Gehirnstrommessung Video
An der Schläfe wird das Gehirn aktiv, wenn es sich eine Lüge ausdenken muss
Lügen verraten sich in den Gehirnmustern
Hektische Aktivität im Bereich der Schläfe entsteht
"Lügen ist anstrengender, als die Wahrheit zu sagen - das Gehirn ist im Schläfenbereich aktiver, wenn man Information verheimlicht", weiß Dr. Matthias Gamer vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.
Untersuchungen Daniel Langlebens von der Pennsylvania School of Medicine (USA) mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) haben gezeigt, dass sich die Aktivität in bestimmten Hirnbereichen immer dann signifikant erhöhte, wenn die Versuchspersonen logen. Besonders auffällig war der Aktivitätsanstieg im vorderen Gyrus cinguli und in der präfrontalen Großhirnrinde.

Beide Bereiche bestimmen wesentlich mit, welche Gedächtnisinhalte letztlich ins Bewusstsein gelangen. Der erste Bereich steuert die Aufmerksamkeit und dient der Impulskontrolle. Im zweiten dagegen sitzt die hemmende Instanz des Gehirns. Langleben: "Offensichtlich muss man, um eine Lüge auszusprechen, etwas unterdrücken. Und dieses Etwas ist dann wohl die Wahrheit."

Hirnareal hinter dem Ohr erkennt Lügen und Witze
Ein Hirnareal hinter dem Ohr wägt die Aussagen des Gegenüber auf Wahrheit oder Lüge ab, haben 2004 britische Psychologen in einer Studie belegt. Bei ihren Untersuchungen konnten sie zeigen, dass die meisten Menschen bei einem Gespräch mit dem Chef erahnen, was er denkt. Schlaganfallpatienten, bei denen diese bestimmte Hirnregion geschädigt war, vermochten hingegen die Gedanken anderer an Hand von ihren Handlungen und Aussagen nicht einzuschätzen. Mit diesen Untersuchungen konnte erstmals gezeigt werden, dass dieses Hirnareal für weitgehende Schlussfolgerungen und das Interpretieren von Gedanken anderer zuständig ist.

Notorische Lügner haben eine andere Hirnstruktur
Gehirnschnitt Lupe
Virtuelle Schnitte durch das Gehirn entlarven notorische Lügner
"Lügen ist nicht einfach", erläuterte sagt Adrian Raine von der Universität Südkaliforniens. "Man muss dazu die Gedanken des anderen lesen können. Ein Lügner muss außerdem seine Gefühle im Zaum halten, um nicht nervös zu erscheinen. Es ist eine ganz schöne Anstrengung, die Wahrheit zu verbergen." Leute mit einem eng verknüpften Netzwerk von Nervenzellen im präfrontalen Cortex hätten das Rüstzeug, mit ihren Lügen durchzukommen. "Sie haben quasi einen naturgegebenen Vorteil", meint der Psychologe. Dauerlügner besitzen mehr weiße Hirnmasse in einem bestimmten Hirnareal, die für die Verknüpfung der Nervenzellen zuständig ist. Das befähigt sie vermutlich besonders, Lügengebäude aufrecht zu erhalten, erläutern Raine und Yaling Yang.

Sie maßen die weiße und graue Hirnmasse bei 12 notorischen Lügnern sowie bei 16 Kandidaten mit unsozialen Verhaltensweisen, die jedoch nur hin und wieder von der Wahrheit abweichen, und 21 normalen Kontrollpersonen. Sie stellten fest, dass Dauerlügner im Durchschnitt 25,7 Prozent mehr weiße Hirnmasse im präfrontalen Cortex hatten als Gelegenheitslügner und 22 Prozent mehr als die Kontrollpersonen.

Dafür fehlte ihnen im Vergleich zu den normalen Probanden 14,2 Prozent der grauen Hirnmasse. Graue Hirnmasse ist für die Informationsverarbeitung im Hirn zuständig, weiße Hirnmasse für die Informationsübermittlung.

"Lügen lernen" ist ein Teil der geistigen Entwicklung
Computerschnitte Lupe
Wenn das Gehirn sich entwickelt, entstehen erste Lügen
Im Alter von vier Jahren beginnt der Mensch zu lügen: Die Fähigkeit dazu hängt von der Gehirnentwicklung ab. Voraussetzung fürs Lügen ist, dass sich Kinder ins Denken von anderen Personen hineinversetzen können, so Remo Largo vom Kinderspital Zürich und der Psychologe Josef Perner von der Universität Salzburg. Unsere Kindheit und Jugend brauchen wir, um eine Vorstellung vom Geist des anderen zu bekommen. Erst das mache den vielschichtigen Umgang mit unseren Mitmenschen möglich, meint der Sozialwissenschaftler Peter Stiegnitz. Wichtig sei die Absicht und die Häufigkeit, die mit einer Lüge verfolgt wird: "Die Lüge ist ein Hilfsmittel, klein dosiert ohne Schädigungsabsicht, brauche ich sie".

