Fastende Tiere leben länger - vielleicht auch der Mensch
Mäuse haben durch die Unterernährung weniger oxidativen Stress in ihren Zellen
"Wir haben Daten aus Tierexperimenten, vor allem mit Nagern, die zeigen, dass eine leichte Reduktion der Kalorienzufuhr dazu führt, dass Tiere bis zu 30 Prozent länger leben", sagt der Präventionsmediziner Christoph Bamberger. Doch: "Für den Menschen ist das nicht bewiesen: Experimente wären auch schwer durchführbar, weil sie lange dauerten und der Forscher darüber selbst verstürbe." Stephen Spindler hat bei Mäusen gezeigt: 48 Prozent weniger Kalorien bringen 50 Prozent mehr Lebenserwartung.
Die wohlernährten Nager sind nicht so gesund und agil wie ihre fastenden Artgenossen. Bei den Tieren lassen sich die Erfolge leichter physiologisch messen, weiß Bamberger: "Wir haben weniger oxidativen Stress." Es treten weniger Zellschäden durch aggressive Sauerstoffradikale auf. Die Reparaturkapazität des Erbgutes wird erhöht. Das Abwehrsystem wird länger geschützt und der Blutzuckerspiegel wird gesenkt.
"Messen wir die Hormone, die als Altersmarker dienen, wie DHEA oder Melatonin, bleiben diese bei Tieren länger hoch, die weniger Kalorien bekommen haben", schildert Bamberger. Entscheidend für den Fasteneffekt ist das Gen SIRT1, wie US-Wissenschaftler in Harvard unter der Leitung von Haim Cohen feststellten. Ratten, die weniger Kalorien bekamen, bildeten in bestimmten Geweben mehr spezifische Proteine im SIRT1-Gen als Tiere, die unbegrenzt viel fressen durften. Experimente mit menschlichen Zellen ergaben, dass die SIRT1-Proteine das "Bax"-Eiweiß stoppen, das zum Absterben der Zellen führt. Auf diese Weise verlängert die durch eine geringere Kalorienzufuhr erhöhte Aktivität des SIRT1-Gens die Lebenszeit von Säugetieren.
Forscher um Leonard Guarente von "Massachusetts Institute of Technology" (MIT) zeigten, dass SIRT1 zudem die Fetteinlagerung hemmt. Das Geheimnis eines langen Lebens klingt banal: eine ausgewogene, nährstoffreiche und fettarme Vollwertkost mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Fisch und wenig Fleisch. Roy Walford empfiehlt, die Mahlzeiten mit Hilfe seines speziellen Computerprogramms zu berechnen, damit trotz geringer Kalorienzufuhr kein Nährstoff- und Vitaminmangel auftritt.
Forschungen aus den USA zeigen, dass eine kalorienarme, aber nährstoffreiche Ernährung auch die Lebenserwartung des Menschen beträchtlich erhöhen kann. Das Biosphere-Experiment hat gezeigt, dass auch beim Menschen wenig Essen Krankheiten verhindert, das Altern verzögert und die Lebenserwartung erhöht: In "Biosphere 2", einer Miniaturkopie der Erde, wollte man ursprünglich das Überleben in einer künftigen Marskolonie simulieren. Im September 1991 ließen sich vier Frauen und vier Männer für zwei Jahre in der künstlichen Welt einsperren. Unter ihnen der Altersforscher Walford, seinerzeit mit 67 Jahren der weitaus älteste der Gruppe.
In dem Glashaus mussten die acht Bewohner ihre Nahrung selber anpflanzen, ernten und zubereiten. Das war oft schwierig, sie konnten nicht genügend Essen produzieren. Jeder Forscher aß nur 1800 Kalorien pro Tag - halb soviel wie der durchschnittliche US-Amerikaner. Doch als sich nach zwei Jahren die Türen der Biosphere wieder öffneten, waren alle Versuchsteilnehmer zwar abgemagert, aber sehr gesund.
Ihre Blutfette und der Blutdruck waren stark gefallen, der Blutzucker um dreißig Prozent gesunken. Roy Walford hat seine Erlebnisse in der Biosphere auf Video festgehalten und die Blutproben der Teilnehmer analysiert. Es ist zwar immer schwierig, die Ergebnisse von Tierversuchen auf Menschen zu übertragen. Doch auch bei unseren nächsten Verwandten scheint das Konzept zu fruchten. Studien mit Primaten sehen sehr vielversprechend aus. Und die Tests, die mit Roy Walford in der Biosphere durchgeführt wurden, sind ermutigend. Die Versuche scheinen fast alle positiven Effekte der kalorienarmen Diät zu reproduzieren, die wir an Labortieren beobachten können. Affen leben in Gefangenschaft 40 Jahre.
Daher ist es schwierig, heute zu sagen, um wie viel die karge Kost das Leben von Primaten verlängern kann. Doch eines zeigt sich bereits: Je weniger die Tiere fressen, desto seltener leiden sie an Krebs, Herzkrankheiten und Diabetes. Nach zehn Jahren sind bei den Affen auf Diät nur zwei Tiere gestorben, während in der Kontrollgruppe mit normaler Kost acht Tiere nicht mehr am Leben sind.
Wenn man die Ergebnisse der Tierversuche auf Menschen überträgt, würde das bedeuten, dass Menschen 165 Jahre leben könnten. Wenn sie sehr früh mit der kalorienarmen Ernährung beginnen und sie auch rigoros ihr Leben lang einhalten. Eine Lebenserwartung von etwa 165 Jahren bedeutet auch, dass der Alterungsprozess verlangsamt wird. Ein Hundertjähriger sähe so aus und fühlte sich wie ein Fünfzig- oder Sechzigjähriger.

Taguchi A et al (2004) Brain IRS2 Signaling Coordinates Life Span and Nutrient Homeostasis. Science 317: 369 - 372

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09.04.2001, zuletzt aktualisiert am 18.01.2008 / mp mit Material von dpa und afp
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