Vereine in Berlin helfen Kindern Traumata zu verarbeiten
Eine posttraumatische Störung kann das jugendliche Gehirn nachhaltig schädigen
Kinder verarbeiten schlimme Erlebnisse durch Malen
"Eine Zeit lang hat man gar nicht gewusst, wie man posttraumatische Stresserkrankungen behandeln sollte", sagt Prof. Mathias Berger vom Universitätsklinikum Freiburg. "In Deutschland ist das erst 1990 mit der Flugzeugkatastrophe von Rammstein bekannt geworden. Damals wusste noch kein Arzt oder Psychologe über dieses Krankheitsbild bescheid." Mit dem Verstehen der neurobiologischen Vorgänge im Gehirn habe sich eine differenzierte, psychologische und psychotherapeutische Behandlung entwickelt.
Kinder verarbeiten ihre Erfahrungen oft, indem sie Bilder malen, weiß Elise Bittenbinder vom Berliner Verein Xenion. Die Psychotherapeutin betreut Kinder und Jugendliche, die unter Kriegstraumata leiden. Ein Mädchen, das unter ethnischen Konflikten in Georgien litt, habe dargestellt, was sie am liebsten mit ihren Peinigern machen würde. "Sie hat gemalt, wie sie alle auf eine einsame Insel verbannen oder in einen Käfig stecken würde, so dass sie nie mehr jemandem etwas antun können." So habe das Mädchen versucht, ihre traumatischen Erlebnisse mitzuteilen und ein Stück weit zu verarbeiten. "Wir nennen das Integrieren, dass sie zumindest annehmen konnte: Das ist passiert."
"Wichtig für die Kinder ist natürlich die Beseitigung ihrer schrecklichen Narben", erklärt Eckart Maas von der Deutsch-Kaukasische Gesellschaft. "Aber meine Aufgabe ist zusätzlich, diesen Kindern Kontakt zu den Landsleuten zu vermitteln, damit sie hier sozial aufgefangen sind und hier nicht in Einsamkeit und Isolation leben. Das ist wichtig für die Heilung der Seele."
Auch der Berliner Verein Placet widmet sich den Opfern von Krieg und Terror. Dort behandeln Mediziner ehrenamtlich Wunden, Narben und Verletzungen der Kinder. "Ich denke, dass wir in einer privilegierten Situation sind an diesem Ende der Welt", sagt Prof. Frank Peter von der Fachklinik für Plastische Chirurgie und Ästhetische Lasermedizin "Klinik am Wittenbergplatz" in Berlin. Davon wolle er etwas abgeben.
Traumata bei Kindern - Zusammenhang von Körper und Seele
Kinder versuchen, ihre Erlebnisse zu verabeiten
Die Psychotraumatologie beschreibt Diagnostik und Therapie von Menschen, die unter den psychischen Nachwirkungen von schockhaften Erlebnissen leiden, etwa nach schweren Unfällen. Solche posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) äußern sich in unspezifischen körperlichen Symptomen wie Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen und Übernervosität, oft aber auch in schweren Angstzuständen, Depressionen oder nur in dem beständigen Erinnern an das Ereignis. US-amerikanische Studien haben ergeben, dass acht bis neun Prozent der Bevölkerung solche Symptome aufweisen, nach Vergewaltigungen leiden 80 Prozent der betroffenen Frauen noch lange unter posttraumatischen Belastungsstörungen.
Traumata behandeln mit der Gabe von Cortisol
Ein Trauma bringt den Mangel an Cortisol mit sich
Es deutet alles darauf hin, dass Cortisol chronisch Erkrankten helfen könnte, die bereits seit Jahren an Alpträumen und Panikattacken leiden. In einer klinischen Vorstudie zeigte Dominique de Quervain von der Universität Zürich, dass Cortisol die traumatischen Erinnerungen von Betroffenen um durchschnittlich 40 Prozent reduzierte. Eine große Untersuchung sei in Vorbereitung, sagte de Quervain im März 2007. Um den alltäglichen Stress bewältigen zu können, produziert der Körper Cortisol. "Wer nur sehr kurz auf der Intensivstation behandelt wird, bei dem ist auch das Risiko, an einer PTBS zu erkranken, niedrig", sagt Gustav Schelling von der Klinik für Anästhesiologie der Uni München.
"Bei einer monatelangen Behandlung jedoch steigt es auf 30 Prozent an." Der Anästhesist untersucht seit vielen Jahren die psychischen Folgen einer intensivmedizinischen Behandlung. Seiner Erfahrung nach verfestigt ein Mangel des körpereigenen Stresshormons Cortisol traumatische Erinnerungen. Eine kontrollierte Behandlung mit diesem Hormon könne das Risiko einer PTBS deutlich senken, sagt der Mediziner.
Bislang werden jedoch nur Patienten mit dem Hormon behandelt, die sich nach einer Blutvergiftung im so genannten septischen Schock befinden. Diese Patienten würden ohnehin mit Hydrocortison behandelt, einer synthetischen Form des Cortisols, erläutert Schelling: "Dass sich das auch psychisch sehr positiv auswirkt, ist möglicherweise eine sehr erwünschte Nebenwirkung." Die gezielte Cortisolabgabe an andere Patienten sei jedoch erst dann möglich und gestattet, wenn sie in großen klinischen Studien erprobt sei.