"Die Wahrheit zu sagen ist moralisch überbewertet", meint der Philosoph und Erziehungswissenschaftler David Nyberg von der University of New York. "Ohne Täuschung und Irreführung wäre unser komplexes Beziehungsleben völlig undenkbar."

Stiegnitz, Begründer der Mentiologie - der Wissenschaft vom Lügen - hält nichts von "großen Mengen mit Schädigungsabsicht". Der Hauptgrund für die Lüge ist die Angst. Bis zu 200 Mal am Tag behelfen wir uns so mit großen und kleinen Lügen durch den Alltag. Die Männer lügen eher, dass sie im Job unersetzbar seien; das Auto und die Freizeitaktivitäten sind weitere Felder. Frauen sagen lieber die Unwahrheit über ihr Alter, ihr Gewicht und ihre Treue in der Partnerschaft.

Am Telefon wird viel häufiger gelogen als in E-Mails
Am leichtesten fällt das Lügen am Telefon, denn hier fehlt die Körpersprache, die sonst auf die Unwahrheit hindeuten könnte. Politikern nimmt man es besonders übel - als Erklärung dient Stiegnitz: "Wir nehmen diesen Menschen übel, dass sie lügen, weil sie stellvertretend für unsere eigene Lüge büßen sollten." 37 Prozent der Telefongespräche seiner Versuchsteilnehmer enthielten mindestens eine Lüge, aber nur 14 Prozent der E-Mails, wie der Psychologe Jeff Hancock von der Cornell-Universität herausfand. Bei direkten Gesprächen logen die Untersuchten in 27 Prozent der Fälle.

Für den Psychologen war das Ergebnis eine Überraschung: Wegen der eher anonymen und distanzierten Kommunikation per E-Mail wären hier eigentlich besonders viele Lügen zu erwarten gewesen. Hancock erklärte sich die Wahrheitstreue in E-Mails damit, dass diese schwarz auf weiß aufgezeichnet sind und abgespeichert werden können. Möglicherweise hätten E-Mail-Schreiber Scheu zu lügen, weil sie später dafür per schriftlichem Beweisstück zur Rechenschaft gezogen werden könnten. Für die Studie hatte der Psychologe 30 seiner Studenten gebeten, über ihre Kommunikationen eine Woche lang Tagebuch zu führen und zuzugeben, wann sie dabei gelogen haben.

Infografik
Regionen und Areale des Gehirns auf einen Blick
Unser menschliches Gehirn hat drei Hauptstrukturen: den Hirnstamm, das Kleinhirn sowie das Großhirn, das aus zwei Hälften besteht. Der Hirnstamm steuert hauptsächlich lebenswichtige Funktionen wie Atmung und Kreislauf.
Schwerpunkt: Lügen
"Gelogen!" - Forschen rund um Lug und Trug
Ob Mensch, ob Tier - ohne Lügen kann keiner (über-)leben. Die Motive zur Lüge sind dabei immer die gleichen: einen Sexualpartner für sich zu gewinnen, Feinde und Beute auszutricksen oder gar auszuschalten.
Durchschaut
Lügner verraten sich durch Mikroausdrücke
Videoanalysen der Mikroausdrücke eines Menschen können ihn der Lüge überführen, aber das reiche für einen Lügendetektor nicht, meint der Emotionspsychologe Prof. Klaus Scherer. "Das ist unmöglich."
Unzuverlässig
Lügendetektoren liefern nicht immer die Wahrheit
"Man könnte bei der Polizei Tatwissenstests einsetzen, aber das passiert nicht", sagt Dr. Matthias Gamer vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. "Aber es ist denkbar, dass es in Zukunft Fälle geben wird."
Buchtipp
Volker Sommer
Lob der Lüge
Täuschung und Selbstbetrug bei Tier und Mensch
Verlag: dtv
ISBN 3-423-30415-4
Buchtipp
Peter Stiegnitz
Die Lüge
Das Salz des Lebens
Verlag: Vabene
ISBN 3-85167-062-0
30.08.2000, zuletzt aktualisiert am 28.09.2009 / mp mit Material von dpa und afp