Rückkehr der Auerochsen: die Wiederkehr des Urrinds
Biologen wollen die genetischen Reste in anderen Rassen wieder zurückzüchten
Biologen züchten für die Rückkehr der Auerochsen nach Europa
Biologen in Deutschland versuchen ein Tier zurückzuzüchten, das ursprünglich in Europa beheimatet war und seit fast vierhundert Jahren ausgestorben ist: den Auerochsen (Bos primigenius). Die letzte Kuh wurde 1627 in Polen von einem Wildhüter getötet. Zwischen den beiden Weltkriegen gelang es den Gebrüdern Heck, zwei Zoodirektoren aus Berlin und München bereits, einen Auerochsen rückzuzüchten - fast originalgetreu, doch etwas kleiner. Nun will man daraus die mächtigen Auerochsen züchten.
Für die neuen Bewohner von Naturschutzgebieten kreuzen sie große robuste Rinderrassen aus Italien und Spanien mit dem Heckrind, eine etwas klein geratene Rückzüchtung des Auerochsen. "Was der Mensch einmal ausgelöscht hat, das ist verschwunden", weiß auch der Biologe Edgar Reisinger. "Aber man kann sagen, in allen Rindern, die wir als Hausrinder halten, steckt noch ein Stück Auerochse. Und was wir hier machen, ist im Grunde genommen diese Reste quasi zusammenzufügen. Zu einem Auerochsen kommen wir nicht mehr."
Das Vorbild ist hehr: Eines der wenigen vollständig erhaltenen Auerochsen-Skelette im Phyletischen Museum Jena hat eine Widerristhöhe von 1,60 Metern und ist damit fast 20 Zentimeter größer als bisherige Rückzüchtungen. "Da will man durch die Zucht mit dem Heckrind hin", erläutert Dr. Hans-Otto Vent vom Museum. "Das ist in der Natur dem Urtyp entsprechend, frei beweglichen Form - nicht so eine plumpen Stallkuh." Und dass man auch die Angepasstheit an den Winter, die ganze Konstitution, wieder hinbekommt: Hörner, Körperhöhe und Farbe.
Auf 35 Hektar leben zwanzig Tiere, vor allem Heck-Rinder
Noch leben die Tiere dicht gedrängt
Wo man heute Erfurt findet, war einst der Lebensraum der Auerochsen. Hier breitete sich eine von Gewässern durchzogene artenreiche Sumpflandschaft aus, bevölkert von großen Grasfressern wie wilden Rindern, Pferden und Wisenten. Doch dann verdrängten die Menschen die Tiere. Sie begradigten Flüsse, legten Feuchtgebiete trocken und wandelten Auen zu Äckern und Siedlungen um. Nur wenige Kilometer von Erfurt entfernt liegt die Nesse-Au, eines von zwei Zentren für die Weiterzüchtung der Auerochsen. Auf 35 Hektar leben zwanzig Tiere, hauptsächlich Heck-Rinder. Der Deckbulle ist eine Mischung von Heckrind und Chianina, einer Rinderrasse aus der Toskana. Die Tiere sind extrem robust. Sie bleiben das ganze Jahr auf der Weide. Nur im Winter wird ein wenig Heu zugefüttert. Die Rinder brauchen keinen Tierarzt. Ganz ohne Hilfe bringen sie ihre Kälber auf die Welt.
2010 soll das Zuchtziel erreicht sein mit großen Maremmana-Kühe aus Mittelitalien und einer spanischen Sayageza-Kuh. "Wir haben jetzt schon erste Zuchtergebnisse", so Reisinger. "Und wir können sagen, dass tatsächlich Kreuzungsprodukte wesentlich langbeiniger sind als die Heckrinder, und damit dem Phänotyp, dem Aussehen, so weit wir das rekonstruieren können, des Auerochsen weitgehend entsprechen."
Der Zaun schützt die halbwilden Rinder vor neugierigen Spaziergängern und diese vor den Tieren. Das Naturschutzgebiet ist nicht nur landschaftlich schön, sondern hat auch eine wichtige Bedeutung für die Umwelt. Große Pflanzenfresser sind lebende "Rasenmäher" und Heckenscheren. Sie halten die Graslandschaft offen, verbeißen die Baumzweige, knabbern am Schilf und vernichten Unkraut. Der Dung der Rinder zieht Fliegen an, die wiederum Vögeln und Fledermäusen als Nahrung dienen. Seit die Rinder auf dem Feld sind, ist in nur einem Jahr die Zahl der Fledermausarten in der Nesseaue von fünf auf elf angestiegen.
Auen sind artenreiche Lebensräume in Mitteleuropa
Bedrohte Tiere kehren zurück
Bedrohte Tiere und Pflanzen kommen zurück. Die Natur erholt sich. Nach dem Vorbild der Nesseaue könnte man neues Leben in brachliegende Landwirtschafts-Flächen oder ehemalige Truppenübungsplätze bringen, findet auch der Landschaftsplaner Bernhard Schmidtmann: "Die Auen zählen zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas überhaupt. Und unser Ziel ist es, im Gebiet der Stadt Erfurt eine kleine Bachaue wieder zu renaturieren und die Artenvielfalt hier zu erhöhen. Wir haben praktisch rundum intensive Landwirtschaft und diese Aue dient als Regenerationspool für Pflanzen und Tiere."
Zunächst war viel Überzeugungsarbeit nötig. Doch die Biologen fanden Partner, die das Fleisch der Auerochsen vermarkten wollen wie den Landwirt Manfred Kirschnik: "Es hat sich gezeigt, dass uns eigentlich die Kunden zur Zeit in die Arme getrieben werden. Da diese Herde doch relativ gute Chancen hat, BSE-frei zu sein, dadurch dass niemals andere Dinge zugefüttert werden als das Futter von den Flächen ist die Gefahr auch sehr gering."
Die ganzjährige Freilandhaltung verbessert die Fleischqualität. Das langsam reifende Muskelfleisch ist sehr zart, etwas dunkler als das übliche Rindfleisch und hat einen ganz leichten Wildgeschmack - die Rückzüchtung der Auerochsen ist nicht nur ein Naturschutzprojekt, sondern auch eine neue Einnahmequelle für die Bauern.
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10.04.2002, zuletzt aktualisiert am 10.10.2008 / mp
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