Erkältung: "Vitamin C ist ein total überschätzter Stoff"
Ärzte und Apotheker der Arzneimittel-Information warnen vor vielen Medikamenten
"In Grippostad C ist das Schmerzmittel etwas unterdosiert, Koffein ist überflüssig und Vitamin C ist ein total überschätzter Stoff", sagt der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des Berliner "Arznei-Telegramms". Er hat mit seinen Kollegen von der Arzneimittel-Information Berlin gängige Erkältungsmittel untersucht. Es gebe keine Belege dafür, dass es vor Erkältungen schütze. "Geringe Mengen sind nicht schädlich, aber sie nutzen auch nicht." "Wick MediNait" hält er für einen "Schlafsaft", weil er Alkohol enthalte.
Es handele sich um ein "Hustenmittel, das nicht so gut wirkt." Das Ephedrin, das die Schleimhäute frei machen soll als ein Stoff, den man in die Nase gebe. Echinacea-Präparate schützen vor Erkältungen und beschleunigen die Heilung, berichten Forscher um Craig Coleman von der Universität von Connecticut.
Bei bereits Erkrankten beschleunigten die Präparate die Heilung im Durchschnitt um knapp eineinhalb Tage. Echinacea-Präparate sind als Erkältungsmedizin sehr beliebt. Ob das pflanzliche Heilmittel tatsächlich das Immunsystem stärkt, ist allerdings umstritten. 2005 hatten US-Forscher berichtet, dass die vorbeugende Einnahme solcher Mittel keinerlei Effekt habe. Die Gruppe um Coleman wertete nun 14 Studien zur Wirksamkeit der Echinaceen-Substanzen aus, in denen insgesamt rund 800 verschiedene Produkte getestet wurden. In einer der Studien sei das Mittel zusammen mit Vitamin C eingenommen worden, schreiben die Forscher. Das Risiko, sich zu erkälten, sei dadurch um 86 Prozent gesunken. Auf welche Weise die Substanzen der auch Sonnenhut genannten Pflanze auf das Immunsystem wirken, bleibe unklar.
Einfluss auf das jeweilige Studienergebnis habe vor allem der Infektionsweg gehabt, heißt es weiter. Wurden die Echinacea-Präparate zum Schutz vor einer Ansteckung im normalen Lebensumfeld eingesetzt, sank das Risiko einer Infektion um 65 Prozent. Atmeten die Probanden unter Laborbedingungen Rhinoviren ein, verminderte sich die Gefahr lediglich um 35 Prozent.
Es gebe mehr als 200 verschiedene Schnupfenviren, schreiben die Forscher. Die Echinaceen-Substanzen wirkten wahrscheinlich bei Rhinoviren vergleichsweise schwach, bei anderen Erkältungserregern dagegen viel stärker. Der Sonnenhut wird seit langem als Heilpflanze genutzt. Derzeit werden die Wirkstoffe von Echinaceen nicht nur als Mittel gegen Erkältungen, sondern auch bei Harnwegs-Infekten und schlecht heilenden Wunden eingesetzt. Allerdings lassen sich dafür nur bestimmte Arten des Sonnenhuts verwenden.
Etliche Millionen Menschen in Europa und den USA greifen jeden Winter zu Echinacea-Präparaten, allein in Nordamerika werden nach Angaben des "American Botanical Council", einer Institution, die den Verkauf von Vitaminen und anderen rezeptfreien Mitteln überwacht, weit über 100 Millionen Dollar (74,5 Millionen Euro) für die Mittel ausgegeben.
Becker-Brüser sieht die Wirkung nicht bestätigt und warnt vor einer Einnahme: "Es gab Zubereitungen mit Echinacea, die gespritzt wurden. Diese mussten aus dem Handelwegen Unverträglichkeit und allergischer Reaktionen genommen werden." Auch von Kombinationspräparaten hält er nichts: "Je mehr Bestandteile drinnen sind, desto eher können sie auch eine Schädigung auslösen. Wenn ich beispielsweise diese Sympathomimetiker habe, die die Schleimhaut abschwellen sollen, dann haben sie als Nebenwirkung, dass sie Herzschlag und Blutdruck steigern können, dass sie den Blutdruck steigern können. Das sind Effekte die man eigentlich bei solchen Mitteln - für eine Krankheit die von selbst wieder abklingt - nicht tolerieren sollte."
