"Bei der Gehirnwäsche wird keine Erinnerung gelöscht"
40.000 Menschen wurden Opfer psychischer Zersetzung unter dem DDR-Regime
Sehen Sie diesen Beitrag in unserer Mediathek
"Bei der Gehirnwäsche wird nichts gewaschen und es wir keine Erinnerung getilgt", sagt der Psychologe Hans-Eberhard Zahn, einst Gefangener in der DDR. "Ganz im Gegenteil: Es wird einiges hineingebracht. Somit finde ich die Begriffe 'Zersetzung' oder 'Umprogrammierung' eher am Platze." Der Bereich "Operative Psychologie" der Staatssicherheit hat zunächst die Persönlichkeit ihrer Opfer untersucht. Sie unterhielt sogar einen Studiengang gleichen Namens.
So brach die Stasi den Widerstand der Opfer, doch konnten sie aus ihnen keine überzeugten Sozialisten machen. "Ein Großteil der Personen, die die Untersuchungshaft der Staatssicherheit durchlebt haben, ist nachhaltig geschädigt", sagt der Psychologe Stefan Trobisch-Lütge.
So berichtet ein Mensch, der zu DDR-Zeiten politisch verfolgt wurde, einmal sei in seine Wohnung eingebrochen worden. Es habe nichts gefehlt - bis auf die bunten Handtücher. "Das ist eine ganz typische Strategie", sagt die Psychologin Reinhild Hölter. "Es ging darum, Angst zu machen und das Selbstbewusstsein zu zersetzen." Das Opfer konnte mit dieser Geschichte nicht zur Polizei gehen - sie war einfach zu unglaubwürdig. Doch von dem Einbruch, der Allmacht und Willkür demonstrierte, blieb allgegenwärtig die Angst.
40.000 Menschen, so eine Schätzung, wurden zu Opfern von Verfolgung, Haft und psychischer Zersetzung unter dem DDR-Regime. "Plötzliche Hausdurchsuchungen, offensichtliche Verfolgung ohne sichtlichen Grund" seien die Mittel gewesen, so Hölter. "In Haft wurden die Menschen sogar auf der Toilette beobachtet, permanenter Beleuchtung ausgesetzt, für ein bestimmtes Verhalten einmal belohnt und ein anderes Mal bestraft."
Unterbewusst trennen wir echte und falsche Erinnerungen
Das Gehirn unterscheidet unterbewusst zwischen falschen und richtigen Erinnerungen, auch wenn Versuchspersonen nicht wissen, wie wahr oder unwahr eine Erinnerung ist, haben Forscher der Universität des Saarlands 2002 gezeigt. Binnen weniger hundert Millisekunden findet in den Hirnströmen eine Unterscheidung statt, bei der auch unterschiedliche Hirnareale beteiligt sind.
"Wenn unterschiedliche neuronale Strukturen längere Zeit gemeinsam aktiv sind, bilden sie also durch die Fähigkeit des Veränderns der synaptischen Übergangsstärke ein in sich geschlossenes neuronales Aktivierungsensemble", erläutert Prof. Axel Mecklinger. "Und das ist für uns als kognitive Neurowissenschaftler das, was wir als eine Gedächtnisspur beschreiben würden."


Sehen Sie diesen Beitrag in unserer Mediathek



Die Regionen des Gehirns


Das Gehirn: Wie die Informationen verarbeitet werden

"Illusionen des Gedächtnisses sind durchaus normal"
Erinnerungslücken durch schlechten Filter im Gehirn
Peinliche Erinnerungen rüsten uns für die Zukunft
Gehirn kann schlimme Erinnerungen aktiv unterdrücken
Falsche "Erinnerung" verhilft zu gesünderer Ernährung

27.11.2002, zuletzt aktualisiert am 17.03.2009 / mp
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / nano [E-Mail]