Udo Kienle Video
Der Agrarwissenschaftler Udo Kienle sieht die Stevia-Pflanze mit Vorsicht
Zuckerfreie Süße kommt nur in der Schweiz an
Europäische Union zögert noch, Stevia zuzulassen
Während die Schweiz Süßstoff aus der Stevia-Pflanze bereits zugelassen hat, testet die Europäische Union noch die Gefahren für die Gesundheit.
"Der Verbraucherschutz steht in der EU an erster Stelle", schildert der Hohenheimer Agrarwissenschaftler Udo Kienle. "Deswegen prüft die EU-Kommission über die europäische Lebensmittelbehörde eigenständig die Sicherheit von Lebensmittelzusatzstoffen." Im März 2010 soll eine Stellungnahme vorliegen, eine Genehmigung brauchte dann bis 2011.

Um die Substanz Steviosid aus den Blättern zu gewinnen, kommen verschiedene Chemikalien zum Einsatz, weiß Kienle. "Bei diesen Herstellungsverfahren kommt es in geringem Umfang zu Änderungen in der Molekülstruktur und zur Neubildung von Stoffen." Man müsse abwarten, bis man mehr über negative Auswirkungen auf die Gesundheit sagen könne.

Das Steviosid sitzt in den Blättern der Pflanze; diese werden getrocknet und zu einem grünen Pulver zermahlen, das sich prinzipiell schon zum Süßen eignet. Damit der Kuchen nicht in einem unappetitlichen Grün schimmert, entfernt man aber in der Regel zuvor noch die Blattfarbstoffe.

Die Schweiz als Experimentierfeld für Konzerne
Anbau von Stevia Lupe
In Asien gibt es große Märkte, in der Schweiz entstehen sie
Die Schweiz hat Steviol-Glykoside bei einem Reinheitsgrad von 95 Prozent zugelassen. Dort gibt es bereits Getränke, die mit Stevia gesüßt worden sind. Den Schweizer Vorstoß wertet Kienle als "interessanten Schachzug": "Die Schweiz gibt somit ein hervorragendes Experimentierfeld für international operierende Lebensmittelkonzerne wie Coca-Cola, Nestle und Pepsi-Cola ab, um Marketingstrategien und Verbraucherakzeptanz zu testen". Kienle warnt davor, sich selbst Stevia aus dem Internet zu besorgen: "Das verkaufen Firmen, die das Lebensmittelgesetz umgehen. Wer das kauft, geht ein erhebliches Risiko ein, weil er nicht weiß, was er einkauft, und die Produkte nicht toxikologisch getestet worden sind."

Süßstoffhersteller haben mit eigenen Studien zu zeigen versucht, dass die Substanz gefährlich ist; so soll sie die Fruchtbarkeit von Ratten beeinträchtigen. "Allerdings erst in absurd hohen Dosen", so der Bonner Privatdozent Ralf Pude vom Institut für Gartenbauwissenschaft; "ein Erwachsener müsste täglich mehr als die Hälfte seines Körpergewichts an frischen Stevia-Blättern zu sich nehmen, um auf vergleichbare Konzentrationen zu kommen - in dieser Menge wäre selbst Zucker gefährlich."

Steviosid ist 300 Mal süßer als Zucker. Es hat keine Kalorien, soll die Entstehung von Zahnbelag verhindern und den Blutdruck senken. Indianer im Grenzland zwischen Brasilien und Paraguay süßen ihren Tee seit Jahrhunderten mit Blättern der Stevia rebaudiana Bertoni. In Europa gefriert die Arzneipflanze bei Minusgraden und muss daher jedes Jahr neu gepflanzt werden. "In ihrer Heimat lässt sie sich mehrere Jahre hintereinander ernten", so der Wissenschaftler. In Asien hat Steviosid einen Marktanteil von 75 Prozent. "Dort sind aber auch einige seiner Hauptkonkurrenten verboten", gibt Pude zu bedenken.

Literatur
Pude R, Schmitz-Eiberger M, Noga G et al. (2005) Entwicklung, Ertrag und ausgewählte Inhaltsstoffe von Stevia rebaudiana L. Z f Arznei- u Gewürzpflanzen 10: 37-43
Links
"TUB: Stevia - Süße Sachen, die nicht dick machen" von der TU Berlin
06.03.2001, zuletzt aktualisiert am 08.02.2010 / mp mit Material des idw