Schweden will nach fast 30 Jahren zurück zur Atomkraft
1980 hatte sich das Land in einer Volksabstimmung für einen Ausstieg entschieden
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"Das mit der Atomkraft ist eine problematische Sache", sagt Kraftwerksingenieur Lars-Olov Höglung. "Wenn alles gut funktioniert, ist es fantastisch, denn bestehende Kernkraftwerke produzieren viel und vor allem billig Strom. Andererseits: Wenn es nicht gut läuft, dann haben wir die Hölle auf Erden." Schwedens Regierung hatte am 5. Februar 2009 den Bau neuer und größerer Atomreaktoren beschlossen. Damit wird das seit fast 30 Jahre in Schweden geltende Verbot von Reaktorneubauten aufgehoben.
Es war 1980 vom Reichstag nach der Entscheidung zu Schwedens Atomausstieg per Volksabstimmung eingeführt worden. Wie der konservative Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt und seine drei Koalitionspartner 5. Februar 2009 ankündigten, können die zehn bestehenden Reaktoren in drei Kraftwerken jeweils durch neue ersetzt werden.
Reinfeldts Mitterechts-Regierung will in Zukunft auch massiv auf den Ausbau von Windkraft und anderen erneuerbaren Energien setzen. Sie sollen bis 2020 rund 50 Prozent von Schwedens Energieerzeugung ausmachen. Reinfeldt sagte, mit diesen Grundsatzentscheidungen verpflichte sich Schweden auf die Reduzierung der Emission von Treibhausgasen um 40 Prozent bis 2020.
Der konservative Regierungschef sagte bei der Vorstellung der Pläne: "Wir gehen weiter als andere und zeigen auch mehr Führungskraft." Er begründete die Beibehaltung der Atomenergie und den Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien auch mit der derzeitigen Wirtschaftskrise. Die Regierung setze nun "ein Zeichen der Hoffnung" und gebe auch an Europa wichtige Signale, ehe Schweden im zweiten Halbjahr die EU-Ratspräsidentschaft übernehme.
Sozialdemokratische Opposition will beim Ausstieg bleiben
Die sozialdemokratische Partei will erneuerbare Energien
Bisher decken zehn Reaktoren in den Kraftwerken Oskarshamn, Forsmark und Ringhals knapp die Hälfte des schwedischen Strombedarfs. Als bisher einziges Kraftwerk wurde Barsebäck bei Malmö mit zwei Reaktoren im Gefolge des Ausstiegs-Beschlusses stillgelegt. In der Koalition hatte sich das Zentrum als traditionelle Anti-Atom-Partei lange gegen grünes Licht für Reaktorneubauten gesperrt. Für das rot-grüne Oppositionslager verlangte die sozialdemokratische Parteichefin Mona Sahlin ein Festhalten am früher beschlossenen Ausstieg aus der Atomkraft. Sie nannte die Weichenstellungen der Reinfeldt-Regierung "schlecht gemacht".
"Wir wollen einen schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien", sagt Sahlin. "Statt langsam die teure Atomenergie weiter auszubauen." Der Regierungschef konterte mit der Ankündigung, die Energiepolitik zu einem zentralen Wahlkampfthema 2010 zu machen.
Energiekonzerne sollen die Kosten komplett tragen
Die Konzerne planen nun die Energiewende
Nach den neuen Regierungsplänen können altersbedingt vor der Abschaltung stehenden Reaktoren jeweils durch neue ersetzt werden. Dabei erklärte der liberale Parteichef und Ausbildungsminister Jan Björklund ausdrücklich, die neuen Reaktoren könnten über eine höhere Leistung verfügen als die alten. Neubauten sollen ohne staatliche Subventionen rein privat finanziert und betrieben werden. "Genau das haben wir seit Jahren gefordert", sagt Hans von Uthmann, stellvertretender Konzernchef von Vattenfall. "Das Ganze wird natürlich viel Geld kosten. Die alten Reaktoren müssen durch neue ersetzt werden, was uns die Regierung jetzt ermöglicht. Aber wir müssen uns alles ganz genau überlegen und schauen wie wir das finanzieren. Doch wir haben ja auch noch ein bisschen Zeit."
