Baby mit Puppe Video
Mama oder Maman? Kinder haben den Rhythmus der Muttersprache im Blut
Die Muttersprache prägt schon die Babys
Französische Kinder lallen anders als deutsche
Schon im Mutterleib lernen Menschen die Melodie ihrer Sprache kennen, haben Forscher aus Leipzig und Würzburg herausgefunden.
"Sprache beginnt bereits mit den ersten Schreimelodien", sagt Kathleen Wermke von der Uni Würzburg. Während die französischen Neugeborenen häufiger ansteigende Schreimelodien produzieren, schreien kleine Deutsche eher mit fallender Tonhöhe. "Im Französischen werden sehr viele Worte zum Ende hin betont, so dass die Sprachmelodie ansteigt, im Deutschen ist es meist umgekehrt", erklärt Angela Friederici vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. So rufen französische Kinder nach dem "Papá", während die deutschen nach ihrem "Pápa" verlangen.

Wenn Kinder von vier Monaten Wörter mit einer fremden Sprachmelodie - die französische Endbetonung statt der gewohnten, im Deutschen üblichen Anfangsbetonung - hören, reagieren sie verstört. Ihr Gehirn ist besonders aktiv, hat das Enzelephalogramm (EEG) gezeigt. "Ihre Gehirne sind an die eigene Muttersprache angepasst", schildert Max-Planck-Forscherin Dr. Manuela Friedrich.

Dass Kinder je nach Muttersprache unterschiedlich lallen, haben Potsdamer Forscher 2002 festgestellt. Sie ahmen dabei die rhythmischen Strukturen ihrer Muttersprache nach. Auch bestimmte Satzbautypen sind nach dem Rhythmus ihres Lallens organisiert. So erschließt sich das Kind, indem es lallt, in Wahrheit weite Teile der Grammatik seiner Muttersprache. Es reagiert überrascht auf Fehler in Sätzen.

Ob Neugeborene tatsächlich von Anfang an in ihrer Muttersprache schreien, wollen die Forscher detaillierter untersuchen. Die dafür notwendigen Schreie haben sie bereits in anderen Ländern gesammelt.

Erste Laute folgen weltweit dem gleichen Muster
Kind mit Elektroden Lupe
p, b oder m plus Vokal sind international
Die ersten Laute aus dem Mund von Babys folgen aber dem gleichen Schema - unabhängig von der Sprache, die sie umgibt, formen Kleinkinder beim ersten Plappern weltweit die selben Konsonanten und Vokale. Drei verschiedene Muster der Babysprache wiesen US-Forscher in einer Studie nach. Ein viertes Laut-Muster erkannten sie über alle Kontinente und Kulturen hinweg in der Struktur und Bedeutung der ersten komplett geformten Wörter. Dies unterstützt die Hypothese, dass die vier festen Folgen von Konsonanten und Vokalen auf den "Ursprung von Sprache" überhaupt zurückzuführen sind, sagen Peter MacNeilage und Barbara Davis von der Universität von Texas in Austin.

Die Forscher verglichen keineswegs nur gängige Sprachen wie englisch, deutsch und spanisch. Die gleichen Lautmuster setzten sich ihrem Bericht zufolge auch in hebräisch, estnisch, Suaheli und der Maori-Sprache in Neuseeland fort. Es sind der Lippenkonsonanten p, b oder m, gefolgt von einem zentral gesprochenen Vokal. Daraus ergibt sich etwa das universelle "Mama". Das zweite Muster bildet sich aus den koronalen Konsonanten t, d oder n, die von der Spitze der Zunge kommen, und einem Vokal ("Dada").

Das dritte Muster entsteht im hinteren Bereich des Vokaltraktes und setzt sich aus dorsalen Konsonanten wie k und g sowie dem Vokal o zusammen ("Gogo"). Den ersten komplett geformten Wörtern mit Bedeutung liegt dann folgendes Muster zu Grunde: Lippenkonsonant (p, b, m), Vokal und Koronalkonsonant (t, d, n) - etwa "put" für kaputt.

Babyschreie geben Hinweise auf Sprechenlernen
Bereits die Melodie der Säuglings-Schreie kann Hinweise auf die spätere Sprachfertigkeit geben. Je variantenreicher ein Baby in den ersten Wochen weinte, desto mehr Wörter habe dieses mit 18 Monaten spontan produzieren können. Das sagt Kathleen Wermke von der Universität Würzburg. Umgekehrt könnten fehlende Melodiemuster auf spätere Schwierigkeiten beim Sprachenlernen hindeuten. "Wir möchten das Wissen nutzen, um frühe Therapiekonzepte zu entwickeln", sagte Wermke. Kinder, die nicht sehr moduliert schreien, könnten beispielsweise mit dem Vorspielen von musikalischen Übungen gefördert werden. Wermke hatte zunächst die Laute der Babys, etwa bei Langeweile, ausgewertet. Aus den Schrei- und Weinmustern wurden "Melodien" heraus gefiltert. Während der Melodienbogen zunächst nur einfach steigend und fallend sei, gestalte sich dieser schon von der zweiten Lebenswoche an komplexer, sagte Wermke.

Frühförderung
Früh übt sich wenig
"Ich habe ein bisschen Angst, dass man mit Lernprogrammen passive Konsumenten erzieht", meint Neurobiologe Prof. Gerald Hüther zur Frühförderung von Kindern.
"Late Talkers"
Spät sprechen, früh fördern
Sprachverzögerungen lassen sich besser in den Griff bekommen, wenn die Kinder schon mit zwei Jahren gezielt gefördert werden.
Keine Muttersöhnchen
© mevVäter prägen Sprachentwicklung
Laut einer US-amerikanischen Studie sind für die frühkindliche Sprachentwicklung die Väter wichtiger als die Mütter, weil sie weniger reden als die Frauen.
Sprechen lernen
Mutters Stimme
Babys erkennen im letzten Drittel der Schwangerschaft die Stimme der Mutter. Neugeborene beherrschen nach wenigen Monaten die Technik , in ihren Schreien einfache Melodiebögen und unterschiedliche Betonungen zu erzeugen. Mit sechs Monaten erkennen Kinder unbekannte Wörter, wenn sie betont werden, mit acht Monaten dann ohne Betonung. Mit zwölf Monaten kennen sie die Bedeutung von Wörtern.
Sprachentwicklung
Hintergrund-Geräusche stören
Eine Studie von US-Forschern deutete 2003 darauf hin, dass eine permanente Geräuschkulisse in der Umgebung die ersten Worte von Kleinkindern verzögerten. Zwei Forscher der Universität von Kalifornien in San Francisco setzten junge Ratten dauerhaften Hintergrund-Geräuschen aus. Verglichen mit normal aufwachsenden Jungtieren habe sich durch die Beschallung die Entwicklung der Hörrinde der Ratten in einer "kritischen Phase" von zwei bis drei Wochen "dramatisch verlangsamt", heißt es in dem Bericht. Sei die Geräuschkulisse weggefallen, hätten sich die Tiere jedoch normal weiterentwickelt.
Literatur
Mampe B et al (2009) Newborns' cry melody is shaped by their native language. Curr Biol 19: 1994 - 1997
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