Biologen wollen bedrohte Wisente fruchtbar machen
Keime lösen Entzündungen der Geschlechtsorgane aus, die unfruchtbar machen
Forscher des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin suchen nach der Ursache dafür, dass Wisente unfruchtbar werden. In allen Tieren haben sie zwei Bakterienarten entdeckt. "Für uns ist es wahrscheinlich, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen", schildert Dr. Stephanie Speck, "die genetische Verarmung oder auch, dass es toxische Pflanzen gibt, die Hautveränderungen hervorrufen und dann Bakterien das Eindringen in die Haut erleichtern."
Die Bakterien lösen Entzündungen der Geschlechtsorgane aus, die Bison bonasus unfruchtbar machen. Die vor etwa 250 Jahren in Deutschland ausgestorbenen Wisente - Europas größte und schwerste Landsäuger - sollen schon bald wieder hierzulande in freier Wildbahn leben. Für gleich mehrere Projekte laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren - und Naturschützer hoffen, dass sich das "Wildtier des Jahres 2008" in Deutschland wieder heimisch fühlen wird.
"Diese scheuen Pflanzenfresser sind für Menschen völlig ungefährlich", sagt der Projektleiter für das größte Vorhaben im Rothaargebirge, Uwe Lindner, um gleich derartige Bedenken gegen eine Auswilderung auszuräumen. Auf etwa 4300 Hektar sollen im Rothaargebirge von 2009 an bis zu zwölf Wisente in die Freiheit entlassen werden. "Wir werden in den nächsten Monaten die Anträge auf Freisetzung der Tiere beim Umweltministerium von Nordrhein-Westfalen und auf finanzielle Förderung beim Bundesamt für Naturschutz einreichen."
Ab Ende 2008 sollen die Wisente in einem 80 Hektar großen Auswilderungsgehege leben. "Nach einer mehrmonatigen Eingewöhnungsphase werden sie dann freigelassen." Initiatoren sind der Verein Taurus Naturentwicklung e.V. und das Fürstenhaus zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg. "Wir wollen den Anstoß geben, dass Wisente wieder nach Deutschland und damit wohl erstmals nach Westeuropa zurückkehren", betont Lindner.
Anders als im Rothaargebirge, wo nur an einer Seite ein Wildschutzzaun ist, sollen in der Döberitzer Heide in Brandenburg ebenfalls ab 2009 auf eingezäunten 3000 Hektar Wisente leben. Geradezu paradiesische Bedingungen für diese europäischen Bisons böten sich auf diesem einstigen Truppenübungsplatz, meint der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude. "Die Tiere werden sich hier ihren Lebensraum selbst schaffen - sie beißen Jungbäume ab und schaffen sich so Lichtungen, auf denen Gräser und Kräuter wachsen, die sie besonders gerne fressen." Die Zäune sollen die urigen Rinder lediglich vor den Autobahnen schützen.
Das Bundesamt für Naturschutz in Bonn sieht die Projekte grundsätzlich positiv: "Es gibt eine große europäische Verantwortung für die Wisente - sowohl mit Blick auf den Arten- als auch auf den Biotopschutz wäre eine Wiederansiedlung wichtig", betont der Fachgebietsleiter Biotopschutz, Uwe Riecken.
Auch der Sprecher der Schutzgemeinschaft Deutsches Wild, Werner Koep, begrüßt die Vorhaben: "Es ist aber nicht zu prognostizieren, ob hier wirklich in wenigen Jahren wieder in Größenordnungen Wisente frei leben". Gerade einmal 3500 Exemplare dieser bedrohten Tierart gebe es heute noch weltweit - in Zoos und in Freiheit. Der letzte "deutsche" freilebende Wisent starb laut Koep 1755. Die in Freiheit lebende Population der ursprünglich von Spanien bis Sibirien vertretenen Wisente sei in den 20er Jahren erloschen - es lebten nur noch 54 Tiere in Gefangenschaft. Heute gibt es wieder größere Herden in Freiheit - unter anderem in Polen und Weißrussland.
Gegen eine Wiederansiedlung dieser schwergewichtigen Tiere - Bullen können bis zu 1000 Kilogramm wiegen - regt sich in Deutschland durchaus Widerstand, wie Lindner merken musste: So befürchten einige Bauern Fraßschäden und Hoteliers, dass ängstliche Besucher dann lieber nicht mehr ins Rothaargebirge kommen. Dazu meint Riecken vom Bundesamt für Naturschutz: "Sicher ist eine Wiederansiedlung nicht ganz ohne Risiko, aber es gibt viel gefährlichere Waldtiere - wie etwa Zecken."
Wisente leben in lockeren Familienverbänden von bis zu 20 Tieren. Ein Bulle kann bis zu 3,30 Meter lang, zwei Meter hoch und 1000 Kilogramm schwer werden. Die zotteligen Wildrinder tragen ein dichtes, wolliges Fell. Charakteristisch sind ihre seitlich am Kopf wachsenden, nach innen gedrehten Hörner, die bis zu einen halben Meter lang werden können. Seit 1923 wird ein Zuchtbuch geführt, in dem alle Wisent-Geburten erfasst und kontrolliert werden. "Zu Anfang ist es natürlich von Wichtigkeit, dass wir befreundete Zoos und Wisentgehege haben, die uns unterstützen und uns Tiere zur Verfügung stellen", sagt Peter Nitschke von der Sielmann-Stiftung.
Gefahr droht der Tierart durch die engen Verwandtschaftsgrade. Das haben Untersuchungen an der Tierärztlichen Hochschule Hannover ergeben. Die Forschungsarbeit wurde vom Internationalen Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd gefördert, der verhindern möchte, dass durch Inzucht eine ernste Bestandsgefährdung des Wisents eintritt. "Diese Tiere müssen dann aber auch noch genetisch zueinander passen", so Nitschke. "Dementsprechend brauchen wir die Empfehlung der Zuchtkoordinatorin, die uns ganz genau sagt, welcher Bulle mit welchen Kühen zusammengestellt werden darf."
Einen stabilen Bestand von 450 Wisenten gibt es noch in den Wäldern des polnischen Wialowieza. Natürlicher Feind ist allein der Wolf, der aber nur im Rudel einem Wisent gefährlich werden kann.


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03.03.2008 / mp
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