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Immer mehr Schüler in Deutschland greifen zu leistungsfördernden Mitteln
"Das Medikament Ritalin ist kein Nahrungszusatz"
Jugendliche verkaufen Pillen auf dem Schulhof
"Psychopharmaka bei Kindern anzuwenden, kann fatal sein", meint der Bremer Pharmakologe Prof. Gerd Glaeske. Viele Schüler bekommen beispielsweise Ritalin, um ihre Konzentration zu steigen.
"Ritalin ist kein harmloser Nahrungszusatz, sondern ein Medikament." Unter Fachleuten sehr umstrittene Untersuchungen weisen darauf hin, dass Ritalin möglicherweise das Wachstum von bestimmten Nervenzellen im sich entwickelnden Gehirn bremsen könnte.

Ein Viertel der Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren nehme "ausgesprochen viele Schmerzmittel. Das hat nicht nur was den Regelschmerzen zu tun, sondern auch damit, dass man nicht auffällig werden will." Der Kinder- und Jugendarzt Dr. Wolf-Rüdiger sagt: "Schüler sind in weiterführenden Schulen enormen Druck ausgeliefert und setzen sich auch selbst unter Druck, was sich dann in pyschosomatischen Beschwerden - Kopf-, Muskel- oder Rückenschmerzen - äußert."

Aufkeimende Infekte würden nicht auskuriert, sondern direkt mit Antibiotika behandelt: "Die frühzeitige unnötige Einnahme von Antibiotika kann für junge Menschen langfristig lebensgefährlich sein, denn die Keime entwickeln in aller Welt eine Abwehr gegen diese Mittel." So züchte man Resistenzen gegen Antibiotika, meint Glaeske: "Das kann auf Dauer dazu führen, dass Antibiotika nicht mehr wirken." Auch Homöopathika, die nur über den Placebo wirken, könnten gefährlich sein. So werde der Glaube geschürt, dass Medizin ohne Medikamente nicht vollständig sein könne.

Hochkonjunktur für "Gehirndoping" in den USA
Ein Viertel aller Studenten in den USA putscht sich bereits mit Medikamenten auf. Konjunktur haben vor allem die Amphetamine Ritalin und das in Deutschland nicht zugelassene Adderall. Beide sind eigentlich für Patienten mit der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gedacht, steigern die Konzentration aber auch bei gesunden Menschen.

Das Narkolepsie-Mittel Modafinil soll starke Tagesmüdigkeit vertreiben und kann Studien zufolge auch ausgeruhte Personen zu Höchstleistungen anspornen. Manche Alzheimer-Medikamente können demnach ebenfalls das Gedächtnis auf Trab bringen. Das Amphetamin Adderall kann laut Packungsbeilage zu plötzlichem Herztod, Infarkt und Schlaganfall führen, vor allem bei Menschen mit Herzkreislauf-Erkrankungen.

Immer mehr Schüler in Deutschland dopen ihr Gehirn
Schüler Lupe
Büffeln, pauken, schlucken: Schüler unter Druck
Nach Schätzungen von 2002 nehmen allein in Nordrhein-Westfalen mindestens 10.000 Schüler regelmäßig Medikamente gegen Konzentrationsstörungen ein. Ähnlich hoch ist der Anteil auch in anderen Bundesländern. Vor allem mit der verschreibungspflichtigen Substanz Methylphenidat wird auf dem Schulhof gedealt. Methylphenidat soll in seiner chemischen Zusammensetzung Kokain und Speed ähneln. Experten schätzen, dass allein in Deutschland jährlich 31 Millionen Methylphenidat-Pillen geschluckt werden, teilweise sogar schon von Kindern ab drei Jahren.

Die Mittel wirken meist bei Menschen mit einem geringen Leistungsniveau. Die Wirkung kann bei einem gut geschulten kognitiven Gehirn ins Gegenteil umschlagen. "Es gibt zwar eine individuelle Schwankungsbreite und es gibt auch bei der Verarbeitung Unterschiede im Stoffwechsel, aber im Mittelbereich wirkt die Substanz und die Untersuchten lernen schneller und besser", sagt Stefan Knecht von der Uni Münster.

Unter Schülern und Studenten ist Ritalin ein beliebtes Aufputschmittel für Prüfungen. Das rezeptpflichtige Medikament, das Ärzte Patienten mit dem ADHS verschreiben, soll laut US-Studien auch bei Gesunden die Konzentrations- und Problemlösungsfähigkeiten verbessern. Beliebt ist auch das Medikament Modafinil, das die US-Armee ihren Piloten bei Kampfeinsätzen überlässt. Es wird zur Behandlung von Narkolepsie verschrieben, steigert aber auch nachweislich die Leistungen beim Kopfrechnen und das räumliche Denken. Beide Mittel kann man ohne Rezept über das Internet bekommen.

"Wir alle versuchen permanent, uns gegenüber unseren Mitbewerbern einen Vorteil zu verschaffen", sagt der Philosoph Thorsten Galert von der Europäischen Akademie. "Die Juristen beispielsweise besuchen gezielt bestimmte Vorbereitungskurse, durch die die Chance beim Examen erhöht wird. Diese Kurse sind sehr teuer. Eine Pille dagegen wäre sehr preiswert, so dass die Leute, die sich keinen teuren Kurs leisten können, wenigstens mit den Pillen die Chance hätten, die Prüfung zu bestehen."

