Forschungsschwindel um Moorleichen entdeckt
Magisterarbeit bringt "Übertreibungen" von bekanntem Wissenschaftler ans Licht
Erst nach den Tod von Alfred Dieck, "dem" Experten für Moorleichen, fand die Archäologin Sabine Eisenbeiß heraus, dass von den rund 1800 Moorleichen, über die Dieck berichtete, mehr als 1000 nicht existierten. Gerade die aufsehenerregensten Funde hatte sich der "Experte" nur ausgedacht. Andere Fälle schmückte Alfred Dieck möglichst publikumswirksam aus. Nun ist Eisenbeiß damit beschäftigt, eine Inventarliste aller Moorleichen Deutschlands zu erstellen.
Sie versucht so, die Dinge realistisch einzuschätzen. Fasziniert von der konservierenden Wirkung des Moors hatte Sabine Eisenbeiß ihr Augenmerk schon früh auf die größte Sammlung der grausigen Fundberichte ausgerichtet. Der Archäologin wurde im Rahmen ihrer Magisterarbeit Einsicht in den wissenschaftlichen Nachlass des renommiertesten europäischen Moorleichenforschers gewährt.
Mehr als 1800 angebliche Fälle aus drei Jahrhunderten füllen sechzig Aktenordner. In den Berichten, Dokumenten und Zeugenaussagen wurden grausige Details beschrieben. Dort war die Rede von schweren Verletzungen durch Folter und schlimmen Verstümmlungen. Weil der Torf bis 1950 noch per Hand gestochen wurde, gab es bis dahin auch die meisten Moorleichenfunde. Doch nur die wenigsten Körper wurden aufbewahrt und so waren die Forscher gezwungen, alte Archive zu durchwühlen. Schnell fand Eisenbeiß Lücken in den Aufzeichnungen von Alfred Dieck.
Deshalb versuchte sie im Landesdenkmalamt von Niedersachsen, wo die offiziellen archäologischen Akten lagern, fündig zu werden. Dort aber fand sie keinen der dreißig Fundberichte, die dort eigentlich lagern müssten. Im Magazin des Landesmuseums allerdings lagerten Fundstücke wie Knochen, Leichenwachs oder Haare aus dem Nachlass von Alfred Dieck. Doch mit diesen Fundstücken lassen sich nur einige wenige Fälle bestätigen.
In mühevoller Kleinarbeit musste Sabine Eisenbeiß Akte für Akte vergleichen und erkennen, dass der renommierte Moorleichenforscher tatsächlich gerne mal etwas hinzugedichtet hat. Aus einer gefundenen Axt werden mal eben aufsehenerregendere Knochenteile gemacht. Im Verlauf ihrer Nachforschungen musste Eisenbeiß schließlich bekennen, dass sie tatsächlich nur 61 der 654 Fälle aus Niedersachsen bestätigen konnte. Nun will sie auch die restlichen Akten von Dieck im Rahmen ihrer Doktorarbeit auf deren "Genauigkeit“ untersuchen.
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23.06.2006 / mm
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