terhardt vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte.
Er ist Mitglied der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (RKI), die die in Deutschland maßgeblichen Impfempfehlungen ausspricht. "Nur wenn es uns in Deutschland gelingt, die Masern zu eliminieren, ist auch der Personenkreis geschützt, der nicht geimpft werden kann", betonte der Arzt. Das betreffe besonders Säuglinge. Deshalb empfehle die Ständige Impfkommission am RKI allen Erwachsenen ab Jahrgang 1971 die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR).

In der Altersgruppe der 20- bis 40-Jährigen gebe es die größten Impflücken, sagte Terhardt. Vor allem bei jungen Erwachsenen mit Kinderwunsch sollte der Impfschutz immer überprüft werden. "Wir wissen, dass eine Masern-Infektion ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten birgt. In der Schwangerschaft kann aber nicht gegen Masern geimpft werden."

Die Ständige Impfkommission (Stiko) am RKI empfiehlt zwei Masern-Impfungen im zweiten Lebensjahr. Dabei werden dem Kind abgeschwächte lebende Viren gespritzt, damit das Immunsystem Antikörper gegen die Viren entwickeln kann. In der Regel sei es Vergesslichkeit der Eltern, wenn Kinder keinen ausreichenden Impfschutz genössen, betonte der BVKJ- Präsident Hartmann.

Die Masern seien eine der ansteckendsten Infektionskrankheiten, betonte Günther Dettweiler vom RKI. "Wenn ein Infizierter spricht, hustet oder niest und eine ungeimpfte Person mit den Tröpfchen in Kontakt kommt, ist eine Infektion sehr wahrscheinlich", warnt er. Gar nichts hält Dettweiler von sogenannten Masernpartys: "Wenn so etwas stattfinden sollte, Kinder absichtlich mit einem gefährlichen Virus zu infizieren, wäre das absolut verantwortungslos."

Die Schweiz "exportiert" Masern in Europa
In der Schweiz kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Masernepidemien - fünf Prozent der Bevölkerung sind nach Schätzungen Impfgegner. Die Schweiz "exportiert" dementsprechend die Erkrankung. Auch bei Reisen innerhalb Europas empfiehlt der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) darum, den Impfschutz aufzufrischen: Die Weltgesundheitsorganisation melde Masernausbrüche nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Bulgarien, Dänemark, England und Wales, Mazedonien, Niederlande, Norwegen, Russland, Serbien und der Türkei, erklärte Thomas Löscher vom BDI. "Bei Jugendlichen und Erwachsenen gibt es leider große Impflücken - und zwar nicht nur beim Impfschutz gegen Masern."

Impfgegnern bricht gern zitierte Studie weg
Die von Impfgegnern gerne angeführte Studie, dass die Masernimpfung zu Autismus und chronischen Darmentzündungen führe, ist wissenschaftlich seit Anfang 2011 widerlegt. "Es gibt keine Gründe anzunehmen, dass irgendeine neue entzündliche Darmerkrankung von Wakefield und seinen Koautoren entdeckt wurde", schreibt Gastroenterologe Ingvar Bjarnason vom Londoner "King's College Hospital" im "British Medical Journal" (BMJ).

Der britische Arzt Andrew Wakefieldnach hatte die These aufgebracht, die Impfung könne zu diesen gravierenden Nebenwirkungen führen, und sich dabei auf nur zwölf Kinder als Patienten gestützt. Von diesen angeblich autistischen Kindern war nur eines mit Sicherheit erkrankt - bei acht Kindern war die Diagnose "unklar" und drei waren "definitiv" gesund, heißt es im BMJ.

