Wollhandkrabbe Video
Die chinesische Wollhandkrabbe ist ein Paradbeispiel für Neozoen geworden
Immer mehr Neubürger
"Neue" Arten besiedeln allmählich den Rhein
"Der Rhein ist im Wandel", erklärt der Biologe Jochen Fischer vom nordrhein-westfälischen Landesamt für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht.
Elritzen, Gründlinge und Doebel fressen Insektenlarven LupeElritzen, Gründlinge und Doebel fressen Insektenlarven
Die Bachforelle mag es  kalt LupeDie Bachforelle mag es kalt
Libellenlarven leben räuberisch. LupeLibellenlarven leben räuberisch.

Vor allem seit Öffnung des Main-Donau-Kanals 1992 wandern Tiere und Pflanzen neu in das Flusssystem ein - auch gegen die Strömung. Jede fünfte Tierart zählt inzwischen zu den Neozoen, die zwischen 60 und 80 Prozent der Individuen bei den Wirbellosen stellen. Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins hat allein zwischen 2001 und 2007 knapp 40 zugewanderte Arten im Rhein nachgewiesen - die meisten davon Muscheln und Schnecken.

Ein Köcher bietet dieser Larve Schutz LupeEin Köcher bietet dieser Larve Schutz
Sie sind Fressfreind: Die Larven von Köcherfliege und Libelle LupeSie sind Fressfreind: Die Larven von Köcherfliege und Libelle
Der Bestand des Bachflohkrebses ist wieder stabil. LupeDer Bestand des Bachflohkrebses ist wieder stabil.

"Neubürger treffen oft gute Lebensbedingungen an und vermehren sich explosionsartig", erklärt der Biologe. Nach den Beobachtungen der Forscher gehen die Bestände zehn Jahre später oft wieder zurück. So hätten auch Neozoen mit der Konkurrenz durch neue Einwanderer zu kämpfen. "Nicht jede eingebürgerte Art ist eine schlechte Art", betont Fischer. Der Steinkleber etwa, eine Flussschnecke, habe sich gut eingefügt und störe keinen.

Der Rhein ist wieder ein "lebendiger Fluss"
Eintagsfliegenlarve Video
Eintagsfliegenlarven bevorzugt das kalte und klare Wasser des Hochrheins
Im Rhein leben immer mehr exotische Zuwanderer. Zu diesem Ergebnis kam schon 2000 eine Langzeitstudie des Schweizer Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) und der baden-württembergischen Landesanstalt für Umweltschutz. Der Schlickkrebs ist aus dem Schwarzen Meer eingewandert und bedrängt heimische Arten. Zu den anderen Neozoen zählen ein ostasiatischer Kiemenwurm (Dactylogyrus), der erstmals 1990 am Hochrhein beobachtet wurde, ein nordamerikanischer Tiger-Strudelwurm (Pseudobiceros dimidiatus) oder eine Donau-Assel (Jaera istri), die 1999 nachgewiesen wurde. Eine wichtige Rolle bei der Zuwanderung spiele hier der 1993 fertig gestellte Rhein-Main-Donau-Kanal.

Erstmals entdeckten Wissenschaftler in Europa die Zuiderzeekrabbe (Rhithropanopeus harrisii) um 1870 in den Niederlanden. Im 20. Jahrhundert habe sich der Exot zunächst im Nord-Ostsee-Kanal und dann an den deutschen Küsten angesiedelt, sagte der Koblenzer Meeresbiologe Stefan Nehring. In den 1990er Jahren sei die Krabbe auch in Rhein, Elbe und Weser nachgewiesen worden, erklärte der Experte der Koblenzer Bundesanstalt für Gewässerkunde. "In den Flüssen scheint sie sich allerdings nur in den Mündungsgebieten am Meer fortzupflanzen, weil ihr sonst der Salzgehalt zu niedrig ist." Ebenfalls an der Mündung lebt die eingewanderte Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis).

Lebt ursprünglich in Asien: die Wollhandkrabbe LupeLebt ursprünglich in Asien: die Wollhandkrabbe
Der Aal gehört zu den nachtaktiven Flussbewohnern LupeDer Aal gehört zu den nachtaktiven Flussbewohnern
Die Ausbreitung der Grundel bedroht andere Fischarten LupeDie Ausbreitung der Grundel bedroht andere Fischarten

Forscher haben im Rhein wieder Prachtlibellen (Familie Calopterygidae), Elritzen (Phoxinus phoxinus), Gründlinge (Gobio gobio), Döbel (Leuciscus cephalus) und die empfindlichen Bachforellen (Salmo trutta fario) nachgewiesen. Wie andere kälteliebende Arten stehen sie aber unter Druck, weil der Klimawandel den Rhein allmählich erwärmt.

