In Bohmte gibt es keine Ampeln oder Bordsteine mehr
Gemeinde bei Osnabrück setzt auf "ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht"
In Drachten (Niederlande) ist das Projekt erfolgreich gewesen
Kein Verkehrsschild, kein Bordstein, keine Ampel: Die Gemeinde Bohmte bei Osnabrück macht als erste Kommune in Deutschland Ernst im Kampf gegen den Schilderwald und hat Teile ihrer Durchgangsstraße für den nun fast regelungsfreien Verkehr freigegeben. Außer der Rechts-vor-Links-Regel gelte an einer viel befahrenen Kreuzung künftig vor allem Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung - "ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht", sagte Gemeinde-Sprecherin Sabine de Buhr-Deichsel.
Die Hauptverkehrsader mit einer Frequenz von 12.600 Fahrzeugen pro Tag gleiche nach dem Umbau mehr einem Marktplatz als einer Kreuzung, sagte die Erste Gemeinderätin weiter. Bohmte mit 13.000 Einwohnern ist bislang die einzige deutsche Kommune, die sich an dem EU-Projekt "Shared Space" ("gemeinsam genutzter Raum") beteiligt. Vor allem in den Niederlanden hat sich die Verkehrsphilosophie schon vielerorts mit Erfolg durchgesetzt.
Bauhofleiter Helmut Macho
Bohmte beteiligt sich als eine von bislang sieben Gemeinden in Europa an dem EU-Projekt. Mittlerweile gibt es auch in Deutschland weitere an "Shared Space" interessierte Städte und Gemeinden, die das vom niederländischen Verkehrsplaner Hans Monderman entwickelte Konzept umsetzen wollen. Neben dem gänzlichen Verzicht auf Verkehrszeichen und Ampeln setzte der 2008 gestorbene Monderman mit seiner Idee vor allem auf soziales Verhalten auf den Straßen und gleichberechtigtes Miteinander von Fußgängern, Fahrrad- sowie Autofahrern. Gemeinderätin de Buhr-Deichsel beschreibt das Konzept so: "Gibt es einen Zebrastreifen, fühlen Sie sich in vermeintlicher Sicherheit. Gibt es keinen, achten Sie genau auf den Verkehr, sind langsamer und vorsichtiger."
Habe man früher 40 bis 45 Unfälle im Jahr gezählt, so sei es im Mai noch nicht einer gewesen, sagt Bürgermeister Klaus Goedejohann: "Ich habe noch nie so viele aufmerksame Verkehrsteilnehmer gesehen." Natürlich herrsche ein wenig Verunsicherung. Aber das erzeuge, dass man langsam fahre.
© ap
Nach der Freigabe eines etwa 300 Meter langen Straßenabschnitts im Mai 2008 soll das insgesamt 2,35 Millionen Euro teure, von der EU-mitfinanzierte Projekt weiter ausgebaut werden. Zuvor hat die Gemeinde am 21. und 22. Juni ihr neues Verkehrskonzept im Beisein von EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering (CDU) bei einem Straßenfest gefeiert. Beim niedersächsischen Städte- und Gemeindebund (NSGB/Hannover) wird die "kreative Bohmter Idee" schon länger beobachtet.
Neben dem schöneren Erscheinungsbild eines Ortes hat der kommunale Interessenverband dabei vor allem die Kosten im Blick. "Für Verkehrsmaßnahmen geben die Städte und Gemeinden viel Geld aus", betonte NSGB-Sprecher Thorsten Bullerdiek. Es gehe darum, "ein gesundes Maß" im Schilderwald zu finden, unter dem Motto "weniger ist mehr".
Umfrage 2005: Verkehrsschilder in Europa
Infos zu Shared Space (PDF)
Shared Space (engl.)
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06.06.2005, zuletzt aktualisiert am 23.06.2008 / ap / dpa / mp
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