Frau mit Handy © reuters Video
Eine durchschnittliche Handy-Nutzung führt nicht zu erhöhtem Hirntumorrisiko
Kein Krebs durch Handy
Folgen langen Telefonierens noch nicht untersucht
Laut einer Studie der WHO erhöhen durchschnittlich lange Telefonate mit dem Handy das Risiko nicht, an Hirntumoren zu erkranken.
Zu diesem Ergebnis kommt die bislang größte Fall-Kontrollstudie zu Handystrahlung. Es sei jedoch nicht auszuschließen, dass extrem langes Telefonieren mit mobilen Telefonen das Tumorrisiko fördere, heißt es in der Interphone-Studie, die am 17. Mai 2010 von der Weltgesundheits-Organisation (WHO) veröffentlicht wurde. "Ob Menschen, die besonders lange und häufig mit ihrem Handy telefonieren, gefährdet sind, an einem Gliom zu erkranken, muss weitere Forschung klären", sagt Prof. Maria Blettner von der Universität Mainz.

Bei den fünf Prozent der Teilnehmer, die das Handy besonders stark nutzten, zeige die Studie ein erhöhtes Risiko für ein Gliom, sagte Blettner. Dieses Ergebnis könnte aber auch durch methodische Probleme entstanden sein. So sei die sehr hohe Nutzungsdauer, die manche Teilnehmer angaben, nicht plausibel. Zudem sei das Gliom-Risiko nicht kontinuierlich mit der Telefondauer gestiegen.

Mediziner wollen weitere Tumorrisiken untersuchen
Die Mehrheit der Befragten gehörten nach Angaben der Autoren der Studie nicht zu den starken Handynutzern. Ihr Gebrauch lag bei etwa zwei Stunden im Monat. Außerdem wurde festgestellt, dass der regelmäßige Gebrauch von Handys sogar die Gefahr von Tumoren etwas verringern kann. Dies hätten auch schon frühere Untersuchungen gezeigt, aber auch hierzu seien weitere Studien nötig. Außerdem wollen die Mediziner untersuchen, ob Handystrahlung möglicherweise das Risiko von Tumoren in der Ohrspeicheldrüse oder dem Gehörnerv erhöht.

Die Studie stützt sich weitgehend auf Interviews von 2708 Menschen mit Gliomen sowie 2409 Menschen mit Meningiom, den häufigsten Gehirntumoren. Zudem wurden 7658 Kontrollpersonen in 13 Ländern befragt. Die Studie war im Jahr 2000 von der WHO in Auftrag gegeben worden. Auch die Industrie hatte sich an der Finanzierung beteiligt.

Handynutzung hat sich seit 2000 stark verändert
Die Autoren verweisen darauf, dass sich die Handynutzung seit 2000 stark verändert hat. So sei es nicht unüblich, dass junge Leute heute ihr mobiles Telefon mehr als eine Stunde am Tag nutzen. Allerdings sendeten heutige Handys eine schwächere Strahlung aus. Hinzu käme die verstärkte Nutzung von geschriebenen Nachrichten (SMS) und Headsets. "Von diesen Daten kann man nicht auf ein erhöhtes Risiko für Gehirntumoren schließen", so der Direktor der Internationalen Agentur für die Krebsforschung (IARC), Christopher Wild. Die veränderten Nutzungsgewohnheiten machten aber weitere Untersuchungen notwendig.

Die Industrie fühlt sich durch die Studie bestätigt, dass keine gesundheitlichen Gefahren von Handys ausgehen. Michael Milligan, Generalsekretär des "Mobile Manufacturers Forums" sagte, dies bedeute "eine weitere klare Bestätigung hinsichtlich der Sicherheit von Mobiltelefonen". Die Gesamtanalyse stimme mit Ergebnissen früherer Studien und dem beachtlichen Umfang der Forschung überein, die kein erhöhtes Gesundheitsrisiko aus dem Gebrauch von Mobiltelefonen ableiteten.

Keine Gefahr durch Handystrahlung laut Bundesamt
Durch das Telefonieren mit dem Handy lässt sich keine Tumorgefahr nachweisen, zu diesem Ergebnis kam auch eine Untersuchung des Bundesamts für Strahlenschutz im Juni 2008. Auch durch schnurlose Telefone oder deren Basisstationen nach DECT-Standard in der Nähe des Bettes steige das Risiko für Hirntumore nicht. Ein Zusammenhang zwischen den Geräten und Kopfschmerzen oder Schlafstörungen bei Erwachsenen sei nicht beobachtet worden. Allerdings war die Studie auf weniger als zehn Jahre angelegt. Mögliche langfristige Risiken, vor allem für Kinder, seien nicht abschließend geklärt.

Die Forscher analysierten in mehr als 50 Forschungsprojekten des Deutschen Mobilfunk-Forschungsprogramms seit 2002 biologische Auswirkungen der Nutzung von Handys und schnurlosen Telefonen. Im Einzelfall wurden Veränderungen der Genaktivität beobachtet. Das stelle die Gesamtbeurteilung aber nicht infrage, hieß es. Nach Angaben der Autoren sind weitere Studien über die Langzeitwirkungen der Geräte notwendig, insbesondere bei Kindern, die mit dem Handy groß geworden seien oder groß würden.

Europäische Umweltagentur warnt vor Strahlung
2007 warnte die Europäische Umweltagentur (EEA) jedoch ausdrücklich vor Gesundheitsgefahren durch Handys. Für die Studie waren 2000 Untersuchungen ausgewertet worden. Es gebe klare Beweise, dass starke Handy-Nutzer, die ihr Handy mehr als 15 Jahre lang etwa 460 Stunden im Jahr genutzt hätten, Ausprägungen von Hirntumoren gezeigt hätten, sagte die EEA-Direktorin Jaqueline McGlade. "Handys mögen schwach strahlen, aber es gibt genügend Beweise für Wirkungen auch bei schwacher Strahlung, dass wir jetzt handeln müssen." Zentrales Ergebnis des Berichts sei, dass sich das Risiko für Hirntumoren nach mehr als zehn Jahren Handynutzung um 20 bis 200 Prozent erhöht.

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© dpaStreit um Elektrosmog
Schnurlostelefone, ihre Basisstationen und Handys verbreiten Elektrosmog. Über mögliche Gefahren für die Gesundheit streiten die Forscher.
Gast
VideoZu diesem Thema sprachen wir am 19. Mai 2010 mit Prof. Maria Blettner vom Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik (IMBEI) an der Universität Mainz.
Literatur
Cardis E et al (2010) Brain tumour risk in relation to mobile telephone use: results of the INTERPHONE international case–control study. Int J Epidemiol. Doi:10.1093/ije/dyq079
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