Ein Drittel hat Vorbehalte gegen Kinderimpfungen
Mehr als ein Drittel der Eltern in Deutschland steht Kinderimpfungen skeptisch gegenüber. 35 Prozent haben aufgrund von Vorbehalten bereits einzelne Impfungen für ihr Kind abgelehnt, wie eine im Mai 2011 veröffentlichte Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln zeigt. 40 Prozent dieser Eltern hatten Angst vor Nebenwirkungen. Knapp die Hälfte hielt die betreffende Impfung für unnötig, andere verzichteten auf Anraten des Arztes. Die Mehrheit der Eltern (64 Prozent) lässt ihre Kinder allerdings ohne Vorbehalte impfen. Lediglich ein Prozent lehnt Kinderimpfungen kategorisch ab. Für die Studie wurden bundesweit 3000 Eltern von Kindern bis 13 Jahren zu ihrem Wissen und ihrer Einstellung zu Kinderimpfungen sowie zum Impfverhalten befragt.

Etwas mehr als die Hälfte aller Eltern befürchtet leichte Nebenwirkungen und 14 Prozent schwere Nebenwirkungen nach Impfungen. Sechs Prozent sind der Ansicht, dass bleibende Schäden als Folge von Schutzimpfungen auftreten können. Jeder fünfte Befragte glaubt demnach auch, dass Impfungen die Entstehung von Allergien begünstigen können, obwohl dies laut BZgA wissenschaftlich widerlegt ist.

Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) aller Eltern meinen immer noch, dass es gut für die Entwicklung sei, wenn das Kind Krankheiten durchstehen muss und mehr als jeder dritte Erziehungsberechtigte (38 Prozent) hält Masern für nicht gefährlich.

Viele Fälle in Bayern und Baden-Württemberg
Bundesweit 1605 Masern-Fälle hat das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin seit Beginn 2011 bis Anfang November registriert. Das sind mehr als doppelt so viele Erkrankungen wie im gesamten Jahr 2010 (800 Fälle). Damit dürften 2011 in Deutschland so viele Menschen an Masern erkrankt sein wie mindestens in den fünf Jahren zuvor nicht. Kinderärzte sprachen sich dafür aus, einen umfassenden Impfschutz bei Kindern zur Bedingung für den Besuch einer Kindertagesstätte zu machen.

Besonders viele Masern-Patienten gab es 2011 in Baden-Württemberg (524 Fälle) und Bayern (437 Fälle). Zuletzt waren 2006 rund 2400 Masern-Fälle in Deutschland aufgetreten: In jenem Jahr hatte es eine größere Epidemie in Nordrhein-Westfalen gegeben. Danach war die Zahl der Infektionen auf unter 1000 pro Jahr gesunken.

Nach Angaben des RKI hatten von den Kindern, die 2009 eingeschult wurden, 96,1 Prozent die erste Impfung gegen Masern erhalten, aber nur 90,2 Prozent die zweite. Weit unter dem Bundesdurchschnitt lagen vor allem bei der Zweitimpfung Bayern (85,8 Prozent) und Baden-Württemberg (87,7 Prozent).

Interaktiv
Neue und alte Seuchen
In Europa ausgestorben geglaubte Krankheiten wie die Malaria kehren zurück - schuld daran ist die Globalisierung mit ihrem regen Verkehr zwischen den Kontinenten.
Gast
VideoZum Thema sprachen wir 9. November 2011 Dr. Wolfram Hartmann vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ).
Glossar
Masern und SSPE
Masern gilt als eine der ansteckendsten Krankheiten überhaupt. Der dunkelrote Ausschlag gehört zu den typischen Kindererkrankungen.
Infos
Tödliche Spätfolgen
Ein sechsjähriges Mädchen liegt mit den Spätfolgen einer Masern-Erkrankung in Aschaffenburg im Sterben. Das Kind habe sich im Alter von sieben Monaten bei einem Erwachsenen angesteckt und fünf Jahre später eine chronische und unheilbare Gehirnentzündung als Folge der Infektion entwickelt, teilte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte am 7. November 2011 mit.
Weltgesundheits-Organisation
Ziel verfehlt
Die Weltgesundheits-Organisation (WHO) hatte sich zum Ziel gesetzt, die Masern in Europa bis 2010 ausgerottet zu haben. Dazu hätten 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein müssen.