Hühnerfarm Video
Bei Massentierhaltung können sich Krankheiten auf den Mensch übertragen
Epidemie auf dem Teller
Fleischkonsum wirkt auf Umwelt, Klima, Gesundheit
Der Verzehr von Fleisch wächst weltweit rasant. Die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) warnte vor den Risiken.
Wie die FAO am 18. Februar 2010 mitteilte, betreffen diese Umwelt, Klima und Gesundheit. In den Entwicklungsländern hat sich der Fleischkonsum zwischen 1980 und 2005 auf 30,9 Kilo pro Person im Jahr mehr als verdoppelt. In China vervierfachte sich der Verbrauch sogar auf je 59,5 Kilo.

In den Industrieländern stieg der Fleischkonsum leicht. Ein Deutscher isst der UN-Statistik zufolge 83,3 Kilogramm pro Jahr und liegt damit etwa im Durchschnitt der Industrienationen. Das starke Wachstum der Viehwirtschaft wird FAO-Schätzungen zufolge in den nächsten Jahrzehnten anhalten. Bis 2050 rechnet die UN-Organisation mit einer Verdoppelung der jährlichen Fleischproduktion auf 463 Millionen Tonnen weltweit.

Der Bestand an Rindern wird sich demnach von 1,5 Milliarden Tieren auf 2,6 Milliarden erhöhen, die Zahl der Schafe von 1,7 auf 2,7 Milliarden. Bereits jetzt würden weltweit 80 Prozent des Agrarlandes für Viehhaltung verwendet. Als Grund nennt die FAO "marktverzerrende" Regelungen in einigen Ländern. FAO-Generaldirektor Jacques Diouf beklagte ein "institutionelles Vakuum" bei der Regulierung der Viehwirtschaft. Er forderte dringend mehr staatliche Kontrolle und internationale Regelwerke.

Epidemien drohen auf den Menschen überzugehen
Fleischbetrieb Lupe
Mehr tun, um Krankheiten zu verhüten, fordert die FAO
Die Viehhaltung schadet dem Klima durch den Ausstoß von Methan. Diouf verwies auch auf den immensen Verbrauch an Land, Wasser und Wäldern. In die Verhütung von Tierkrankheiten müsse mehr investiert werden. Sonst drohten Epidemien zunehmend auf Menschen überzugreifen. Bis zu fünf Milliarden Menschen leiden laut FAO weiter unter Eisenmangel. Fleisch ist eisenhaltig. Aber nur unter stärkerer Kontrolle könne das starke Wachstum der Viehwirtschaft einen Beitrag zum Kampf gegen den Hunger leisten, heißt es in dem jährlichen Bericht zur Lage von Ernährung und Landwirtschaft. Weltweit hungern mehr als eine Milliarde Menschen. Übermäßiger Fleischkonsum wird aber für Übergewicht und eine Reihe von Krankheiten bei Einwohnern in Industrienationen verantwortlich gemacht.

Die Fleischproduktion steuert laut FAO einen entscheidenden Teil zum Lebensunterhalt von weltweit einer Milliarde Menschen bei, darunter viele Kleinbauern. Ohne Unterstützung könnten kleine Bauern aber nicht gegen die Konkurrenz agro-industrieller Betriebe bestehen. "Viehzucht muss eine Schlüsselrolle bei der Armutsbekämpfung spielen", betonte dennoch FAO-Generaldirektor Diouf.

Wegen fehlender Regulierung droht das Wachstum der Fleischwirtschaft laut FAO auch zu einer Umweltgefahr zu werden. So hätten neue Technologien zu einer wachsenden Kluft zwischen hoch wettbewerbsfähiger Massentierproduktion und Kleinbauern geführt. Für arme Landwirte erfülle die Nutztierhaltung jedoch neben der Ernährung vielfältige Funktionen, etwa bei der Bearbeitung der Äcker und als Sicherheit für Krisenzeiten.

Durch eine zunehmend konzentrierte Nutztierhaltung in der Nähe von Großstädten und wachsenden internationalen Handel mit Fleischprodukten breiten sich laut FAO vermehrt Tierkrankheiten aus, die auf Menschen überspringen. Vor allem Kleinbauern müssten in Vorsorgesysteme eingebunden werden. Zugleich sollten sie Hilfe beim Aufbau einer neuen Existenz bekommen, wenn sie die Tierhaltung aufgeben wollten.

"Food, Inc." zeigt Folgen der Massentierhaltung
Der US-amerikanische Dokumentarfilm "Food, Inc." von Regisseur Robert Kenner, der 2010 für einen Oscar nominiert wurde, zeigt die Abgründe der industriellen Lebensmittelproduktion. Er zeigt plastisch, wie wenige große Konzerne den weltweiten Lebensmittelmarkt beherrschen. Profit ist dabei stets wichtiger als die Gesundheit der Verbraucher und der Mitarbeiter. Die Protagonisten und Bestseller-Autoren Eric Schlosser (Drehbuchautor von "Fast Food Nation") und Michael Pollan lassen in ihrem Film eine Mutter zu Wort kommen, deren kleiner Sohn an einer Lebensmittelvergiftung starb, hervorgerufen durch verseuchtes Fleisch.

