Vom Aussterben bedrohte Hornissen zu Unrecht verfolgt
Die für Mensch und Tier vermeintlich gefährlichen Tiere sind eigentlich sozial
Sogar Mäuse könnten mehrere Hornissenstiche überleben. Bienengift sei sogar gefährlicher als das der Hornisse, sagte Dieter Kosmeier unter Berufung auf wissenschaftliche Untersuchungen. "Sieben Hornissenstiche töten ein Pferd, drei einen Erwachsenen und zwei ein Kind." Mit diesem weit verbreiteten Vorurteil räumt die Hornissenschutzgruppe des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) auf. Zusammen mit Freunden betreut Kosmeier selbst einen Stamm und kennt keine unbegründete Furcht.
"Ich bin einmal von einer Hornisse gestochen worden, die Schwellung ging nach kurzer Zeit wieder zurück", berichtet der Hobby-Biologe. Das kann auch Randolf Brehler von der allergologischen Abteilung der Uniklinik Münster bestätigen. Die Giftwirkung sei gering, etwa zu vergleichen mit der einer Wespe - einer nahen Verwandten der Hornisse.
"Gefährlich werden kann es nur, wenn der Gestochene allergisch reagiert, dann kann der Stich auch zum Tod führen", erklärt der Mediziner. Schätzungen über die Anzahl der Todesfälle in Deutschland lägen weit auseinander, zwischen zehn und 50 im Jahr. Mit Skepsis hatte auch Dieter Kosmeier vor einigen Jahren das Nest in seinem Garten betrachtet und wollte es eigentlich sofort entfernen lassen. Die Experten des Naturschutzbundes brachten ihn allerdings dazu, sich näher mit den Insekten zu beschäftigen.
Ausgestattet mit einigen Jahren Erfahrung, rät er nun jedem, der eine ähnliche Entdeckung macht, die vom Aussterben bedrohten Tiere weiterhin am Fundort wohnen zu lassen. "Die Insekten greifen weder von sich aus an noch stören sie am Kuchentisch", sagt Kosmeier. Lediglich die direkte Flugbahn aus dem Nest der Insekten sollten Menschen meiden.
Wer doch gestochen worden ist, sollte den Stich gut beobachten. Träten nach 15 Minuten erste allergische Reaktionen auf, wie zum Beispiel Quaddeln bis hin zur Atemnot und Kreislaufproblemen, sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen. "Salben und Aussaugen helfen nicht viel", weiß Brehler. Gerade wer in der Vergangenheit schon bei Insektenstichen schlechte Erfahrungen gemacht hat, sollte lieber vorbeugen und einen Allergietest machen lassen, rät der Mediziner.
Um nicht gestochen zu werden, sollte man aber schnelle Bewegungen sowie Erschütterungen des Nestes vermeiden und sich dem Einflugloch nicht mehr als fünf Meter nähern. Nur wenn das Nest so hängt, dass es stört, sollte es von Fachleuten umgesiedelt werden. Besser ist es jedoch, die faszinierenden Brummer einfach zu dulden.
Im nächsten Mai gründen sie dann sowieso ein neues Nest. Die für Mensch und Tier vermeintlich gefährlichen Hornissen sind eigentlich soziale Tiere, die die anfallenden Arbeiten effektiv untereinander aufteilen. Die Bauarbeiterinnen sorgen permanent für den Ausbau des gemeinsamen Zuhauses und bauen ein ultraleichtes Luftschloss, das komplett aus selbst gemachtem Papier besteht. Das Rohmaterial besteht aus morschen Holzfasern, die die Hornissen mit ihren Mundwerkzeugen zerkleinern.
Der chitinhaltige Speichel dient als Bindemittel. Viele verschiedene Holzsorten ergeben auf diese Weise ein reich strukturiertes Papiernest. Die Isolation dieses Baus ist derartig effizient, dass die Körperwärme der Hornissen auch in kalten Nächten als Raumheizung ausreicht. Das Hornissennest besteht aus einer äußeren Schutzhülle, unter der mehrere etagenartig angebrachte Waben hängen.
Bis zu 200 sechseckige Zellen bilden eine Wabe. Diese raffinierte Bauweise ist besonders stabil und materialsparend. In jeder Zelle hängt kopfunter je eine weiße Made mit gelbem Köpfchen. Sie sind eingeklemmt und können deshalb nicht nach unten stürzen. Durch Kratzen machen die Maden die Jägerinnen auf ihren Hunger aufmerksam. Die strömen aus, um Jagd auf Fliegen, Heuschrecken und Bienen zu machen, die den Maden wichtige Proteine liefern. Günstigstenfalls erbeuten die Jägerinnen bis zu einem Pfund Insekten pro Tag.
Mit etwas Flüssigkeit zu kleinen Bällchen gerollt, können die Maden die Insekten besser verdauen. Hornissen sind rund um die Uhr am arbeiten und sterben oft schon nach nur vierzehn Tagen. Deshalb ist es für das Insektenvolk auch so wichtig, permanenten Nachwuchs zu produzieren und hochzupäppeln.
Die Innentemperatur des Nestes soll möglichst konstant bei dreißig Grad liegen. Wird diese Temperatur überschritten, fächern die Arbeiterinnen den Maden mit ihren Flügeln Frischlust zu. Die Königin unterdrückt durch Pheromone die Fruchtbarkeit ihrer Arbeiterinnen. Denn im Hofstaat der Hornissen ist nur die sie berechtigt, Nachkommen zu zeugen. Entdeckt sie im Nest eine frei Kinderstube, schiebt die Königin ihren Hinterleib in die Zelle und legt ein Ei. Eine Hornissenkönigin legt bis zu vierzig Eier pro Tag.
In einem warmen Sommer kann ein Nest die stattliche Größe von mehr als tausend Tieren erreichen. Anfang Oktober sterben die alte Königin und ihr Gefolge. Nur geschlüpfte Jungköniginnen überwintern, um im nächsten Jahr ein neues Volk zu gründen. Das alte Nest wird dann aber nicht bewohnt.
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14.06.2006 / mm mit Material der dpa / mp
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