Studenten im Hörsaal Video
Büffeln für Bachelor und Master - da bleibt wenig Zeit für andere Dinge
Studenten brauchen oft Hilfe von Psychologen
Oft leiden schon Studis im ersten Semester
Der neue Leistungsdruck beim Bachelor-Abschluss löst bei Studenten immer häufiger seelische Probleme aus. "Ganz fatal ist, dass jedes Bisschen abgeprüft werden muss", sagt Studienberater Volker Koscielny.
Das belaste besonders Studenten mit Leistungsängsten. Die hohe Anzahl der Prüfungen bezeichnete der Hochschulpsychologe als "extrem übertrieben". Stattdessen sprach er sich für "mehr Freiwilligkeit bei der Anwesenheit in den Seminaren" aus.


Wer neben dem Studium arbeitet, stößt an Grenzen
Viele Studenten fühlen sich überlastet
"Das Bachelor-Studium ist ausgerichtet auf Leute, die sich 40 Stunden in der Woche ohne weitere Sorgen und Nöte auf das Studium konzentrieren und alles hinein geben können, und die kommen in der Regel damit auch gut klar", sagt Schumann. "Aber Lebensrealität ist, dass wir sieben Prozent aller Studierenden haben, die Kinder versorgen müssen, wir haben viele Studierende, die Gelderwerb leisten müssen. Sie machen das nicht aus Konsumwünschen, sondern wirklich, um ihr Überleben zu sichern. Sie haben nicht die Zeit zur Verfügung, 40 Stunden zu arbeiten und kommen mit dem Studium sehr leicht ins Hintertreffen."


Mehr Geisteswissenschaftler brauchen Hilfe
Viele Bachelor-Studenten litten unter Depressivität oder daran, "vor lauter Angst" nicht lernen zu können. Während früher eher Mediziner und Juristen über "akute Verzweiflungszustände" geklagt hätten, kämen seit dem Bachelor deutlich mehr Geisteswissenschaftler zur Beratung.

"Jeder fünfte Hilfesuchende braucht neben der Beratung eine professionelle Psychotherapie", sagte Koscielny. Ferner sehe er Bedarf an mehr Fachleuten in der psychologischen Beratungsstelle der Uni. Dazu fehle jedoch das Geld. 2008 hätten allein an der Uni Münster 850 Studenten wegen seelischer Probleme Hilfe gesucht, 30 mehr als im Jahr davor.


Behinderte leiden unter Bachelor- und Master
Behinderte haben es mit dem Bachelor noch schwerer
Behinderte und chronisch Kranke müssen nicht nur das Studium meistern, sondern zusätzlich ihre behinderungsbedingten Alltagsprobleme. Medizinische Rehabilitation oder therapeutische Behandlungen gehen zu Lasten von Seminaren und Vorlesungen. Zudem sind längst nicht alle Universitäten durchweg behindertengerecht ausgestattet. Diese Mehrfachbelastungen führten oft dazu, dass Behinderte ihr Studium abbrechen, sagt Andy Bittner von der Berliner Initiative gebärdensprachiger StudentInnen.


36 Prozent der Behinderten beeinträchtigt
Stressfaktor Studium
Mit den neuen Studiengängen sollte die Verweildauer der Studenten an den Universitäten deutlich gesenkt werden. Starre Zeit- und Belegvorgaben regeln seither die in jedem Semester abzuleistenden Seminare - die Studenten müssen neuerdings im Gleichschritt vorankommen. "Leider sind aber gerade Studierende mit einer Behinderung oder einer chronischen Erkrankung oft nicht in der Lage, diese rigorosen Zeitvorgaben einzuhalten", sagt Sandra Ohlenforst, Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Behinderung und Studium.



