"Wir wissen nicht, ob Barack Obama auf Kernkraft setzt"
Der US-amerikanischen Aufsichtsbehörde liegen 26 Anträge für neue Reaktoren vor
Sehen Sie diesen Beitrag in unserer Mediathek
"Wir haben keine Vorstellung von den Absichten Präsident Obamas in Sachen Kernenergie", sagt Michael Mariotte von den Washingtoner Atomkraftgegnern "Nuclear Information & Resource Service" (NIRS). "Wenn man in seinen letzten Reden zwischen den Zeilen liest, hat er verschiedene Energietechniken erwähnt, die er unterstützt: Kernenergie war nicht dabei. Energieminister Steven Chu sagte im Kongress, Kernenergie sei Teil des Energiemixes, als er von Kernkraftbefürwortern angesprochen wurde."
Obama will im Zuge seines Konjunkturprogramms auch Alternativenergie massiv fördern. Innerhalb von drei Jahren soll der Anteil der erneuerbaren Energie in den USA verdoppelt werden. Im Wahlkampf trat er dafür ein, Profite der Ölkonzerne stärker zu besteuern und schloss den Ausbau von Atomkraftwerken nicht aus.
Der US-amerikanischen Atomaufsichtsbehörde (NRC) liegen 26 Anträge für neue Kernreaktoren vor. Alle neue Reaktoren sollen auf dem Gelände bestehender Kraftwerke errichtet werden. Fünf verschiedene Reaktortypen aus den USA, Japan und Europa sind dafür zugelassen. Die Entscheidung soll 2010 fallen. "Wir könnten dann 2020 fünfzehn bis zwanzig neue Reaktoren am Netz haben", sagt Adrian Heymer vom Lobbyverband der Nuklearindustrie.
"Atomkraft wird es nur geben, wenn Bürger sie bezahlen"
Neue Kraftwerke sollen Arbeitsplätze schaffen
Mit den Kraftwerken entstehen Arbeitsplätze, sagen die Befürworter mitten in der Finanzkrise. "Eine Renaissance der Kernenergie wird es in den USA nur geben, wenn der Steuerzahler sie bezahlt", sagt Mariotte. "Es gibt keine Unterstützung durch den Bankensektor für die Nuklearunternehmen hierzulande: Das sei zu riskant. Es geht also nur, wenn es Kreditbürgschaften der Steuerzahler gibt. Aber was wir gerade aus der gegenwärtigen Wirtschaftskrise gelernt haben sollten: Gib kein Geld für faule Kredite!"
Bereits unter der Bush-Regierung haben die USA das Genehmigungsverfahren vereinfacht. "Vorher bekommen Betreiber eine Baugenehmigung, bauten das Kraftwerk und diskutierten dann mit der Öffentlichkeit, ob der Meiler überhaupt sicher ist", erinnert sich Adrian Heymer vom Lobbyverband der Atomindustrie, dem Kernenergie-Institut in Washington. "Jetzt kümmern sie sich um die Sicherheitsfrage, bevor sie zu bauen beginnen, und lösen Probleme, bevor überhaupt mit dem Bau begonnen wird."
Seit den 1970er Jahren waren in den USA keine Bauanträge für neue Atomkraftwerke mehr gestellt worden. Nach dem Unfall im "Three Mile Island"-Atomkraftwerk in Pennsylvania im Jahre 1979 war es zu einem Total-Stillstand gekommen. Danach wurden nur noch im Bau befindliche Atommeiler fertiggestellt, aber keine neuen beantragt. Momentan gibt es in den USA 104 Atomkraftwerke.
Die US-Regierung prüft die Endlagerung von Atom-Müll
Auch an die Abfallprodukte will gedacht sein
Die neue US-Regierung will in den kommenden Monaten einen Plan zur Endlagerung von Atom-Müll ausarbeiten, um Kernkraft langfristig zu nutzen zu ermöglichen. Chu werde eine Expertenkomission einberufen, die Vorschläge zur bislang ungelösten Frage einer Endlagerung des Abfalls machen soll. Die Aufgabe werde "in diesem Jahr erledigt" werden müssen, sagte Chu im März 2009. Die gegenwärtige Lagerung des Atommülls vor Ort in den einzelnen Atomkraftwerken werde zwar "noch einige Jahrzehnte lang sicher sein", sagte er. Doch könne die Lagerfrage im Rahmen einer langfristigen Strategie zur Nutzung der Atomenergie nicht ausgeklammert werden.
In den USA, die etwa 20 Prozent des Energiebedarfs aus Atomenergie decken, gibt es derzeit noch kein Endlager für atomaren Abfall, der bei der Produktion anfällt. Die neue US-Regierung von Präsident Barack Obama hat den seit Jahren diskutierten Plan für den Bau einer solchen Lagerstätte in den Yucca-Bergen im Bundesstaat Nevada eine Absage erteilt. Gegen diese Pläne waren Bürgerinitiativen Sturm gelaufen.


Sehen Sie diesen Beitrag in unserer Mediathek


Mehr Sicherheit nach Fast-Gau von "Three Mile Island"


Neue Energien braucht das Land - den Mix
Atomkraft
Biomasse
Brennstoffzellen
Geothermie
Solarenergie
Windkraft

"Endlager können prinzipiell Jahrtausende sicher sein"
Langfristige Sicherheit für Atommülllager gefordert
Atomstrom ist nicht die Lösung für das Klimaproblem
Nach dem Ende der Atomkraft bleibt der Energiehunger

27.03.2009 / mp mit Material von dpa und afp
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / nano [E-Mail]