Aspirin oder Paracetamol bekämpfen nicht das Virus und helfen dem Immunsystem kaum. Im Gegenteil: Manche Ärzte empfehlen sonst gesunden Patienten fiebersenkende Mittel erst einzusetzen, wenn die Temperatur über 39 Grad Celsius steigt. Das Fieber stellt einen natürlichen Abwehrmechanismus des Körpers gegen Krankheitserreger dar, die sich bei geringerer Temperatur ebenfalls wohler fühlen.
Neuraminidase-Hemmer sollen gegen eine echte Grippeinfluenza genommen werden - aber nur, wenn diese Virenbekämpfer innerhalb der ersten achtundvierzig Sunden zum Einsatz kommen, können sie der Viren-Invasion Einhalt gebieten. Das Medikament Relenza wird inhaliert und gelangt so direkt ins Zentrum der Infektion. Durch Relenza bleiben neu gebildete Viren an der Schleimhaut, wo sie gebildet werden, kleben und verklumpen. Ihr Siegeszug ist gestoppt.
Auch die Einnahme von Antibiotika ist nicht sinnvoll. Antibiotika helfen gegen Bakterien, also andere Krankheiterreger. In schweren Fällen einer Grippe werden aber dennoch Antibiotika gegeben, um eine Zweit-Infektion wie Lungenentzündung zu bekämpfen, denn sie kann schlimmere Auswirkungen als der Virusbefall haben.
Husten ist zwar unangenehm, aber auch er ist wie die erhöhte Temperatur ein Abwehrmechanismus, um den Schleim loszuwerden. Ein Glas mit Salzlösung gurgeln beruhigt den allerschlimmsten Reiz etwas. Der Nutzen von rezeptfrei erhältlichen Hustenmitteln ist fraglich. Weder für Kinder noch für Erwachsene ist die Heilkraft solcher Arzneien gesichert, wie eine Auswertung von 25 Studien zeigt. In sieben der acht Studien an Kindern waren die untersuchten Präparate verschiedener Wirkstoffklassen nicht wirksamer als Scheinmedikamente, wie Thomas Fahey von der Ireland Medical School berichtet.
In den 17 Studien an Erwachsenen fielen die Resultate unterschiedlich aus. Dies lag möglicherweise daran, dass verschiedene Präparate über unterschiedlich lange Zeiträume geprüft wurden. Allerdings spielte offenbar auch die Finanzierung der Untersuchungen eine Rolle: Sechs von neun Studien, die von Pharmaunternehmen gesponsert wurden, wiesen auf eine förderliche Wirkung der Präparate hin. Von den 16 unabhängigen Untersuchungen stützten dagegen nur drei den Wert von Medikamenten.
Die US-Zulassungsbehörde FDA rät Eltern, Kindern unter dem Alter von zwei Jahren keine Husten- oder Erkältungsmittel ohne ärztlichen Rat zu verabreichen. Andere Experten empfehlen sogar, Kindern unter sechs Jahren keine solchen Mittel zu geben. Fahey führt den weit verbreiteten Einsatz von Medikamenten auf mangelnde Kenntnisse in der Bevölkerung zurück. Viele Menschen seien besorgt, wenn ein Husten nach einer Woche noch nicht vorbei sei. Dabei dauere eine solche Erkrankung normalerweise bei Kindern zwei, bei Erwachsenen sogar drei Wochen.
Vor der Einnahme von Hustenmitteln aus dem heimischen Medizinschrank sollten erkältungsgeplagte Patienten die Inhaltsstoffe des Medikaments überprüfen. In vielen Haushalten dürften noch Restbestände von clobutinol-haltigen Mitteln gegen Reizhusten lagern, warnt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.
Dieser nicht verschreibungspflichtige Wirkstoff war im August 2007 vom Markt genommen worden, weil er im Verdacht steht, Herzrhythmusstörungen auszulösen. Generell raten die Apotheker zu vorsichtigem Umgang mit Hustenmedikamente, die stark wirksame synthetische Wirkstoffe enthalten. So sollten stillende Mütter Mittel mit Codein auf keinen Fall mehrfach einnehmen. Eine einmalige Einnahme hingegen sei unbedenklich für den Säugling, betont die Bundesvereinigung. Allerdings sollten die Mütter bei ihren Kindern auf Symptome wie Trinkschwäche, Lethargie oder erhöhte Schläfrigkeit achten und gegebenenfalls das Stillen während der Einnahme des Hustenmittels unterbrechen.
