Kind vor Fernseher Video
Forscher halten nichts, Babys am Fernseher Fremdsprachen beizubringen
Früh übt sich wenig
Lernprogramme fallen bei Forschern durch
"Ich habe ein bisschen Angst, dass man mit Lernprogrammen passive Konsumenten erzieht", meint Neurobiologe Prof. Gerald Hüther zur Frühförderung von Kindern.
"Wir brauchen im 21. Jahrhundert keine passiven Konsumenten. Damit ein Kind lernt, dass es ein aktiver Gestalter ist, darf man ihm möglichst nichts vorsetzen, sondern muss ihm Möglichkeiten geben, in seinem Lebensraum viel zu entdecken."

Auf dem Markt sind Lernprogramme für Fremd- und Gebärdensprache. Diese arbeiteten meist über den Fernseher. "Kinder lernen nur das, was ihnen Spaß macht - und vor dem Fernseher findet keine Interaktion statt!"

Kleinkinder sollen Fremdsprachen spielerisch lernen
Kinder und Erzieherin Video
Spiel, Spaß, Spannung
Wenn Kleinkinder eine Fremdsprache lernen sollen, dann sollte das spielerisch erfolgen, indem Erzieher in zwei Sprachen mit ihnen reden, meint auch der Kölner Sprachwissenschaftler Prof. Andreas Rohde: "Durch immersives Lernen tritt die Sprache in den Hintergrund. Die Kinder erleben die Sprache zwar, aber sie lernen die Sprache nicht als System, sondern über den Kontext, was überhaupt mit der Sprache gemeint ist. Und das ist im Prinzip genauso wie in der Entwicklung der Muttersprache."

"Wenn man im Kindergarten beginnt, sprechen Kinder zum Ende der Grundschulzeit relativ fließend eine Fremdsprache, und man kann in der Sekundarschule mit der dritten beginnen", meint Kristin Kersten, Projektkoordinatorin des Magdeburger Zookindergartens. Hier wird das Sprachenlernen mit wenig Aufwand in den normalen Tagesablauf integriert. Es gibt kein zusätzliches Personal, aber neben deutschen Erzieherinnen mit Diana Lawrence Anthonysamy eine Kindergärtnerin aus Malaysia und mit Shannon Thomas eine weitere Pädagogin aus Kanada. Die Hälfte der Zeit wird mit den Kindern englisch gesprochen.

Andere Sprache, andere Vorstellung von Erziehung
Erzieherin und Kind Lupe
Nicht nur die Sprache unterscheidet Kulturen
Dass in punkto Interkulturalität auch Kompromisse gesucht werden müssen, erfuhr Kindergartenleiterin Jaklin Isensee schnell. Eine ihrer ausländischen Mitarbeiterinnen fragte beim Einstellungsgespräch nach den Strafen, die für die Kinder vorgesehen sind. "Im englischsprachigen Raum gibt es ganz andere Vorstellungen von Erziehung. Dort geht es strenger zu, Disziplin wird großgeschrieben. Unsere Muttersprachlerinnen waren erstaunt, wie locker es bei uns ist. Das Projekt ist eine Bereicherung für uns alle." Druck gibt es hier im Zookindergarten nicht, auch keinen Unterricht. Die Kinder lernen spielerisch.

Holger Kersten leitet die wissenschaftliche Untersuchung. Er verweist auf die Bedeutung des Zoos. "Hier erleben die Kinder natürliche Situationen, wenn sie Tierpflegerin Suzanne Akermann aus den USA treffen und sich mit ihr über Giraffen oder Elefanten unterhalten. Auf Englisch natürlich."

"Je stärker die Kinder emotional bei der Sache sind, desto besser prägen sie sich die zweite Sprache ein", erklärt Kristin Kersten. Diese zweisprachige Umweltbildung hat Modellcharakter. Zwei Pädagogen erarbeiten begleitend Lehrmaterial, das übers Internet verbreitet werden soll. Einen intensiven Austausch gibt es mit der Zooschule in London. Spracherwerb ist insgesamt gut erforscht, erklärt Holger Kersten.

