Durch Atomkraft wird der Strom nicht billiger
Längere Laufzeiten gegen eine mögliche Stromlücke
Union und Unternehmen fordern längere Laufzeiten für Reaktoren, um eine Stromlücke zu vermeiden, die Preise zu dämpfen und dem Klima zu helfen. Umweltschützer, Grüne und SPD warnen jedoch vor den Risiken.
  • 17 Atomkraftwerke produzieren derzeit knapp ein Viertel des Strombedarfs. Bis Ende 2009 ist nach dem Ausstiegsbeschluss das Abschalten von vier Reaktoren zu erwarten: Biblis A und B, Brunsbüttel sowie Neckarwestheim I. Das letzte AKW soll um das Jahr 2020 vom Netz.
  • Bis dahin soll der Anteil von Ökostrom von derzeit 14 Prozent auf mindestens 30 Prozent wachsen und den Atomstrom mit ersetzen, Strom aus Wind und Sonne soll 2020 zu Marktpreisen ohne Hilfen erzeugt werden.
  • Auch nach vom Bundeskanzleramt 2007 vorgestellten Szenarien kann die Atomkraft ersetzt und die Klimaziele erreicht werden, ohne dass eine Stromlücke entsteht. Basis der Prognose ist unter anderem, dass bis 2020 der Bedarf durch Sparen und mehr Effizienz um 11 Prozent sinkt.
  • Voraussetzung ist allerdings der Bau von Gas- und Kohlekraftwerken, der auf massiven Widerstand aus Klimaschutzgründen trifft. Im Umweltministerium wird daher befürchtet, dass dies den Druck auf den Weiterbetrieb von AKW erhöht, die im Betrieb kein Kohlendioxid ausstoßen.
  • Nach den vom Kanzleramt vorgestellten Szenarien würde der Weiterbetrieb aller AKW allerdings den Strom im Jahr 2020 um einen bis zwei Cent pro Kilowattstunde (Preis für Haushalte derzeit: rund 21,5 Cent) verbilligen
  • Im Umweltministerium wird dies bezweifelt: Zwar würde jedes abgeschriebene AKW jährlich rund 300 Millionen Euro pro Jahr Zusatzgewinn vor Steuern erzielen, der Vorteil werde jedoch wegen der großen Marktmacht der Konzerne nicht an die Verbraucher weitergereicht; aus der Union wird gefordert, dass zumindest ein Teil der Zusatzgewinne an die Verbraucher weitergegeben wird.
  • In den vergangenen Jahren hat Deutschland Überschüsse produziert, etwa 2007 obwohl mehrere AKW wie Biblis A oder Brunsbüttel vom Netz waren. Der Strom floss auch in Nachbarländer mit höheren Preisen ab; auch nach Frankreich, das im Sommer Probleme mit der Kühlung seiner AKW hat.
  • SPD und Umweltschützer argumentieren, längere Laufzeiten würden den Druck auf den Umstieg zu Erneuerbaren Energien nehmen und neuen Anbietern den Marktzugang erschweren; tatsächlich hatten zuletzt E.ON und RWE massiv in den Ausbau von Ökostrom investiert, AKW-Strom könne zudem weder den Anstieg der Öl- noch der Gaspreise abfangen und so Autofahren oder Heizen verbilligen.
  • Angesichts der ungeklärten Endlagerfrage von Atommüll und den Sicherheitsrisiken wird in der SPD die Atomenergie als privilegiert angesehen: Daher gibt es Überlegungen, sie mit einer zusätzlichen Steuer zu belegen, die Erlöse könnten für Anreize zum Energiesparen eingesetzt werden.

Sendung zum Thema
"nano"-Spezial: Atomenergie - Risiken und Nutzen
Schwerpunkt
Ein Drittel des deutschen Stroms kommt aus Atomkraft
mehr zum Thema
Unfall konfrontiert Frankreich mit Risiko der Atompolitik Langfristige Sicherheit für Atommülllager gefordert Studie facht Debatte über Gefahren der Atomkraft an Studien bestätigen und bestreiten Nutzen der Atomkraft Atomstrom ist nicht die Lösung für das Klimaproblem Atommüllendlager in Salzgitter darf gebaut werden Erstes deutsches Kernkraftwerk wird sicher rückgebaut 75.000 Fässer mit radioaktivem Material in Karlsruhe Zirkonbehälter könnten für Atommüll ungeeignet sein
11.07.2008, zuletzt aktualisiert am 14.07.2009 / reuters / db