Fast die Hälfte der Bundesbürger greift zur Behandlung einer Erkältung auf bewährte Hausmittel zurück. Kräutertees, Dampfbäder oder Wadenwickel sind für knapp 40 Prozent der Befragten die Mittel erster Wahl bei Halsschmerzen, Husten, Schnupfen oder Fieber, wie aus einer Studie der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hervorgeht.
Den Arzt sucht etwa ein Drittel der Betroffenen auf. Dagegen greifen 37 Prozent zu einem rezeptfreien Medikament wie Nasenspray, Saft oder Zäpfchen aus der Apotheke. Damit sei Deutschland im europaweiten Vergleich Spitzenreiter beim Kauf nicht verschreibungspflichtiger Arzneien im Erkältungsfall: Fast jede zweite Frau und 43 Prozent der Männer wählen diese Behandlungsform. Während der Studie zufolge 44 Prozent der Spanier und mehr als ein Drittel der Österreicher bei Erkältungskrankheiten sofort zu einem Arzt gingen, ignorierten die meisten Briten und Niederländer entsprechende Symptome und unternähmen gar nichts.
Auch für jeden vierten Italiener und Franzosen ist eine Erkältung noch lange kein Grund, aktiv zu werden, wie die Meinungsforscher herausgefunden haben. Länderübergreifend gelte jedoch, dass Frauen grundsätzlich offensiver gegen Erkältungen vorgingen: Beim Gebrauch von Hausmitteln liegen sie mit etwa 43 Prozent vor den Männern (36 Prozent), bei der Einnahme rezeptfreier Medikamente liegt das Verhältnis bei 39 zu 34.
Ist eine Erkältung im Anmarsch, können Hausmittel das Schlimmste verhindern helfen: Ausreichend Flüssigkeit sowie zuckerfreie Bonbons halten die Schleimhäute feucht und bekämpfen Hustenreiz, wie die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände rät. Auch Inhalationen mit einer Dauer von höchstens zehn Minuten sind sinnvoll, allerdings sollte man danach eine Viertelstunde lang nicht ins Freie gehen. Nasenduschen mit einer Salzlösung befeuchten die Schleimhäute.
Sie machen sie widerstandsfähiger gegen jedwede Bazillen. Solange sich zu dem aufkeimenden Schnupfen noch kein Fieber gesellt hat, helfen auch heiße Bäder dem Körper im Kampf gegen die Krankheitserreger. Eine Badedauer von zehn Minuten reicht aus, danach tut eine Ruhepause im Bett gut, wie die Apothekervereinigung mitteilt. Um andere nicht anzustecken, sollte bei einem Niesanfall ein Papiertaschentuch greifbar sein.
Häufiges Händewaschen verhindert sowohl die eigene Ansteckung wie auch das Übertragen von Erregern, da sich Erkältungsviren vor allem über die Hände verbreiten. Wird die Erkältung dennoch schlimmer, rät die Apothekervereinigung zu Medikamenten mit nur einem Wirkstoff. Von Kombinationspräparaten, die gegen Husten, Schnupfen, Hals- und Kopfschmerzen gleichzeitig helfen sollen, raten die Apotheker dagegen ab, da sie eine Therapie der individuellen Symptome verhindern.


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Shah SA et al (2007) Evaluation of echinacea for the prevention and treatment of the common cold: a meta-analysis. Lancet Infect Dis 7: 473 - 480


Turner RB et al (2005) An Evaluation of Echinacea angustifolia in Experimental Rhinovirus Infections. New England J Med 353: 341 - 348


Smith SM et al (2008) Over-the-counter medications for acute cough in children and adults in ambulatory settings. Cochrane Database Systematic Rev 1: DOI: 10.1002 / 14651858. CD001831.pub3


Für die Studie der Gesellschaft für Konsumforschung wurden in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Österreich, Spanien, Polen und Russland rund 10.200 Verbraucher ab 14 Jahren über ihren Umgang mit Krankheiten und Medikamenten befragt.

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13.11.2003, zuletzt aktualisiert am 13.03.2008 / mp mit Material von ap und dpa
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