Studenten engagieren sich weniger ehrenamtlich
Nur noch büffeln und immer weniger Ehrenamt
Die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge lassen Studenten offenbar auch immer weniger Zeit für ehrenamtliches Engagement. Wie das in Düsseldorf erscheinende Monatsmagazin "Handelsblatt - Junge Karriere" im Februar 2009 unter Berufung auf das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung berichtet, sank die Zahl freiwillig tätiger Studenten auf ein Drittel. Nach einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) hätten sich 2006 noch zwei Drittel aller Studenten an sozialen Projekten beteiligt.


Wirtschaft fordert Übersichtlichkeit bei Abschlüssen
Auch die Wirtschaft kritisiert die neuen Abschlüsse
Die deutsche Wirtschaft fordert von den Hochschulen bei den neuen Bachelor-Studienabschlüssen mehr Übersichtlichkeit. Jede Hochschule entwickle derzeit ihre eigene Version der zeitlich aufeinander aufbauenden Bachelor- und Masterabschlüsse, kritisierte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, am 5. November 2008. Dabei seien vielen Unternehmen auch die Inhalte der neuen Studiengänge noch nicht klar.



"An den Hochschulen muss nachgesteuert werden"
Zur Kritik der Studierenden, die sich in dem deutlich kürzeren Bachelor-Studiengang bei ihrem Lernen vielfach wie "Hamster im Laufrad" fühlen, sagte Wansleben: "An vielen Hochschulen muss noch nachgesteuert werden. Viele Studiengänge wurden lediglich umetikettiert: Bestehende Inhalte und Veranstaltungen wurden eins zu eins in die neue Studienstruktur überführt und teilweise stark verdichtet."


Mehr Studienabbrecher bei Bachelorstudiengängen
Mehr Personen beenden ihr Studium vorzeitig
Bei den neuen straff organisierten Bachelorstudiengängen an Hochschulen gibt es, anders als erhofft, nicht weniger sondern mehr Studienabbrecher. Das geht aus einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) von 2008 hervor. An den Fachhochschulen liegt danach die Abbrecherquote in Bachelorstudiengängen bei 39 Prozent. Die Gesamtabbrecherzahl in allen Studiengängen beträgt 22 Prozent. An den Unis scheiterten 25 Prozent der Bachelorstudenten, von allen Studenten 20 Prozent.


"Bulemie-Learning" kam mit dem Bachelor
Stress pur - an der Hochschule
Der Begriff "Bulemie-Learning" ist mit dem Bachelor-Studiengängen aufgekommen: Stoff für die Klausur pauken, dann zur Prüfung wieder ausspucken. Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, sagte, der kürzere Bachelor-Studiengang erfordere bessere Betreuung und kleinere Lerngruppen. "Dazu brauchen wir mehr Dozenten. Aber bis heute gibt es kein Geld dafür." Das Deutsche Studentenwerk (DSW) reagierte mit Besorgnis auf die Entwicklung. Das verdichtete Lernen und die hohen Präsenzzeiten im Studium ließen keine Flexibilität mehr zu.


50 Staaten führen die Studiengänge bis 2010 ein
Bis 2010 sollen die Studiengänge eingeführt sein
"Die haben Probleme bei der Studienfinanzierung und müssen zum großen Teil nebenbei noch arbeiten. Das wissen wir auch aus Studien. Insofern ist die hohe Belastung im Studium mit der Notwendigkeit, arbeiten zu müssen, ein Riesenproblem für diejenigen, was dazu führt, dass die abbrechen müssen." Der Bachelorstudiengang soll in der Regel nach sechs Semestern zu einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss führen. Auf ihn baut der Masterstudiengang auf. Weltweit haben sich mehr als 50 Staaten verpflichtet, im Bologna-Prozess bis 2010 ein solches gestuftes Studiengangsystem einzuführen.


