Video
Feine Abweichungen in den Gesichtausdrücken lassen auf Lügner schließen
Lügner verraten sich durch Mikroausdrücke
Wissenschaftler erfassen Gesichtsausdrücke
Videoanalysen der Mikroausdrücke eines Menschen können ihn der Lüge überführen, aber das reiche für einen Lügendetektor nicht, meint der Emotionspsychologe Prof. Klaus Scherer. "Das ist unmöglich."
Eine Lüge sei schwer zu bestimmen, weil zum einen oft nicht alle Tatsachen bekannt seien und "oft die willentliche Täuschung nicht nachweisbar und nicht existent ist, weil oft Leute etwas sagen, weil sie das fest glauben, auch wenn es eigentlich falsch ist. "Viele Gesichtsausdruckselemente stammen direkt von bestimmten kognitiven Bewertungsergebnissen." Die Genfer Forscher bewerten sie nach dem "Facial Action Coding System" (FACS) des US-Psychologen Paul Ekman.

Mehr als 10.000 Mikroausdrücke verraten Gefühle
Menschen am Computer Lupe
Computer analysieren aufwändig Gesichter
Forscher aus Österreich und den USA haben mehr als 10.000 Mikroausdrücke in der menschlichen Mimik ausgemacht, die viel über eine Person verraten können. "Sie können Mimik schlecht trainieren", sagt Verhaltensforscher Karl Grammer. "Das läuft auf unbewusster Ebene ab." Man könne nur absichtlich lächeln. "Die restliche Mimik kann gefälscht werden, aber das fällt auf, dass das vorgespielt ist." Doch auch ein falsches Lächeln lasse sich am Spiel der Muskelgruppen erkennen.

Eine entscheidende Muskelgruppe um die Augen, die für die Krähenfüße sorgt, könne man nicht bewusst anspannen. "Lügen kann man im Gesicht erkennen", schildert Grammer. "Es ist aber sehr schwer. 40 Prozent der Menschen können perfekt lügen."

Im Gesicht Bill Clintons will er die Lügen über seine Verhältnis zu Monica Lewinsky erkennen können: Die Videoanalyse zeigt ein verräterisches Stirnrunzeln in Sekundenbruchteilen. 26 Muskeln steuern die Mimik. "Lügen erkennt man vor allem daran, dass der Ablauf der Muskel-Kontraktionen im Gesicht asymmetrisch ist. Und das zeitliche Verhältnis des Ablaufs zueinander stimmt nicht."

Bill Clinton konnte man an der Nasenspitze ansehen, dass er lügt: 26 Mal pro Minute hat Bill Clinton sich während jener Passagen seiner Aussage zur Lewinsky-Affäre an die Nase gefasst, in denen er eine sexuelle Beziehung zu der jungen Frau bestritt. Bei der Antwort auf weniger delikate Fragen berührte er die Nase dagegen gar nicht. Das haben zwei Psychologen herausgefunden, die Clintons auf Video aufgenommene Vernehmung für eine Studie über das Lügen untersucht haben. Nach Angaben des Neurologen und Psychiaters Alan Hirsch gibt es eine physiologische Erklärung für das Nasenreiben: "Wenn man lügt, schwillt erregbares Gewebe in der Nase an. Das führt zu Nasenjucken."

"Wizards" durchschauen jedes Pokerface
Forscher am PC Lupe
In Studien leisten manche Teilnehmer Erstaunliches
Unter den Betrachtern von Gesichtsausdrücken gibt es einige "Wizards" (deutsch "Genie", aber auch "Zauberer"), die durch jedes Pokerface blicken können. Den wissenschaftlichen Beweis können Neurologen allerdings erst zum Teil liefern. Gesichtsausdrücke, unbedachte Gesten und kleine Veränderungen in der Sprache verrieten den 627 Probanden, was die Person auf dem Bild wirklich dachte. "Die Information ist da und wir haben gezeigt, dass eine kleine Personengruppe sie nutzen kann - interessanterweise fehlt sie einigen der Psychologen und der Menschen, die in der Rechtsprechung arbeiten", so Paul Ekman, dessen Team zusammen mit Maureen O'Sullivan die Untersuchung durchführte.