"Wir wollen wissen, was passiert, wenn die Kinder jeden Tag mit einer weiteren Sprache konfrontiert werden. Und natürlich auch, ob es negative Auswirkungen hat. Manche kritisieren das Konzept, weil zu wenig Deutsch gesprochen wird." 2010 hofft Kersten mehr zu wissen. Im März 2009 wird der Professor von der Otto-von-Guericke-Universität einen ersten Test vornehmen.

"Reine Sprachschulen lösen Aversionen aus"
Kinder und Erzieherin Lupe
Besser nicht an die Schule erinnern
Sprachschulen hält Sprachwissenschaftler Rohde für zu schulähnlich: "Für den Großteil der Kinder in dem Alter ist die Herangehensweise insgesamt einfach völlig unpassend, weil sie es nicht schaffen werden oder weil sie mit formalen Methoden - mit CDs und einem Lehrwerk mit Lektionen die Kinder nicht motivieren. Schlimmstenfalls werden sie mit sechs Jahren, wenn sie in die Grundschule kommen, schon eine wirkliche Aversion entwickelt haben." Auch Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) ist skeptisch, ob Englisch-Unterricht für Kleinkinder das spätere Erlernen der Sprache in der Schule erleichtert.

"So lange frühes Fremdsprachenlernen nicht flächendeckend eingeführt ist und die Schulen nicht sinnvoll auf Gelerntem aufbauen können, ist das fraglich", sagte er. "Wenn diese Kinder sich später im Englischunterricht in der Schule fürchterlich langweilen, könnten sie letztlich das Lernen verlernen."

Der Kultusminister betonte aber, das frühe Erlernen einer Fremdsprache könne zu besserem Sprachverständnis auch für die deutsche Sprache beitragen. "Dennoch erscheint es mir sinnvoller, zunächst alle Energien auf die Beherrschung der eigenen Sprache zu bündeln. Eltern sollten ihre Kinder nicht mit übertriebenen oder falschen Erwartungen überziehen", warnte Busemann.

In Niedersachsen und den meisten anderen Bundesländern wird in der Schule in der 3. Klasse mit dem Englisch-Unterricht begonnen. Bisher gibt es im Ministerium in Hannover auch keine Pläne, damit früher zu starten wie beispielsweise in Baden-Württemberg. "Mittelfristig könnte es eine Überlegung wert sein, den Englischunterricht auch im 1. Schuljahrgang zu beginnen", sagte Busemann. "Genauso könnten wir aber auch darüber nachdenken, Englisch von der 3. Klasse an mit mehr als nur zwei Stunden zu verankern."

Vorschulkinder sind durchaus in der Lage, neben ihrer Mutersprache auch noch eine Fremdsprache zu erlernen. Das zeigten europäische Vergleichsstudien. Die skandinavischen Länder spielen hier eine Vorreiterrolle. Man habe hier gute Erfahrungen mit der sprachlichen Früherziehung gemacht. Aber auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz suchen Eltern immer häufiger einen mehrsprachigen Kindergarten für den Nachwuchs aus. Das Hauptproblem ist hierbei das geringe Angebot. Nicht alle Erzieher verfügen über entsprechende Sprachkenntnisse. Die europäischen Bildungsminister würden daher notwendige Weiterbildungsmaßnahmen begrüßen.

Früh übt sich, wer eine Fremdsprache können soll
Fremdsprachen erlernen sich am besten von Geburt an. Dies ist das Ergebnis einer von der Berliner Charité veröffentlichten Studie, die ein Wissenschaftsteam der Universitätsklinik zusammen mit Mailänder Forschern verwirklichte. Danach ist es am besten, wenn ein Kind sofort nach der Geburt auch ständig die zweite Sprache hört. Zwar ist eine Fremdsprache der Studie zufolge auch noch als Erwachsener gut zu lernen. Um aber das gleiche Ergebnis wie bei den "Frühstartern" zu erzielen, müssen die "Spätlerner" beim Sprechen vor allem für die Grammatik ihr Hirn deutlich mehr aktivieren. "Damit ist die früheste Kindheit das günstigste Alter zum Erlernen einer zweiten Sprache", konstatieren die Forscher.

Frühförderung
Die Familie einbeziehen
Für Kinder mit Behinderungen und Entwicklungsverzögerungen sei Frühförderung im familienorientierten Umfeld effektiv, so Prof. Armin Sohns.
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