Fest steht, dass postraumatische Störungen behandelt werden sollten: "Eine chronische PTBS führt zu funktionellen Veränderungen im Gehirn", sagt Schelling. Forschungen im amerikanischen Stanford haben zudem gezeigt, dass das Gehirn von Kindern durch eine PTBS nachhaltig geschädigt werden kann. So führt sie bei solch jungen Patienten dazu, dass der so genannte Hippokampus schrumpft - ein Bereich im Gehirn, der für die Verarbeitung von Erinnerungen und Emotionen wichtig ist.
Vergewaltigungen folgen meist psychische Langzeitfolgen
Unter Vergewaltigung leiden Frauen oft Jahrzehnte
Welche psychischen Langzeitfolgen Frauen ertragen, die im Krieg vergewaltigt wurden, hat Dr. Regina Steil untersucht. Die Psychologin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena befragte 1999 für ihre empirische Studie 32 Frauen, die in Deutschland gegen Ende des Zweiten Weltkrieges vergewaltigt wurden und inzwischen 65 Jahre und älter sind. 60 Prozent der Befragten leiden bis heute unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Bei vielen von ihnen überschattete das sexuelle Gewalterlebnis über Jahrzehnte hinweg das Ehe- und Familienleben. Etwa die Hälfte der betroffenen Frauen verschwieg das Tabu-Thema ihren Ehemännern und Kindern aus Scham und aus Angst vor unverständigen oder verletzenden Reaktionen. Steils Forschungsergebnisse, die in dieser Form erstmals für Deutschland vorliegen, sind weitgehend auf andere Kriegssituationen, etwa in Ex-Jugoslawien, übertragbar.
"Vergewaltigungen im Krieg werden von den Opfern psychisch anders verarbeitet als sexuelle Gewalt im zivilen Leben", erläutert Regina Steil. Weil selbst in hochentwickelten Gesellschaften die psychotherapeutische Versorgungsstrukturen zusammenbrechen, wenn feindliche Truppen das Land besetzen, erhalten die wenigsten Frauen unmittelbare psychologische Hilfe.
Andererseits gelingt es vielen von ihnen, das traumatische Ereignis durch Strategien zu bewältigen, die für Opfer sexueller Gewalt in Friedenszeiten nicht in Frage kommen: Viele Frauen können Vergewaltigung im Krieg leichter verarbeiten, wenn sie sie nicht als individuelles, sondern als unvermeidliches soziales Schicksal und typischen Bestandteil bewaffneter Konflikte bewerten. Nagende Selbstzweifel sowie die Vorstellung, eine Mitverantwortung zu tragen lassen sich dann besser unterdrücken.
Mit Vergewaltigung im Krieg wird anders umgegangen
Im Krieg erlebte Qualen werden oft anders aufgenommen
Deshalb leiden auch Frauen, die die Vergewaltigung durch Soldaten erduldeten, ohne sich zu verteidigen, heute weniger an posttraumatischen Belastungsstörungen. Bei Vergewaltigungsopfern in Zivilzeiten verhält es sich genau umgekehrt: Wer sich zur Wehr setzt, hat später weniger Schuldkomplexe. "Kriegszeiten sind nun einmal Ausnahmesituationen", erläutert Regina Steil, "deshalb gelingt es manchen Opfern leichter, die Angst vor erneuter Vergewaltigung abzubauen; sobald wieder Frieden eingekehrt ist, fühlen sie sich sicherer." Auch hat die Psychologin erfahren, dass viele Eltern ihre Töchter auf mögliche Vergewaltigungen vorbereitet haben, als im Zweiten Weltkrieg die Front näherrückte. Steil: "So zynisch es klingt: Diese jungen Frauen und Mädchen haben später leichter damit fertig werden können."
Gerade wenn Besatzermächte planmäßige Massenvergewaltigungen ausüben, müsse den betroffenen Frauen und Kindern schnellstmöglich geholfen werden, fordert Dr. Steil mit Blick auf Kroatien, Bosnien-Herzegowina und das Kosovo. Sonst seien die psychosozialen Auswirkungen für die spätere Friedensgesellschaft unüberschaubar. Auch wenn die körperlicher Spuren der Misshandlung mit der Zeit verschwinden, die "Narben der Seele" tragen vergewaltigte Frauen ein Leben lang.
Viele ihrer Gesprächspartnerinnen hätten nach dem Ereignis keine normale Sexualität mehr erleben können, berichtet sie, und ihr erduldetes Leid sei nie getröstet oder auch nur gesellschaftlich anerkannt worden. "Wir dürfen dieses Tabu-Thema nicht totschweigen oder an die Zeitgeschichte verweisen", verlangt Steil, "wir müssen endlich offen darüber reden, gerade weil die Vergewaltigungsopfer des Zweiten Weltkrieges schon so alt sind."

Zum Thema sprechen wir mit dem Diplom-Psychologen Robert Bering, Leiter des Trauma-Akutzentrums am Alexianer-Krankenhaus in Krefeld


Traumata: nach dem Schock ist das Gehirn hilflos

Fachlicher Ansatz des Vereins Xenion
Ziele des Vereins Placet

Ein Viertel der Kinder des Weltkriegs leidet an Traumata
Reaktionen auf Schocks stammen noch aus der Steinzeit
"Trauma and Recovery" stoppt Weitergabe von Traumata
Katastrophen führen zu einer veränderten Hirnstruktur
"Wie ein Horrorfilm, der wieder und wieder abläuft"

03.07.2002, zuletzt aktualisiert am 25.03.2009 / mh, jus mit Material von epd und idw
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