"Fast jeder wird die Präparate nutzen wollen"
Pille auf Hand Lupe
Ernsthafte Forscher rieten zu den Pillen
Der Aufruf klang zunächst wie ein Scherz, war aber im Dezember 2008 durchaus ernst gemeint: Nicht nur hyperaktive Kinder oder Patienten mit schlechtem Gedächtnis sollen Präparate schlucken dürfen, die die Hirnleistung verbessern. Dieses Recht müsse auch gesunden Menschen zustehen, fordern sieben Wissenschaftler in "Nature". Die Verfasser - darunter Hirnforscher, Mediziner, Ethikexperten und der Chefredakteur der Zeitschrift - verweisen darauf, dass viele Schüler und Studenten bereits Stimulanzien wie das Amphetamin Ritalin illegal verwenden, um bessere Leistungen zu erzielen. Der Bedarf an solchen Präparaten werde künftig steigen, und zwar auch in anderen Gruppen der Gesellschaft, prognostizieren die Wissenschaftler.

Hirnforscherin Martha Farah von der Universität von Pennsylvania gehört zu den Unterzeichnern des Textes. Die "Hirnpillen" könnten künftig etwa Erwachsenen mittleren Alters helfen, die ein jugendlich-frisches Gedächtnis wünschten, oder vielbeschäftigten Angestellten, die ihre zahlreichen Verpflichtungen erfüllen müssten, sagt sie und fügt hinzu: "Fast jeder wird die Präparate nutzen wollen."

Dass manche Menschen beim Gedanken an ein solches Szenario Unbehagen beschleicht, verstehen Farah und ihre Kollegen nicht. "Wir sollten neue Verfahren begrüßen, die unsere Gehirnfunktion verbessern", schreiben sie. Das Schlucken solcher Pillen sei nicht verwerflicher als eine gesunde Ernährung oder der Wunsch nach ausreichend Schlaf.

"Die Risiken müssten noch besser erforscht werden"
Pillen Lupe
Zu Risiken und Nebenwirkungen wissen Forscher wenig
Lediglich die Risiken der Präparate müssten noch besser erforscht werden, räumen die Autoren ein. "Ich wäre der erste Interessent, wenn es sichere und wirksame Mittel gäbe, die Koffein übertrumpften", sagt Mitverfasser Michael Gazzaniga von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara. Die Idee zu dem Aufruf kam den Forschern bei einem Seminar in New York, das "Nature" gemeinsam mit der Rockefeller-Universität veranstaltete. Die Autoren verweisen auf eine Umfrage aus 2001 an 11.000 College-Schülern: Darin gaben vier Prozent der Befragten zu, im Vorjahr mindestens einmal illegal verschreibungspflichtige Stimulanzien genommen zu haben. An manchen Schulen gestand sogar jeder vierte Befragte solche Erfahrungen. "Es ist eine Straftat, aber es wird gemacht", sagt Farah.

Nach dem Willen der Forscher sollen Pharmahersteller künftig für sichere und wirksame Mittel sogar werben dürfen. Allerdings müsse man sicherstellen, dass niemand gegen seinen Willen zur Einnahme gezwungen werde. Manche Gesundheitsforscher halten dem Aufruf zugute, den Blick auf einen bislang vernachlässigten Punkt gelenkt zu haben. So begrüßt der Bioethiker Erik Patterns vom Hastings Center in Garrison, dass das Thema nun öffentlich diskutiert wird.

Selbst Norah Volkow, Leiterin des Nationalen Instituts für Drogenmissbrauch, stimmt dem Artikel insofern zu, als die Einnahme solcher Mittel ohne Rezept besser erforscht werden sollte. Allerdings fürchtet sie, ein weit verbreiteter Konsum solcher Präparate könne dazu führen, dass mehr Menschen davon abhängig würden. "Ob es uns gefällt oder nicht, diese Eigenschaft von Stimulanzien verschwindet nicht", sagt sie.

Die schärfste Kritik kommt von dem Bioethiker Leigh Turner von der Universität von Minnesota. "Das ist eine schöne Lobeshymne, um Medikamente an Menschen zu vermarkten, die keinerlei Krankheit haben", sagt er. Farah hat nach eigenen Angaben zwar keine Beziehungen zu Herstellern von Medikamenten. Aber mindestens zwei der anderen Autoren arbeiten als Berater für Pharmaunternehmen.

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Unter Druck
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"Wenn wir weiter Kinder mit zu viel Wissen in zu kurzer Zeit vollstopfen, bekommen wir eine Generation, für die Lernen negativ besetzt ist", sagt Gehirnforscher Prof. Martin Korte zum Abitur in acht Jahren.
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Das hyperaktive Kind und seine Probleme
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Hyperaktive Jugendliche und ihre Probleme
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08.04.2002, zuletzt aktualisiert am 12.10.2009 / wd, db, mp mit Material von dpa und ap