Kind hält sich die Ohren zu
Lärm hält vom Lärmen ab, das bestätigt jetzt die Wissenschaft
Nur gute Akustik macht gute Schüler
Sonst sinkt das Lernniveau auf 59 Prozent
In einem akustisch gut gestalteten Raum sind die Schüler im Schnitt zehn Prozent leistungsfähiger, hat die Oldenburger Psychologin Dr. Maria Klatte herausgefunden. Sowohl beim Behalten gehörter Ziffernfolgen als auch beim Ausführen komplexer mündlicher Anweisungen erbrachten die Kinder wesentlich bessere Leistungen, wenn das unter optimalen Sprachverständlichkeits-Bedingungen aufgenommene Material dargeboten wurde.
Ist kein Störgeräusch vorhanden, verstehen Kinder 93 Prozent der Wörter. Kommt in einem akustisch guten Raum ein Störgeräusch hinzu, verstehen sie nur noch 71 Prozent. In einem akustisch schlechten Raum sinkt dies auf 59 Prozent. "

Die Sprachverarbeitung verläuft bei Kindern weniger automatisiert und ist weniger geübt als bei uns", sagt Klatte. "Wir üben das ja schon viel länger. Deshalb sind Kinder weniger in der Lage als wir, fehlende Informationen zu ergänzen, die sie aufgrund schlechter Hörbedingungen nicht akustisch wahrnehmen konnten."

Bei komplexen Aufgaben verstehen Kinder 73 Prozent der Anweisungen, mit Störungen nur noch 53 Prozent. "Diese Störungen kann man nicht dadurch erklären, dass die Kinder die Wörter nicht mehr verstehen", so Klatte. "Das sind Wirkungen, die sich auf einer höheren Ebene des Merkens und Verarbeitens von Informationen abspielen."

Je jünger die Kinder sind, desto stärker sind die Wirkungen von ungünstigen Hörbedingungen. "Es gibt bestimmte Gruppen von Kindern, wo es nochmal wichtiger ist: Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache, die sowieso schon Schwierigkeiten haben, die Sprache zu verstehen, sowie Kinder mit Lernbeeinträchtigungen."

Berufskrankheit: Stimm- und Kehlkopfprobleme
Studie
Fragen alleine liefert keine Erkenntnisse
Zur Beurteilung der akustischen Qualität eines Unterrichtsraumes reiche es also offensichtlich nicht aus, die hinten sitzenden Personen zu fragen, wie gut sie die Sprache verstehen, folgern die Oldenburger Wissenschaftler. "Wir haben aus den Lehreraussagen entnehmen können, dass die Lehrer beobachtet haben, dass die Schüler im Unterricht und in den Pausen weniger aggressiv gewesen sind", sagt der Psychologe Dr. Markus Meis vom Oldenburger Hörzentrum. Dadurch werde nicht nur die Motivation und Lernfähigkeit von Schülern eingeschränkt, Schwerhörigkeit sowie Stimm- und Kehlkopfprobleme zählten mittlerweile zu den typischen Berufskrankheiten von Lehrern.

"Die Zahl der Lehrer knapp über 50, die heute bereits ein Hörgerät tragen, steigt", sagte die stellvertretende GEW-Landesvorsitzende Renate Boese. Lehrer, die in lauten Räumen unterrichten, haben einen um zehn Schläge pro Minute erhöhten Pulsschlag. Lehrkräfte, die schon länger im Beruf stehen, leiden besonders stark unter dem Lärm. Das Unterrichten in halligen und somit lauten Räumen bedeutet ständiges Reden mit erhobener Stimme, was auf Dauer sehr anstrengt.

Der Unterrichtsfluss wird durch häufiges Wiederholen von Informationen und Ermahnungen der Kinder zur Ruhe unterbrochen. Hohe Lärmpegel erschweren die Konzentration auf den Unterrichtsverlauf. Unlust, Ärger, Erschöpfung sowie Hals- und Stimmprobleme sind die Folge. Übereinstimmend zeigte sich in einer schottischen Studie bei denjenigen Lehrkräften, die vorwiegend in raumakustisch ungünstigen Klassenräumen unterrichteten, ein höherer Krankenstand als bei den Kollegen, die in besseren Räumen tätig waren.

Darüber hinaus wirken sich ungünstige Hörbedingungen auch auf die Qualität der Kommunikation aus. Die Mitteilungen werden kürzer und einfacher formuliert, es wird langsamer gesprochen, der Tonfall wird monotoner und insgesamt wird weniger mitgeteilt.

Schwerpunkt
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Info
In der Arbeitsstättenverordnung ist als Grenzwert für Arbeitsplätze mit vorwiegend geistigen Tätigkeiten ein Mittelwert von 55 Dezibel festgelegt. Für Tätigkeiten, bei denen die sprachliche Kommunikation im Vordergrund steht, werden sogar Werte von 40 Dezibel gefordert.
Links
"Gehörschutz für Sportlehrer?", "Akustik in Schulen: Könnt ihr denn nicht zuhören?!" (PDF) und "Akustische Bedingungen in Schulen und ihre Wirkungen auf das Lernen und Lehren" von der Uni Oldenburg Forschungsvorhaben "Lärm in der schulischen Umwelt und kognitive Leistungen bei Grundschulkindern" von der Fraunhofer-Gesellschaft "Wie bitte?" von der Süddeutschen Zeitung
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10.01.2008, zuletzt aktualisiert am 18.05.2009 / mp