"Er war völlig gesund und zwölf Tage später war er tot - und das, weil er einen Hamburger gegessen hatte", sagt Barbara Kowalczyk. "Das ist doch unvorstellbar." Die Fleischlieferung, von der er gegessen hatte, sei erst 16 Tage nach dem Tod zurückgerufen worden. Um schnell und günstig möglichst viel Rindfleisch zu produzieren, habe man begonnen, "Kühe mit Mais zu füttern, aber Kühe sind dafür gemacht, Gras zu fressen", so Kenner. Durch Fütterung mit Mais kann sich im Magen der Kühe ein hoch-toxisches Bakterium entwickeln. Ein Colibakterium, das man erst seit kurzer Zeit kennt.

Tage der Legebatterie sind in Europa gezählt
In der Europäischen Union bleibt es beim Verbot der herkömmlichen Legebatterien ab 2012. Polen scheiterte am 22. Februar 2010 beim Agrarministertreffen in Brüssel mit einem Vorstoß, die Frist für die Hühnerhaltung in kleinen Käfigen bis 2017 zu verlängern. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) begrüßte dies. Die Ministerin verwies darauf, dass die traditionelle Käfighaltung in Deutschland bereits seit Januar 2010 untersagt ist. In Legebatterien haben Hennen weniger als den Platz eines DIN-A4-Blattes. Die neuen Regeln schreiben sogenannte ausgestaltete Käfige mit etwas mehr Fläche, Sitzstangen, Legenestern und Einstreu vor. Österreich hatte die etwas großzügigeren Käfige bereits ein Jahr zuvor eingeführt.

Polen begründete seinen Antrag zur Frist-Verlängerung in einem internen Papier mit den "hohen Investitionen, die nötig sind, um den Standard in den ausgestalteten Käfigen zu erreichen". Dazu hätten die polnischen Bauern wegen der Finanzkrise nicht die nötigen Mittel. Neben Deutschland waren auch Österreich, Belgien, die Niederlande, Dänemark und Finnland gegen den polnischen Vorschlag. Sie sahen darin eine Wettbewerbsverzerrung. Polen war 2008 hinter den Niederlanden der zweitwichtigste ausländische Eieranbieter in Deutschland.

Den Ausschlag gab die EU-Kommission, die einen neuen Gesetzesvorschlag zur Fristverlängerung bis 2017 hätte vorlegen müssen. Der für Gesundheit zuständige Kommissar John Dalli sagte, dies hätte einen "großen Schritt rückwärts für das Wohlbefinden der Legehennen" bedeutet.

Landwirte kritisieren Trend zu Agrarfabriken
Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft in Niedersachsen (AbL) hat im November 200 vor dem Trend zur gewerblichen Massentierhaltung gewarnt. Man brauche Bauernhöfe mit artgerechter Haltung statt Agrarfabriken, sagte AbL-Sprecher Eckehard Niemann bei der Herbsttagung der Arbeitsgemeinschaft. Schon jetzt gebe es bei Schweinen oder Hühnern einen Überschuss. Es werde für den subventionierten Export produziert, durch den unter anderem in der Dritten Welt Kleinbauern vom Markt gedrängt würden. Zusammen mit Tierschützern und Bürgerinitiativen sei nun eine bundesweite Arbeitsgemeinschaft gegen Tierfabriken gegründet worden.

Beim Hühnerfleisch stagniere der Verbrauch, doch die Produktion steige, sagte Niemann. Als Beispiel nannte der den Kreis Emsland. Alleine hier gebe es derzeit 30 Millionen Plätze für die Hähnchenmast, 10 Millionen weitere seien beantragt. "Da ist kein Platz mehr", sagte Niemann und kritisierte den Bauernverband, der die Entwicklung unterstütze. Vertreter von Bürgerinitiativen beklagten, dass Verbraucher zu wenig über die Problematik der industriellen Massentierhaltung wüssten. Hier müsse es mehr Aufklärung geben.

Info
Ob ein Ei aus Käfig- oder Freilandhaltung stammt, erkennen Verbraucher an der ersten Ziffer, die aufgestempelt ist. Eine "1" weist auf Freilandhaltung hin, eine "2" auf Bodenhaltung, eine "3" auf Käfighaltung. Eine "0" steht für ökologische Produktion. Dahinter folgt die Abkürzung des Herkunftslandes. "DE" steht für Deutschland.
Kulturzeit
© dpaDas große Fressen - Unsere Nahrung als Filmthema auf der Berlinale 2009
Unter anderem ist da die Sattheit, die die industrielle Nahrungsmittelproduktion mit all ihren Auswüchsen mit sich gebracht hat, und die der amerikanische Film "Food, Inc." thematisiert.
mehr zum Thema
Lebendige Gänse rupfen ist EU-weit verboten Massenzucht als Pandemie-Risiko Ein Viertel aller Masthähnchen kann kaum noch laufen Forscher suchen nach einem leistungsstärkeren Huhn "Öko- und konventionelles Fleisch sind vergleichbar"
02.03.2010 / epd, dpa, afp / jus