Mehr Studenten sollen in die Ingenieurstudiengänge
Ingenieure sind gefragt
Nach Heubleins Angaben spielen der Maschinenbau und die Elektrotechnik eine zentrale Rolle bei den hohen Abbruchquoten. "Das ist natürlich in der Diskussion im Augenblick verheerend", meint Prof. Andreas Geiger, Vizepräsident der Hochulrektoren-Konferenz. "Wir brauchen dringend gut ausgebildete Ingenieure. Wir bemühen uns, mehr Studierende in die Ingenieurstudiengänge zu bekommen. Auf der anderen Seite kommen durch diese Abbrecherquote tatsächlich weniger raus." Dobischat sagte, die Lehrpläne müssten in den Bachelor-Studiengängen auf die soziale Situation der Studenten Rücksicht nehmen und dürften nicht überfrachtet werden.


Rektoren wollen Studien-Reform nachbessern
Grübeln über neue Konzepte
"Die ersten Aussagen sind aus meiner Sicht nicht dazu geeignet, den Bologna-Prozess insgesamt in Frage zu stellen", räumt Annegret Kramp-Karrenbauer ein, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, "aber sie geben uns schon den ein oder anderen Hinweis, dass wir speziell an Fachhochschulen und speziell in dem ein oder anderen Studiengang wirklich genau hinschauen müssen, was wir an der Gestaltung der Bachelorstudiengänge verbessern müssen." Die Hochschulen in Deutschland wollen die Reform ihrer Studiengänge nachbessern. "Wir brauchen weniger Studienabbruch, weniger überlange Studienzeiten und mehr Mobilität", sagte die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel.


Die Lehre sei unterfinanziert sowie überreguliert
Geld fehlt an den Hochschulen
Ein wesentliches Ärgernis für die Rektoren ist die aus ihrer Sicht schlechte Betreuungsrelation zwischen Dozenten und Studenten. Diese sei mitunter unerträglich, klagte Wintermantel. Daher erneuerte sie ihre Forderung nach mehr Geld für Lehrpersonal. Schätzungen zufolge seien unter Berücksichtigung der steigenden Studentenzahlen im Schnitt 2,3 Millionen Euro jährlich zusätzlich notwendig. Die Lehre sei unterfinanziert, überreguliert und wenig reputationsträchtig, kritisierte die Präsidentin. Beim Nachbessern der Reform der Studiengänge gehe es nicht um ein "hektisches Nachsteuern als Krisenmanagement", betonte der Rektor der Universität Jena, Klaus Dicke. Dafür sei ein kritisches Mitwirken aller Beteiligten an den Hochschulen notwendig.


Mediathek
VideoZum Thema sprachen wir am 17. November 2009 mit dem Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Prof. Peter Strohschneider.
Mediathek
VideoZum Thema Bachelor- und Masterstudiengänge sprachen wir am 16. Juni 2009 mit Prof. Ulrich Teichler von der Uni Kassel, Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums für Berufs- und Hochschulforschung
Glossar
Bachelor und Master - Abschlüsse für Europa
Bis 2010 sollen in Europa Bachelor und Master als Hochschulabschlüsse eingeführt sein. Für Deutschland, wo es sie an vielen Hochschulen schon gibt, bedeutet dies eine tiefgreifende Reform mit Folgen.
Forum
Sagen Sie uns Ihre Meinung zum Thema "Stress durch Bachelor".
Gast
VideoZum Thema sprachen wir am 8. Mai 2008 mit Dr. Michael Hartmer, Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbands
Schwerpunkt
Uni 2000+: Hochschulen suchen den Weg in die Zukunft
Info
Die Hochschulrektorenkonferenz ist ein freiwilliger Zusammenschluss von derzeit 258 Hochschulen in Deutschland. Damit repräsentieren sie etwa 98 Prozent der Studenten.
Links
"Ärger um den Abschluss - Bologna-Reform sorgt für Stress und Angst" vom SWR "Untersuchung des Studienerfolgs von Studierenden der zum Wintersemester 2004 / 2005 neu eingeführten Bachelorstudiengänge" von der FU Berlin (PDF)
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08.05.2008, zuletzt aktualisiert am 17.11.2009 / mp, jus mit Material von dpa, kna, epd