Geheimverhandlungen sollen Eisbären retten: "Es eilt"
"Der Klimawandel hat die Jagd als wichtigste Bedrohung für die Eisbären abgelöst"
Den Eisbären geht das Eis aus - und damit die Nahrung  © ap
Hinter verschlossenen Türen wollen die Polarstaaten neue Wege zur Rettung der akut vom Klimawandel bedrohten Eisbären finden. Bei der Eröffnung einer dreitägigen Regierungskonferenz im arktischen Tromsø sagte Norwegens Umweltminister Erik Solheim am Dienstag, 17. März 2009: "Der Klimawandel hat die Jagd als wichtigste Bedrohung für die Eisbären abgelöst. Jetzt müssen wir schleunigst etwas für den Schutz unseres Ökosystems tun, zu dem diese Tierart gehört."
"Nicht nur Eisbär stirbt, sondern ganzes Ökosystem geht verloren", sagt Frank Barsch vom "World Wide Fund for Nature" (WWF). Umweltschützer verlangen auch großflächige Eisbär-Schutzgebiete rund um den Nordpol, in denen weder Öl noch andere Bodenschätze gefördert werden sollen.
Wissenschaftler: Die komplette Art könnte verschwinden
Weltweit wird der Bestand von Ursus maritimus im Nordpolargebiet auf 20.000 bis 25.000 Tiere geschätzt. Wissenschaftler fürchten, dass davon in wenigen Jahrzehnten ein Drittel verschwunden sein könnte. Polarbiologen von der Universität Alberta in Kanada befürchten, dass die Eisbären in etwa 100 Jahren ausgestorben sein könnten. Die Forscher beobachteten, dass die Polarbären Eisschollen zur Fortbewegung nutzen; die Tiere gelangen so von ihren Höhlen zu den Jagdrevieren. Die steigenden Temperaturen lassen jedoch die Eisschollen schmelzen und gefährden damit die Überlebenschancen der Eisbären.
Eisbären haben geringe Chancen, ein Jahr alt zu werden
Der Nachwuchs muss hungern  © ap
Solheim sagte, die Belastungen für die Eisbären hätten sich mit den neuesten Erkenntnissen über den Klimawandel durch CO2-Emissionen als noch schwerwiegender erwiesen als früher angenommen. Junge Eisbären in Alaska haben deutlich geringere Chancen, ihr erstes Lebensjahr zu überstehen als früher. Während in den frühen 1990er Jahren 65 Prozent der Jungen älter als ein Jahr wurden, ist die Rate seit 2001 auf 43 Prozent gesunken. "Wir können nicht definitiv sagen, dass unsere Beobachtung eine Folge der Veränderungen des Treibeises ist, aber wir wissen nicht, was es sonst sein sollte", sagte Steven Amstrup.
In Tromsø meinte Solheim, sollte sich das Abschmelzen des Eises auf Grönland und in anderen Polargebieten fortsetzen, hätte dies neben dem drohenden Aussterben der Eisbären auch "dramatische Folgen für die Lebensbedingungen von Milliarden Menschen". Deshalb müsse die Konferenz über den Schutz für Eisbären "ein klares Signal an die Kopenhagener UN-Klimakonferenz im Dezember senden, dass es mit dem Stopp der globalen Erwärmung und der arktischen Eisschmelze ausgesprochen eilig ist".
Der WWF-Experte verlangte von der Regierungskonferenz neben Signalen für die generell nötigen Reduzierung von CO2-Emissionen vor allem die Ausweisung von Eisbär-Schutzgebieten. Hier dürfe es nicht die gerade durch den Klimaanstieg wahrscheinlicher geworden Öl- und Gasförderung geben. Außerdem müsse auch die immer noch mögliche illegale Jagd auf Eisbären im östlichen Sibirien mit jährlich über 200 erlegten Tieren sofort unterbunden werden, meinte Barsch.
Eisschmelze könnte Eisbären zum Kannibalismus treiben
Die Eisschmelze im Polarmeer könnte Eisbären dazu treiben, sich gegenseitig zu fressen, befürchten US-amerikanische und kanadische Forscher. Die Wissenschaftler entdeckten, dass sich Eisbären auch gegenseitig auffressen - offenbar aus Hunger. Zwar kann es vorkommen, dass die mächtigen Säugetiere sich gegenseitig töten, jedoch geschieht dies nur zur Regulierung der eigenen Population oder bei Rangkämpfen.
Eisbären werden Zwitter: Umweltgift auf den Arktischen Inseln
Umweltchemikalien tun ihr übriges  © ap
Zudem gefährden Umweltgifte den Bestand: Forscher im arktischen Svalbard haben herausgefunden, dass jeder hundertste Bär Hermaphrodit ist, also die Sexualorgane beider Geschlechter besitzt. Vermutlich kommt der Effekt dadurch zustande, dass die Wildtiere PCBs (polychlorierten Biphenylen) ausgesetzt sind, die ihr Immunsystem schädigen. Das wurde auch an anderen Wildtieren in allen Teilen der Welt beobachtet, wenngleich das auf den Arktischen Inseln zwischen Norwegen und Nordpol bis vor einem Jahrzehnt unbekannt war.
PCBs wurden für elektrische Geräte produziert, und obwohl viele Länder sie jetzt verboten haben, gibt es ein Reservoir dieser Chemikalie, die in die Umwelt entwichen sind. Auf den Arktischen Inseln gibt es eine kurze und einfache Nahrungskette vom Plankton über den Fisch zum Bären.
Weibliche Bären auf Svalbard bekommen männliche Genitalien, einen Penis-ähnlichen Stumpf - im Unterschied zu anderen Tierarten, bei denen in der Regel die Männchen "verweiblichen". Betroffen sind auch Arktis-Möwen auf Grund der PCBs, des DDTs und der Dioxine.


Arktis - die Zone des Großen Bären


An dem Treffen in Tromsø nördlich des Polarkreises nehmen Regierungsvertreter aus Norwegen, Dänemark einschließlich Grönland, den USA, Kanada sowie Russland teil. Diese Staaten hatten 1973 ein Abkommen zum Artenschutz für Eisbären vereinbart, mit dem vor allem die Jagd als Bedrohung für den Artenbestand unterbunden werden sollte.

"Moves for action plan to save the polar bear" vom "International Meeting under the Polar Bear Agreement"

05.09.2000, zuletzt aktualisiert am 17.03.2009 / mp mit Material von ap und dpa
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