"Schule bereitet Schüler für die Arbeitswelt wenig vor"
Die Bildungsforscherin Heike Solga sagt, dass sich die Ausbildung ändern muss
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Mehr in der Schule verändern als nachträglich reparieren - so bringt die Bildungsforscherin Heike Solga die Maßnahmen für eine Änderung des Schulsystems auf den Punkt. Derzeit laufe alles darauf hinaus, dass es Angebote gebe für diejenigen, die in der Schule nicht weiter gekommen sind. "Ich glaube, dass man für die Jugendlichen jetzt etwas tun muss und nicht einfach abwarten kann", sagt Solga. "Aber das sollte keine Vision für die Zukunft sein, weil das eine Reparatur des Reparatursystems ist."
"Diese ganzen Berufsvorbereitungsmaßnahmen sind ja eigentlich Hilfskonstrukte für eine eventuale Ausbildung", meint Solga. "Jetzt wir das ein bisschen früher angepackt, weil wir merken: Wir kommen zu spät." Es sei wichtiger, jeder bekomme einen Ausbildungs- als einen Schulabschluss. Solgas Empfehlung: Die Maßnahmen wie Praxisklassen, etwa im Christlichen Jugenddorfwerk in Berlin besser mit der Ausbildung zu kombinieren. So könnten die Jugendlichen früher an eine Ausbildunsstelle herangeführt werden. Das Problem sei jedoch, dass bei vielen Projekten eine Evaluation fehle. Es bleibe unklar, ob die Initiativen den gewünschten Effekt erzielten oder nicht mitunter gegenteilig wirkten, berichtet Solga.
Anforderungen im Beruf haben sich verändert
Gezielte Vorbereitung auf den Beruf
Ein Problem des Schulsystems sei, dass etwa Berufspraktika in der achten Klasse zu spät kämen, wenn die Schüler mit dem Hauptschulabschluss bereits nach der neunten Klasse die Schule verlassen und eine Ausbildung beginnen sollen. Von 80.000 Schualbbrechern jährlich finden 20 Prozent einen Ausbildungsplatz. Durch berufsvorbereitende Maßnahmen kommen weitere 40 Prozent unter. Dieses Übergangssystem galt einmal als erfolgreich, doch es kann demotivieren. Zumal in 2008 385.000 aus den Jahren zuvor ebenfalls eine Lehrstelle suchten.
"Wenn wir uns den Nationalen Bildungsbericht anschauen, dann wissen wir, dass eben trotzdem mindestens 50 Prozent dieser Jugendlichen im Übergangssystem landen", sagt die Bildungsforscherin. "Selbst der Dreher steht nicht mehr da und pfeilt, sondern hat eine mit Computerteilen bediente Maschine vor sich. Also man braucht eher andere Kompetenzen als das, was wir ursprünglich der Hauptschule zugeschrieben haben."
Studie: Ein langsamer Start in den Beruf kostet Milliarden
Lange Übergangszeiten von Schule und Beruf sind teuer
Die Schwierigkeiten vieler Jugendlicher in Deutschland beim Berufseinstieg kosten Milliardensummen. Für 2007 bis 2015 könnten laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag der Bertelsmann Stiftung 29,3 Milliarden Euro an direkten und indirekten Kosten bei der Integration Jugendlicher in den Arbeitsmarkt gespart werden. Voraussetzung seien "grundlegende bildungspolitische Weichenstellungen", teilte die Stiftung am 12. Oktober 2008 mit. Berufliche Qualifizierung von An- und Ungelernten, der Einstieg in den Beruf und ein höheres Einkommen bedeuteten ein Wertschöpfungspotenzial von 21,5 Milliarden Euro.
Um das Einspar- und Wertschöpfungsvolumen von 50 Milliarden Euro zu erreichen, müsse die Zahl der Schulabgänger mit "mangelnder Ausbildungsreife" sowie der Abgänger in Warteschleifen wie Berufsvorbereitungskursen um je ein Drittel sinken. Außerdem müssten fünf Prozent der heute Geringqualifizierten nachträglich einen Berufsabschluss erwerben, ergab die Studie. "Aus unserer Sicht wird das wichtige Thema der Berufsausbildung immer noch nicht konsequent genug behandelt", mahnte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Gunter Thielen.
Die Berechnung der direkten Kosten für die Integration Jugendlicher in die Arbeitswelt beruhten auf Zahlen des Jahres 2006. In dem Jahr hätten Bund, Länder, Kommunen und die Bundesagentur für Arbeit 5,6 Milliarden Euro für Hilfsangebote der Berufsvorbereitung ausgegeben. Knapp 438.000 Jugendliche nahmen daran teil, rechnerisch verbringe jeder Schulabgänger mit maximal Hauptschulabschluss rund 1,4 Jahre in dem "Übergangssystem". Bei den indirekten Kosten könne beim Arbeitslosengeld und der sozialen Mindestsicherung gespart werden, wenn Jugendliche besser in Ausbildung und Beruf eingebunden wären.


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22.10.2008 / jus mit Material der dpa
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