Die Hindus von Hamm: Integration statt Abkapselung
2002 wurde in Hamm der größte Hindu-Tempel Kontinentaleuropas eingeweiht
"Integration läuft immer über Konflikte", sagt Martin Baumann, der die Lebenssituation und die gesellschaftliche Integration von 45.000 hinduistischen Tamilen in Deutschland untersucht hat. Der 41 Jahre alte Religionswissenschaftler hält die These für falsch, dass Moscheen und Tempel Migranten verleiten, sich von der deutschen und christlichen Gesellschaft abzukapseln. Baumann glaubt vielmehr, dass diese sowie die im öffentlichen Raum zelebrierten Feste die Integration fördern.
Sie zwingen Nachbarn, Anwohner und Migranten, miteinander zu reden und die aufkeimenden Konflikte in Zusammenarbeit mit den Behörden und örtlichen Parteien gemeinsam zu lösen. Martin Baumann beruft sich dabei auf die Erkenntnisse, die er bei der hinduistischen Gemeinschaft in Hamm gesammelt hat.
Am 7. Juli 2002 wurde in Hamm-Uentrop der größte Hindu-Tempel Kontinentaleuropas eingeweiht. Der Tempel liegt mitten in einem Industriegebiet, in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Kohlekraftwerk, einer Fleischfabrik und einem Baustoffhandel. Das ungewöhnliche Baugrundstück haben sich die Hindus selbst ausgesucht, denn in einem Gewerbegebiet regt sich keiner auf, wenn zum alljährlichen Tempelfest im Mai 15.000 Hindus aus ganz Europa anreisen. 14 Tage dauert das Tempelfest.
Der Höhepunkt der Feierlichkeiten ist der große Umzug. Die meisten Teilnehmer der Prozession stammen aus Sri Lanka, wo seit Jahren ein erbitterter Bürgerkrieg tobt. Einige Gläubige umkreisen rollend den Tempel. Das Wälzen über den Asphalt soll das "schlechte Wasser" einer bösen Tat aus dem Körper drücken und ihre "Göttin mit den liebenden Augen", Sri Kamadchi Ampal, wieder gnädig stimmen.
Seit 1993 schon feiern die Hindus ihr Tempelfest. Zu Anfang kamen nur 1000 Gläubige - heute sind es eben mehr 15.000, die zum Tempelfest nach Hamm pilgern, um ihre Göttin zu ehren und ihr neues Domizil zu bewundern. 2002 ist "Sri Kamadchi Ampal" zusammen mit ihren Nebengöttern in ihren neuen Tempel in Hamm eingezogen. Er ist der größte seiner Art in Europa. Die Baukosten in Höhe von 1,7 Millionen Euro werden ausschließlich über Spenden und zinslose Darlehen der Gläubigen finanziert. 45.000 hinduistische Tamilen leben in Deutschland.
Ihr religiöses Leben und ihren Alltag erforscht der Religionswissenschafter Martin Baumann im Auftrag der deutschen Forschungsgesellschaft. Die Tempel und Moscheen sind sehr wichtig, weil sie Orte sind, an denen Migranten eine eigene Heimat haben und ihre Sprache gesprochen wird. Dort treffen sie sich und haben einen sicheren Rückzugsort.
Der Tempel ist streng nach rituellen Vorgaben konzipiert. Als Vorbild für den Hindu-Tempel in Hamm diente der große Sri-Kamaksi-Tempel im südindischen Kanchipuram. Nur dreihundert Meter entfernt fließt der Datteln-Hamm-Kanal. Nach dem großen Umzug finden unter einer Brücke der Autobahn Berlin-Hannover die traditionellen rituellen Waschungen statt. Das nahe Wasser, der gute Verkehrsanschluss und die fehlende Nachbarschaft sind die Hauptgründe dafür, dass die "Sri Kamadchi Ampal"-Tempelgemeinschaft letztendlich in einem Industriegebiet sesshaft wurde. Nach Ansicht von Martin Baumann dient diese Gründung religiöser Stätten der Integration.
Direkt neben dem alten Tempel steht das Wohnhaus von Priester Sri Paskaran. Er kam 1985 als Flüchtling nach Europa. Einige Jahre später fuhr er mit dem Zug von Berlin nach Paris. Weil er Hunger hatte, verließ er in Hamm den Zug. Die Fahrtunterbrechung war für ihn das Zeichen der Götter, genau an diesem Ort einen Tempel zu errichten.
Zu Anfang war der Altar in einem Keller untergebracht, danach zogen die Hindus in eine alte Kegelbahn um. Angelika Vögeding war damals seine Nachbarin, half bei Behördengängen, übersetzte seine Schriftwechsel und organisierte die Genehmigungen für das Tempelfest. Die Solidarität der unmittelbaren Nachbarn ist für den Religionswissenschafter Martin Baumann ein weiterer Beleg für seine These: Wer Religion sichtbar lebt, gliedert sich ein. In Hamm kann jeder Andersgläubige an den täglichen "Pujas"-Zeremonien teilnehmen.
Bei diesem Ritual werden die Götter im Tempel symbolisch bewirtet, damit sie in Notlagen helfen und die Liebsten beschützen. Aus ganz Deutschland reisen Hindus dafür an, denn Hamm ist mittlerweile so etwas wie die Hauptstadt des Exil-Hinduismus in Deutschland geworden.
Die Götterwelt im Hinduismus ist vielfältig, doch im Grunde sind alle Götter nur Teile des einen, wahren Gottes Brahman, der das Absolute symbolisiert - das, was sich dem menschlichen Verstand entzieht. Welchen der vielen Götter er verehrt, kann jeder Hindu selbst entscheiden. Mit Sri Paskaran hat Sri Kamadchi Ampal einen Priester, der nicht nur die religiösen Rituale pflegt, sondern auch ein großes Organisationstalent besitzt.

Zum Thema sprachen wir mit Prof. Hans Gerhard Kippenberg vom Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt.

Forschungen zum Hinduismus in Deutschland von Martin Baumann
Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel

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03.07.2002, zuletzt aktualisiert am 04.06.2007 / mh
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