Die Probanden sahen sich dazu Videoaufnahmen von zehn männlichen Personen im Alter zwischen 18 und 28 Jahren an, die entweder logen oder die Wahrheit sagten über ihre tief verborgenen Meinungen zu kontroversen Themen. Am besten schnitten 23 Beamte inklusive CIA-Agenten ab, die in 73 Prozent der Fälle richtig lagen. Sie waren damit signifikant besser als die Gruppe von 84 Richtern (62 Prozent Trefferquote). Klinische Psychologen schnitten besser ab als ihre Kollegen an der Universität: Sie lagen zwischen 68 und 62 Prozent richtig, ihre Akademiker-Kollegen erreichten 58 Prozent.

"Täuschungsversuche anhand der Gesichtsausdrücke und der Körpersprache wird wohl niemals genau genug sein, um in Gerichtsverhandlungen verwertbar zu sein", meint Ekman angesichts der verbliebenden Fehlerquoten.

Ein Programm für Traurigkeit, Angst, Wut und Ekel
Computerprogramme könnten Lügen nicht sicher erkennen und Hinweise statt Beweise liefern. Grammers Computerprogramm will eher Mimik simulieren. "Das Programm kann die Grund-Emotionen: Überraschung, Traurigkeit, Glück, Furcht, Angst, Wut und Ekel", beschreibt Grammer. "Wenn man diesen ganzen Raum abfährt, dann findet man alle unterschiedlichen mimischen Ausdrücke, die ein Mensch machen kann." Eine dieser Basis-Emotionen sei die Angst, so Grammer: "Das kann man simulieren. "Hier werden zunächst die Brauen gehoben. Als zweiter Teil werden die äußeren Brauen gehoben. Dann werden die Brauen nach unten zusammengezogen. Und dann wird die Unterlippe nach unten gedrückt und der Mund wird in die Breite gezogen. Insgesamt sind sieben Muskeln an so einem Bild der Angst beteiligt." Der Avatar Max steht am vorläufigen Ende dieser Entwicklung.

"Er hat nicht einfach vorgegebene Emotionen, sondern ein eingebautes Emotionssystem", schildert Verhaltensforscherin Elisabeth Oberzaucher. "Je nachdem, wie er sich gerade fühlt, werden bestimmte Gesichtsausdrücke dadurch ausgelöst. Die sind sehr dynamisch, ähnlich wie das bei uns Menschen passiert."

Schwerpunkt: Lügen
"Gelogen!" - Forschen rund um Lug und Trug
Ob Mensch, ob Tier - ohne Lügen kann keiner (über-)leben. Die Motive zur Lüge sind dabei immer die gleichen: einen Sexualpartner für sich zu gewinnen, Feinde und Beute auszutricksen oder gar auszuschalten.
Einblicke
Lügen verraten sich in den Gehirnmustern
"Lügen ist anstrengender, als die Wahrheit zu sagen - das Gehirn ist im Schläfenbereich aktiver, wenn man Information verheimlicht", weiß Dr. Matthias Gamer vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.
Unzuverlässig
Lügendetektoren liefern nicht immer die Wahrheit
"Man könnte bei der Polizei Tatwissenstests einsetzen, aber das passiert nicht", sagt Dr. Matthias Gamer vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. "Aber es ist denkbar, dass es in Zukunft Fälle geben wird."
Buchtipp
Volker Sommer
Lob der Lüge
Täuschung und Selbstbetrug bei Tier und Mensch
Verlag: dtv
ISBN 3-423-30415-4
Buchtipp
Peter Stiegnitz
Die Lüge
Das Salz des Lebens
Verlag: Vabene
ISBN 3-85167-062-0
17.12.2003, zuletzt aktualisiert am 28.09.2009 / mp mit Material von dpa