Beschleunigerung Lupe
Rasen Teilchen schnell genug im Kreis, reicht die Energie fast für einen Urknall
Cern - auf der Suche nach Gottes Teilchen
Centre Européen pour la Recherche Nucléaire
Mit 10.000 Forschern und Angestellten sowie einem Jahresbudget von 1,3 Milliarden Franken ist das Cern ("Centre Européen pour la Recherche Nucléaire") so groß wie eine kleine Stadt. Es liegt in der Schweiz.
Ein Teil des Beschleunigerrings befindet sich im benachbarten Frankreich. Das meiste Geld steckt das Zentrum in den 27 Kilometer langen Großen Hadron-Beschleuniger (Large Hadron Collider, LHC). "Mit den Experimenten am LHC werden Physiker eine Reise vollenden können, die mit Newtons Beschreibung der Schwerkraft begann", betont Cern-Sprecher James Gillies. "Die Schwerkraft wirkt auf Masse, aber bislang kann die Wissenschaft nicht erklären, warum Elementarteilchen überhaupt eine Masse besitzen. Die Antwort kann vermutlich der LHC geben."

Darüber hinaus hoffen die Forscher, mit der knapp zwei Milliarden Euro teuren Wissenschaftsmaschine der Natur der mysteriösen Dunklen Materie und Dunklen Energie im Kosmos auf die Spur zu kommen. Außerdem möchten sie die Vorliebe der Natur für Materie statt Antimaterie untersuchen und diejenige Form von Materie erzeugen und studieren, die zum Anbeginn der Zeit direkt nach dem Urknall existiert hat. "Der LHC wird voraussichtlich einen weltweiten Brennpunkt der Teilchenphysik für die nächsten 20 Jahre bilden", sagt Gillies.

Teilchenphysik als Neuanfang der Wissenschaft
Beschleunigerring Lupe
Irgendwo hier muss Gott sein Teilchen versteckt haben
Vor fünfzig Jahren war Eduardo Amaldi einer der bedeutendsten Teilchenphysiker Europas und bei der Gründung des Cern der erste Generalsekretär. Sein Sohn, Ugo Amaldi, berichtet, eine Urspungsidee bei der Gründung von Cern sei es gewesen, die europäische Wissenschaft wieder dahin zu bringen, wo sie vor dem Zweiten Weltkrieg gestanden hatte, denn viele Forscher waren vor dem Nazi-Regime geflohen. Das wissenschaftliche Augenmerk lag auf den Atomen und deren Kern. Man stellte sich die Fragen, woraus Materie besteht und welche Kräfte die kleinsten Bausteine zusammenhalten. Drei Generationen der gewaltigen Beschleunigungsringe wurden in den letzten fünfzig Jahren gebaut.

Die populärste Errungenschaft des Cern benutzen heute weltweit mehr als 700 Millionen Menschen: Das World Wide Web - 1990 am Cern erfunden, um den Physikern den Datenzugriff zu erleichtern - hat sich von den Laboren bei Genf in rasender Geschwindigkeit um die Welt gewoben, den Zugang zu Information revolutioniert und ganz neue Wirtschaftszweige entstehen lassen. Dabei ist das "WWW" lediglich ein Nebenprodukt aus der Forschung am Cern.

Die am Cern gewonnenen Einblicke haben den Physikern erlaubt, die Energieerzeugung in der Sonne zu erklären und zu verstehen, warum nach dem Urknall überhaupt Materie übrig geblieben ist. Für ihre Versuche beschleunigen die Forscher subatomare Partikel in kilometerlangen runden Röhren nahezu auf Lichtgeschwindigkeit und lassen sie zusammenstoßen. Aus dem Hagel der Kollisionsbruchstücke gewinnen sie ihre Erkenntnisse über elementare Teilchen und die Grundkräfte der Welt, die an diesen zerren. Die dabei anfallende Datenmenge ist riesig und kann leicht den Informationsfluss im gesamten deutschen Telefonnetz übersteigen.

Die Leistungen des Cern beschränken sich jedoch nicht nur auf Physik und Technik, wie Wegener betont. "Die Gründung des Cern war auch ein wichtiger politischer Schritt." Menschen aus verschiedenen Nationen, unter anderem auch aus den Ostblockstaaten lange vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, haben sich dort persönlich kennen gelernt und miteinander gearbeitet.

Die politische Bedeutung unterstreicht auch Robert Aymar, der amtierende Cern-Direktor: "Es ist kein Zufall, dass viele der diesjährigen EU-Beitrittsländer schon Mitglieder des Cern waren. Wissenschaftliche Zusammenarbeit hat sich als lohnender Schritt auf dem Weg zu politischer Kooperation bewährt." 20 Länder sind inzwischen am weltgrößten Teilchenforschungszentrum beteiligt, 7000 Menschen aus 80 Nationen arbeiten dort zusammen. Das Cern verfügt in diesem Jahr über ein Budget von rund 860 Millionen Euro, jeder fünfte Euro kommt aus Deutschland.

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zuletzt aktualisiert am 23.11.2009 / mp