Für eine Entscheidung zum Ausbau der Atomenergie in Schweden hatten sich in den letzten Jahren immer wieder die dort führenden Energiekonzerne ausgesprochen, von denen die heimischen Atomreaktoren betrieben werden. Zu ihnen gehören der staatliche Vattenfall-Konzern, der auch in Deutschland aktiv ist, sowie das deutsche Unternehmen "E-On"
Atomenenergie in weiteren Ländern Europas
Weltweit wird Atomenergie in 31 Staaten genutzt. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums erreichen insgesamt 444 Kernkraftwerksblöcke eine Gesamtbruttoleistung von 389.617 Megawatt (MWe). Der Anteil der Atomkraftwerke (AKW) an der Stromerzeugung liegt weltweit bei 17, in der Europäischen Union bei 31 Prozent.
In Deutschland erzeugen 17 AKW insgesamt 20 470 MWe. Das sind 25,9 Prozent der Stromerzeugung. Nachdem die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2000 mit der Atomwirtschaft den Ausstieg vereinbart hat, dürfen keine neuen AKW mehr gebaut werden. Bis etwa 2021 sollen alle Kraftwerke abgeschaltet sein. Die Union will nach der Bundestagswahl den Ausstieg rückgängig machen. Die Laufzeiten "sicherer Kraftwerke" sollen verlängert werden, Neubauten stehen aber nicht zur Diskussion.
Frankreich setzt mit einem Anteil von 76,8 Prozent wie kein zweiter Staat Europas auf Atomkraft. 59 AKW erzeugen zusammen 63 260 MWe. Präsident Nicolas Sarkozy setzt sich zudem intensiv für den Export französischer Atomtechnologie ein.
Britische AKW erzeugen bereits seit 1956 Strom. 2008 brachten es 19 Kraftwerke mit zusammen 10.222 MWe auf einen Anteil von 15,1 Prozent. London setzt wegen der steigenden Ölpreise und des Klimawandels verstärkt auf Atomkraft. Ein neues Energiegesetz soll den Bau geplanter Anlagen erleichtern.
Italien hatte nach einem Referendum vor mehr als 20 Jahren als einziges der G8-Länder auf Atomkraft verzichtet. Nach der Energiewende durch den konservativen Regierungschef Silvio Berlusconi soll nun bis 2020 der erste von mindestens vier Meilern mit einer Leistung von je 1800 MWe an Netz gehen.
Schweden war 1980 nach einer Volksabstimmung aus der Atomenergie ausgestiegen. Die Energie-Wende des konservativen Ministerpräsidenten Fredrik Reinfeldt macht nun den Weg frei zum Bau neuer und größerer Reaktoren, die ältere ersetzen sollen. Bisher decken zehn AKW mit zusammen 9014 MWe etwa 46,1 Prozent des schwedischen Strombedarfs.
Um unabhängiger von russischen Öl- und Gaslieferungen zu werden, setzen auch Länder Osteuropas verstärkt auf Atomkraft. In Bulgarien (zwei AKW mit 1906 MWe) wurde der Neustart von zwei abgeschalteten Reaktoren sowjetischer Bauart im umstrittenen AKW Kosloduj beschlossen. Die Slowakei (fünf AKW mit 2034 MWe) hält an Plänen zum Wiederanfahren des wegen Sicherheitsmängeln abgeschalteten Reaktors in Jaslovske Bohunice fest. Tschechien (sechs AKW mit 3619 MWe) wird das umstrittene AKW Temelin von zwei auf vier Blöcke ausbauen.


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27.02.2009 / jus mit Material der dpa
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