Immer weniger Verbrechen, doch die Angst wird größer
"Die gefühlte Kriminalitätstemperatur entspricht absolut nicht der Realität"
Obwohl man in den Nachrichten permanent über Kriminaldelikte hört und liest, sinkt die Zahl der Straftaten in Deutschland tatsächlich von Jahr zu Jahr. Das hat Christian Pfeiffer, ehemaliger Justizminister von Niedersachsen und heutiger Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts des Bundeslandes anhand von Statistiken festgestellt: "Die gefühlte Kriminalitätstemperatur entspricht absolut nicht der Realität." Im Vergleich zu vor zehn Jahren ging die Zahl der Morde um 40,8 Prozent zurück.
Banküberfälle nahmen um 44,4 Prozent ab und die Zahl der Wohnungseinbrüche sank um 45,7 Prozent. Den Hauptgrund für diesen starken Rückgang der Kriminalfälle sieht Christian Pfeiffer in der Vergreisung Deutschlands, die zur Folge hat, dass es immer weniger gefährliche junge Männer gibt.
Als zweiten Grund für den Frieden im Lade führt er den hohen Leistungsstand der Polizei ein. Auch die hohe Aufklärungswahrscheinlichkeit der Verbrechen vergrault viele potenzielle Täter. Weil sich die Zuwanderung beruhigt hat, ist auch die Ausländerkriminalität auf dem niedrigsten Stand seit langem angelangt. Hinzu kommt, dass es aufgrund technischer Präventionen wie Alarmanlagen an Autos schlichtweg nicht mehr so einfach ist, Wagen zu knacken. Doch trotz dieser objektiven Zahlen und Statistiken glaubt die Mehrheit der Bevölkerung daran, dass die Zahl der Kriminaldelikte angestiegen sei.
Eine repräsentative Infas-Umfrage bestätigte, dass 39 Prozent der deutschen Bevölkerung daran glauben, dass Wohnungseinbrüche in den letzten zehn Jahren zugenommen hätten. Außerdem gingen die Befragten davon aus, dass die Zahl der Banküberfälle um 24 Prozent gestiegen sei. Auch die Zahl der Morde liegt nach Meinung der Menschen heute sogar um 27 Prozent höher als noch vor zehn Jahren.
Auf der Suche nach einer Erklärung für dieses Phänomen, fand Christian Pfeiffer heraus, dass ARD und ZDF von 100 Sendeminuten elf für Themen mit Kriminalitätsbezug aufwenden. Bei den Privatsendern RTL und SAT1 sind es sogar fast zwanzig Minuten. Seit fünfzehn Jahren wächst der Anteil von Sendungen mit kriminalitätsbezogenen Inhalten beständig. Die Menschen glauben an eine stetig steigende Kriminalität, weil ihnen das permanent suggeriert wird. Diese Suggestion der Medien aber verändert die Gesellschaft, indem sie die Menschen unsicherer werden lässt. Und nicht nur das: Auch die Politik hat sich die latente Angst zu Nutze gemacht und an vierzig Stellen das Strafrecht verschärft.
Das wiederum hat zur Folge, dass die Gefangenenzahlen in den letzten zwölf Jahren um vierzig Prozent angestiegen sind, was wiederum den Steuerzahler zusätzliche sieben Milliarden Euro kostet, die eigentlich in gute Schulen oder Kindergärten besser investiert gewesen wären.
Statt mehr Gefängnisse zu bauen, spricht sich Pfeiffer dafür aus, mehr in Bildung zu investieren. So müsse zur Vorbeugung von Gewalt der Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen eingeschränkt werden, dabei könnten Ganztagsschulen helfen. "Die Gewaltbereitschaft steigt, wenn sie sich von Bildern der Gewalt berauschen lassen", sagte Pfeiffer. Es gebe Kinder, die mehr Stunden vor Fernseher und Computer verbringen als im Unterricht.


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"Polizeiliche Kriminalstatistik 2004" (PDF) vom Innenministerium
"2005 in NRW weniger Straftaten und höhere Aufklärungsquote" vom Land Nordrhein-Westfalen
Prof. Christian Pfeiffer wirkt am kiminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen

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15.05.2006, zuletzt aktualisiert am 07.01.2008 / mm
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