Osteuropäische Grundel bedroht Rhein-Fische
Die aus Osteuropa eingewanderte Kesslergrundel (Neogobius kessleri) hat sich in den vergangenen Jahren im Rhein nördlich des Mains schon so stark ausgebreitet, dass dort die Fischerei stark beeinträchtigt wird. Frank Hartmann, Fischereireferent des Regierungspräsidiums Karlsruhe, geht davon aus, dass sich die der heimischen Mühlkoppe ähnelnde Fischart in wenigen Jahren in Baden-Württemberg stark ausbreiten und etablieren wird. Die Grundel stammt ursprünglich vom Schwarzen Meer und der Unteren Donau. Von dort hat sie sich über die Donau aufwärts durch den Rhein-Main-Donau-Kanal und dann über den Main auf den Weg in den Rhein gemacht. Grundeln machen dem Aal zu schaffen, der ohnehin schon unter Druck steht: Sie übertragen den Schwimmblasenwurm, der für den Aal tödlich ist.

Als eine "kleine Sensation" ist laut Hartmann der Nachweis einer Kinderstube von Meerneunaugen (Petromyzon marinus) im Rhein zu bewerten. Die dem Aal vom Aussehen ähnelnde ebenfalls "wandernde Art" lebt als erwachsenes Tier im Meer und steigt zum Laichen den Rhein auf. Die Rückkehr anspruchsvoller Fischarten - wie der Atlantische Lachs (Salmo salar) - zeige, dass sich Wasserqualität und ökologische Bedingungen im Rhein in den letzten Jahren deutlich verbessert haben, so die Behörde.

Einwandernde Arten reisen an Schiffsrümpfen mit
Häufig ist auch die nur wenige Millimeter große Zwergdeckelschnecke (Potamopyrgus antipodarum) aus Neuseeland zu finden ebenso wie die aus Asien stammende Körbchenmuschel (Corbicula fluminea). Wie viele Arten kam sie über die Schifffahrt von Rotterdam aus den Rhein hinauf: Die Neozoen fahren als "Anhalter" am Schiffsrumpf mit und die Wasserwege haben eine ausgesucht monotone Struktur." Wenn der Rhein so vielfältige Strukturen hat wie in einem Altarm des Rheins beim deutschen Idstein, können viel mehr einheimische Arten nebeneinander bestehen", weiß Bruno Baur, Naturschutzbiologe der Uni Basel. Hier dominieren einheimische Kleinlebewesen wie die Fluss-Napfschnecke (Ancylus fluviatilis). "Gleichzeitig haben es exotische Arten viel schwerer, sich hier zu etablieren. So ein vielfältiges Ökosystem ist wie ein Puffer, der schnell reagieren kann, wenn sich eine Katastrophe ereignet wie bei Schweizerhalle."

In Massen auftretend könnten Muscheln als Filtrierer auch den Wasser-Charakter beeinflussen. Die Wandermuschel (Dreissena polymorpha) wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Rhein verschleppt und ist jetzt selbst bedroht: Der Schlickkrebs (Corophium volutator) besetzt glatte Oberflächen, an denen sich bisher die Muschel festmachte. Wie der Höckerflohkrebs (Dikerogammarus villosus) kommt er gut mit den veränderten Lebensbedingungen nach der Sandoz-Katastrophe zurecht.

Gute Wasserqualität bringt alte Bekannte zurück
Der Rhein hat nach den Worten des Experten inzwischen wieder eine sehr gute Wasserqualität. Unter anderem die Flusskahnschnecke, eine alte Rheinbewohnerin, breite sich wieder aus. Dass sich viele andere heimische Arten mit der Rückkehr in den Lebensraum schwertun, liegt nach den Worten des Experten vor allem an fehlenden natürlichen Uferstrukturen.

Dennoch machen die Biologen auch erfreuliche Entdeckungen in den Proben, etwa eine Hydropsyche. Das Insekt zählt zu den Köcherfliegen, und die sind selten geworden im Rhein. Um 1900 waren noch 70 Prozent der Arten in dem Fluss Insekten, bis heute ist der Anteil dieser Tiergruppe auf weniger als 40 Prozent geschrumpft.

Eingeschleppte Tiere
Das Tor zur "neuen" Art
Vielbefahrene Häfen und Schifffahrtsrouten sind die wichtigsten Einfallstore für das Einschleppen fremder Tier- und Pflanzenarten aus dem Meer.
Info
© dpaNeobiota - "neue" Arten
Neobiota ("neue Organismen") sind Organismen, die in einem Gebiet nicht heimisch sind, sondern eingewandert oder eingeschleppt sind.
Glossar
Rhein
Der 1230 Kilomter lange Rhein ist Deutschlands meistbefahrene Wasserstraße. Den Kölner Raum passieren täglich 200 Motorschiffe.
Rhein nach der Sandoz-Katastrophe
"Ein lebendiger Fluss"
Der Rhein ist nach der Katastrophe beim Chemieunternehmen Sandoz 1986 "ein lebendiger Fluss" mit guter Wasserqualität.
Links
"Gewässeraufsicht durch das Mess- und Untersuchungsschiff MS 'Burgund'" vom Landesamt für Wasswirtschaft Rheinland-Pfalz "Ökologie des Rheins" von der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins Übersicht über "neue Arten" vom Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg EU-Papier zu invasiven Arten (PDF)
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