Mannheimer Forscher testen Mittel gegen Alkoholsucht
Substanz sei frei von Nebenwirkungen und müsse nur kurze Zeit gegeben werden
Mannheimer Forscher testen Mittel gegen die Alkoholsucht
Forscher um Prof. Rainer Spanagel vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit erproben eine neue Substanz, um die Rückfallquote bei Alkoholsucht zu verringern: "Wir haben in unserem Tiermodell festgestellt, dass dieses Medikament den Alkoholrückfall sehr wirkungsvoll verhindern kann. Das Besondere an dieser Substanz ist, dass wir eigentlich diese Substanz ein bis zwei Tage lang geben müssen und dann einen langanhaltenden Effekt haben." Dies kenne man von anderen Substanzen nicht.
Diese zeigten oft Nebenwirkungen, auch weil sie über einen langen Zeitraum gegeben werden müssten. "Unsere Substanz ist eigentlich nebenwirkungsfrei." Bereits 2006 haben Spanagel und Forscher gezeigt, dass bei Mäusen das CRHR1-Gen eine Rolle beim Alkoholismus spielt. Das CRHR1-Gen liefert die Bauanleitung für ein Protein, das bei der Verarbeitung von Stress eine Rolle spielt und wichtig ist, um Gefühle zu steuern. "Bei uns Menschen ist das vermutlich ähnlich. Wenn wir gegen den Stress nicht mehr ankämpfen können, trinken wir mehr Alkohol."
Die beiden Varianten im CRHR1-Gen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Etwa jeder Fünfte beziehungsweise jeder Zehnte weise diese Veränderung im Erbgut auf. Neben den CRHR1-Varianten gebe es noch noch viele Gene, die - zusammen mit äußeren Faktoren - das Trinkverhalten beeinflussten, erläuterte Prof. Gunter Schumann. "Alkoholsucht wird zu 50 bis 60 Prozent vererbt." Das zeigten Untersuchungen an Kindern, deren leibliche Eltern Alkoholiker waren, die aber in Pflegefamilien ohne Alkoholmissbrauch aufgewachsen sind. "Das Risiko, dass diese Kinder Alkoholiker werden, ist drei- bis vier Mal erhöht."
Auch Glutamat spielt eine Rolle bei der Alkoholabhängigkeit
Forscher fahnden nach allen möglichen Ursachen
Der Wissenschaftler Ulrich Preuss vom Universitätsklinikum Halle konnte nachweisen, dass eine Variante des Neurotransmitters Glutamat bei Patienten mit Delirium tremens häufiger auftritt als bei Alkoholabhängigen ohne. Als Neurotransmitter überträgt Glutamat die Informationen von einer Nervenzelle zur anderen. Alkohol hemmt den Stoff, wodurch die Informationsübermittlung in den Nervenzellen gestört ist. Schwere Entzugssyndrome bei Alkoholkranken münden in manchen Fällen in ein Delirium tremens.
Es ist charakterisiert durch gleichzeitig bestehende Störungen des Bewusstseins und der Aufmerksamkeit, der Wahrnehmung, des Denkens und des Gedächtnisses, und ist potenziell lebensbedrohlich. Hohe Mengen Glutamat lassen bei Mäusen das Medikament Campral wirken, das auch in der Therapie Alkoholabhängiger empfohlen wird. Forscher erklären sich so, warum es bei vielen Patienten nicht anschlägt.
Forscher entwöhnen Ratten mit körpereigener Substanz
GDNF stoppt bei Ratten die Entzugssymptome
Der körpereigene Wachstumsfaktor GDNF kann bei Ratten in wenigen Minuten das Verlangen nach Alkohol stoppen. Direkt ins Gehirn verabreicht, bremst sie nicht nur die akute Lust auf die Droge, sondern verhindert auch Rückfälle nach längerer Alkoholabstinenz, berichten Forscher um Sebastian Carnicella von der Universität von Kalifornien in Emeryville. GDNF ist normalerweise für die Entwicklung bestimmter Nervenzellen im Zentralnervensystem zuständig. Die Wissenschaftler spritzten GDNF nun direkt in einen Bereich des Gehirns, der eine zentrale Rolle bei Alkohol- und Drogensucht spielt: in das ventrale tegmentale Areal (VTA).
Bei Ratten, die sich durch das Drücken eines Hebels in ihrem Käfig selbst mit Alkohol versorgen konnten, ließ das Verlangen nach der Droge daraufhin innerhalb von nur zehn Minuten nach. Selbst Tiere, die an hohe Alkoholdosen gewöhnt worden waren, drückten den Hebel deutlich seltener und tranken weniger als zuvor. Die gleiche Reaktion zeigten Ratten drei Stunden nach der Verabreichung des Wachstumsfaktors.
In anschließenden Versuchen zeigten die Forscher, dass GDNF gezielt das Verlangen nach Alkohol reduziert. Bei Ratten, die nach einer Zuckerlösung "süchtig" waren, veränderte sich das Verhalten durch die Injektion von GDNF nicht. Schließlich zeigten die Wissenschaftler noch, dass die Tiere nach der Gabe von GDNF nicht sofort rückfällig wurden, wenn sie nach längerer Abstinenz einen Schluck Alkohol bekamen. Dieses Ergebnis sei besonders bedeutend, da die hohe Rückfallquote das Hauptproblem bei der Behandlung von Alkoholismus sei, so die Forscher.

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Carnicella S et al (2008) GDNF is a fast-acting potent inhibitor of alcohol consumption and relapse. Proc Nat Acad Sci U S A 105: 8114 - 8119

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19.01.2005, zuletzt aktualisiert am 13.03.2009 / mp mit Material von ap und dpa
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